Genuß dank souverän praktizierter Trinkkultur

Es gibt Leute, die denken bei Wein an Alkohol. Was für ein Missverständnis! Natürlich ist im Wein auch Alkohol enthalten und der vermag stimulierend zu wirken. Aber das hat nichts mit betrunken sein zu tun, sondern ist eine besonders zarte Form von Glückstrunkenheit. Wer genießerisch trinkt, ist nicht abhängig und schon gar nicht süchtig; er weiß, was ihm gut tut, wie viele Gläser sein Geist und sein Körper vertragen.

Welche Flasche man öffnet, hängt von der Stimmung ab. Trinkkultur ist schließlich nichts anderes als die souverän praktizierte Kunst, das dem Anlaß angemessene Gewächs auszuwählen, ob es nun Solo genossen wird oder zur Speise passen soll. Die vollkommene Harmonie liegt übrigens bereits in der heiligen Trinität Brot, Käse, Wein.

Wie jede Liebesgeschichte beginnt die zum Wein immer wieder aufs Neue mit einem sehnsuchtsvollen Geschmack im Mund, einem Verlangen nach Düften und 1001 Aromen, wie nur der Wein sie birgt und beschert. Das kann ein reicher Burgunder sein, ein eleganter Riesling, distinguierter Cabernet Sauvignon, warmwürziger Merlot, ernster Barolo, traubiger Muskateller, rosenduftiger Traminer, prächtiger Grüner Veltliner, wuchtiger Chardonnay, fruchtiger Sangiovese, feuriger Syrah, mineralischer Chenin blanc oder geschmeidiger Semillon – egal, jeder gute Wein erschließt dem Genießer eine sinnliche Welt, die leise Zärtlichkeit ebenso umfasst wie gewaltige Leidenschaft.

Wichtig ist, dass der Wein – die Rarität, die man siezt, wie der Bauernwein, den man herzlich duzt – authentisch ist, also typisch für Rebsorte, Lage und Jahrgang. Der Schein in Form des Etiketts darf nicht über das Sein in der Flasche triumphieren. Nach solchen ehrlichen Kreszenzen ist der Weinfreund wie ein Don Juan ständig auf der Suche, wobei das Schöne daran ist, dass man im Unterschied zu diesem Jäger und Gejagten der Liebe im Wein jederzeit seine genussvolle Erfüllung findet.

August F. Winkler

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