Diarium

Sein & Schein 29. Tagebuch

Geschrieben von: August F. Winkler

Verlorene Tischgespräche

Laut einer klassischen Regel sollte man nicht mehr als sieben Gäste und nicht weniger als drei einladen, was ungefähr dem sechsten der „Zehn Gebote eines Gourmands“ entspricht, die der Comte de Montluc Anfang des vorletzten Jahrhunderts in goldenen Lettern in die Marmorwände seines Speisesaals meisseln ließ: „Lade nie mehr Gäste als Musen und nie weniger als Grazien ein.“ Diese Richtschnur hatte übrigens schon Marcus Terentus Varo den alten Römern empfohlen.

Weiterlesen: Sein & Schein 29. Tagebuch

 

Sein & Schein 28. Tagebuch

Geschrieben von: August F. Winkler

Barock mit einem Spritzer Rokoko
Was ist zu erwarten, wenn ein Wein im österreichischen Weinführer GaultMillau so beschrieben wird: „…ein Zweigelt von ungeahnter Größe und Finesse.“ Ungeahnt ist mit Nase & Gaumen schwer nachzuvollziehen, aber Größe sowie Finesse wecken konkrete Erwartungen. Zwar ist es kein süßes Geheimnis, daß die Autoren des GaultMillau, wie übrigens die meisten österreichischen Weinjournalisten, nicht zimperlich mit Superlativen umgehen – man kennt sich, man trifft sich, man charmiert und berühmt sich, abgesehen davon, daß nur wenige weit genug über das alpenländische Weinglas in die Welt hinaus geblickt haben. Aber Größe und Finesse für einen „Schwarz Rot“ von Johann Schwarz aus dem burgenländischen Andau, dem Metzger und Winzer mit der stattlichen Figur?

Weiterlesen: Sein & Schein 28. Tagebuch

 

Sein & Schein 27 Tagebuch

Geschrieben von: August F. Winkler

Katholischer Riesling

1971 Rüdesheimer Berg Schloßberg Spätlese, Pfarrgut Rüdesheim: Rotgold ist die Farbe, aus dem Glas dringt ein subtiler Duftstrom nach Honigsüße, etwas Quitte, reifem Apfel und grünen Walnüssen. Auch ein Hauch von Petrol macht sich bemerkbar. Der Korken war in die Flasche hinein geflutscht, als ich den Wein vor drei Wochen aus dem Keller holte und mit jener Neugierde trank, wie sie gegenüber einem 42jährigen Gewächs angemessen ist. Ich mag solche Edelfirne, der Wein kitzelte Erinnerungen wach:

Sein Vorname ist mir nicht mehr geläufig, aber neben seinem Familiennamen (Morschhäuser), dem Status (Katholischer Pfarrer in Rüdesheim) und natürlich die weitgehend trocken ausgebauten Weine – damals auch im Rheingau eine Rarität - erinnere ich mich intensiv an weitere zwei Bilder. Erstens an die Haushälterin, eine tüchtige und energische Frau von sprödem Charme, die wesentlichen Anteil hatte, daß die Weine durchgegoren in die Flasche kamen. Und zweitens an den verführerischen Bratenduft, wenn ich sonntags kurz vor Mittag die Weine abholte, die ich am Abend zuvor nach einer ernsthaften und zugleich fröhlichen Verkostung bestellt hatte.

Majestätisch

Mein Schneider erzählte mir die Geschichte von Sir Mahbub Ali Khan, dem sechsten Nizam von Haidarabad, dem einst reichsten Mann der Welt, dessen Lebensstil zwischen Tausendundeiner Nacht sowie westlichem Luxus jedem Besucher den Atem nahm. So kaufte der Nabob die Produktion einer schottischen Tweed-Spinnerei für fünf Jahre komplett im voraus auf, um zu verhindern, daß irgendein anderer Mann in seinem Anzugmuster herumspaziere.

Darauf wußte ich eine Pointe. Als Frau Thatcher noch britische Regierungschefin war, regte sie bei Hofe an, man möge sich vor öffentlichen Auftritten textil austauschen, um zu verhindern, daß Königin und Premierministerin in einem ähnlichen Kleid erscheinen. Die Antwort, gegeben auf einem Brief mit Krönlein, war klassisch: “Ihre Majestät pflegen niemals wahrzunehmen, was andere Leute tragen.“

Voller Kühlschrank

Jeder Mensch hat sein kleines Geheimnis. Meines ist ein voller Kühlschrank. Leere Kühlschränke stimmen mich traurig. Sie sind ein Paradox, sozusagen kalte Hoffnungslosigkeit. Die These mag kühn sein, aber ich wage sie: Wer nur Joghurt und Mineralwasser bunkert, ist, ob Mann oder Frau, auch sonst ziemlich unsinnlich!

