Brüsseler Eurokraten frikassieren den Genuß

  

Ein Gespenst geht um und heißt Genußfeindlichkeit. Vegetarier beschimpfen Fleischesser, Tierschützer diskriminieren Gourmets, die Hummer köstlich finden, Abstinenzler halten Weinfreunde für Alkoholiker, selbsternannte Volksgesundheitsapostel hetzen gegen Zucker, Tabak, Fett, Salz, Kaffee, Eier & Co. Zunehmend treibt das häßliche Monster sein Unwesen auch in Bürokratien, speziell in Brüssel, wo Verbote am Fließband produziert werden. Gefährlich an dieser Eurokratie ist vor allem, dass deren Tun für den Bürger kaum dingfest zu machen ist. Wie der Pudding, den man nicht an die Wand nageln kann, werden Gesetze geschaffen, die unser tägliches Leben bestimmen – und dies weit stärker, als den Bürgern bewusst ist. Als besonders infam gelten jene Verordnungen, die „neuartige Lebensmittel" betreffen, worunter schlicht Labor-Produkte zu verstehen sind wie der ungustiöse „Analogkäse", Schinkenimitate oder „Surimi" betitelte Fälschungen von Krebsen, Shrimps, Garnelen & Co.

Selbstverständlich geht es nicht darum, Alkohol zu verherrlichen, das Rauchen zu glorifizieren, Fett pauschal zu rühmen. Und wer die Mast zur Gewinnung der Gänsestopfleber tierfreundlich ablehnt, kann auf die „foie gras frais" jederzeit verzichten. Aber es gilt, den Anfängen zu wehren und rechtzeitig zu verhindern, dass die Bürokraten über Geschmacksfragen entscheiden oder Ideologen unter dem Mäntelchen der Volksgesundheit bestimmen, was gut ist und was nicht. Eine genüsslich gerauchte Zigarre kann nicht schädlich sein. Ein fröhlich verspeister Schweinsbraten mit Semmelknödel frommt in Verbindung mit einer Flasche guten Weins der menschlichen Leib-Seele-Einheit gewiss mehr als ein Müsli, das man isst, weil es angeblich so gesund sein soll.

 

Der Front der Neider und Anti-Genießer liegt – wie dem Puritanismus allgemein – nur ein einziger ehrlicher Impuls zugrunde, nämlich der Wunsch, diejenigen zu bestrafen, die eine größere Fähigkeit zum Glücklichsein haben. So mancher Prophet des Verzichts ist nur ein Clown des Pessimismus. Aber wer morgen noch nach seiner Facon leben will und nicht in einem Getto von Gesetzen, muß sich zeitig dagegen wehren. Das hat nichts mit oberflächlichem Hedonismus zu tun, auch nicht zwingend mit Geld, sondern mit kultivierter Lebensart. Zum Teufel mit den frömmelnden Moralisten! Die angesehene „New York Times" hat diesbezüglich bereits diagnostiziert, dass „Nicht" und „Anti" mehr als nur Vorsilben sind: „Sie sind zu einem neuen Lifestyle geworden."

Da ist was dran. Auf der einen Seite wird in Frauen- und Männermagazinen ausführlich wie nie zuvor über gehobene Lebensart berichtet. Die Gourmandise erlebt neue Höhen und weltweit erfreuen Winzer mit feinen Weinen. Autofirmen basteln emsig an spritsparenden Fahrzeugen sowie an E-Autos, doch parallel erleben wir Autowunder von bislang nicht gekannter Rasanz und Schönheit. Andererseits blasen Ideologen immer grimmiger zur Hatz wider den Genuß. So etwas wie eine genußfeindliche Gegenreformation macht sich breit.

Nun ist es keine neue Entdeckung, dass der gesunde Menschenverstand auf beamtenjuristischer Ebene höchst selten anzutreffen ist. „Wenn es nicht notwendig ist, ein Gesetz zu machen, dann ist es notwendig, kein Gesetz zu machen." Montesquieu hat dieses simple Vernunftmuster entworfen, aber es hängt in keinem Brüsseler Büro. Schallende Heiterkeit löst, auch wenn sie todernst gemeint ist, eine EG-Verordnung über Schokoladen-Nikoläuse aus: „Weihnachtsmann im Sinne dieser Verordnung ist auch der Osterhase." Wer so denkt und handelt, von dem ist allerdings kaum Lustvolles zu erwarten.

August F. Winkler

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