Daß mein Kühlschrank immer gut sortiert ist, hat natürlich mit der in kargen Nachkriegsjahren und mageren Studentenzeiten gewachsenen Urangst zu tun, hungern und dürsten zu müssen. Außer Grundnahrungsmitteln wie Butter, Schmalz, Eier sowie einem Sortiment an Schinken, Wurst und Käse horte ich stets einen kleinen Vorrat an Näschereien wie: eine Dose Thunfisch, Ziegenkäse (ergibt mit Pellkartoffeln, Olivenöl, Balsamessig und Gartenkräutern eine erlesene Mahlzeit), grobe Kalbsleberwurst (dazu getoastetes Vollkornbrot und edelsüßer Wein, ein Hochgenuß), Wildpastete (in der Kombination mit Johannisbeergelee und einem ausgereiften Barolo oder Burgunder ein privates Weltereignis!).

Das ist meine eiserne kulinarische Ration. Man braucht sie nicht zum Überleben, aber für ein Leben mit Genuß!

   

Sein & Schein 26 Tagebuch

Geschrieben von: August F. Winkler

Tamtam-Weine
Manche Weine brauchen das Publikum. Das gewisse Tamtam beim Entkorken. Für sich alleine wären sie nämlich nicht aufregend genug.

Feine alte Burgunder
Die Wirkung öffentlichen Geredes hat der Stoiker Epiktet frühzeitig erkannt, als er sagte, nicht Tatsachen, sondern Meinungen über Tatsachen bestimmten das Bewußtsein des Menschen. Auch beim Wein gibt es jede Menge Vorurteile. So heißt es von Burgunderweinen allgemein, die sollten im „schulpflichtigen Alter“ getrunken werden. Mit dieser gummihaften Aussage läßt sich in der Praxis nichts anfangen, denn was ist schulpflichtig? Sechs bis 14 Jahre? Du meine Güte, große rote Burgunder können lächelnd dreißig Jahre und mehr alt werden, ohne an Feinheit einzubüßen.

Weiterlesen: Sein & Schein 26 Tagebuch

 

Sein & Schein 25 Tagebuch

Geschrieben von: August F. Winkler

Pfau ohne Schönheit

Er läßt sich gerne als Weinkenner von internationalen Gnaden ankündigen und schwadroniert am liebsten über Bordelaiser Kreszenzen, doch ist es ihm bislang nicht gelungen, auch nur einen einzigen Wein halbwegs präzise zu beschreiben. Sein Stilmittel: mit angelesenen Anekdoten garnierte Banalitäten über Wein so oft und hartnäckig zu verbreiten, bis alle, er eingeschlossen, diese Petitessen auch glauben. Der eitle, doch geistreiche Oscar Wilde hat einmal über eine Dame der Gesellschaft geschrieben, daß sie „alles vom Pfau“ habe, “nur nicht die Schönheit“. Unser Wein-Parvenü hat alles von Oscar Wilde - nur nicht dessen Stil!

Eine Nacht mit Angelo Gaja

Es ist schon so: manche Ereignisse verblassen in der Erinnerung, und dies selbst dann, wenn sie im Moment des Erlebens als besonders empfunden worden sind. Andere Erlebnisse wiederum bleiben, ja verstärken sogar noch ihre Wirkung, werden sozusagen unsterblich, zumindest ein Menschenleben lang. Zu letzterem gehört eine Nacht mit Angelo Gaja und Giacomo Bologna, den beiden großen Winzerpersönlichkeiten aus dem Piemont. Heiteres, lebensfrohes Italien! Das kam mir in den Sinn beim 2007er Sorì San Lorenzo von Gaja, einem dichtfruchtigen, seidig gewobenen Barbaresco voller süßem Schmelz und Eleganz, perfekter Balance zwischen Frucht und Tannin, 1967 erstmals als Einzellage aufgelegt von Angelo, dem Vollender des Barbaresco.

Schlagartig tauchte die Erinnerung an eine denkwürdige Verkostung alter Barbarescos im Hause Gaja mit dem 1958er als Höhepunkt auf: ziegelrote Farbe, reizvolle Aromenfülle mit Noten von Kirsche, Veilchen, Teer, schwarzer Trüffel – und jeder Menge Tannin, der Mitgift des Nebbiolo. Ein starker Wein, entstanden noch unter der Obhut des Vaters. Weitere Raritäten waren der in tiefem Orange blinkende 1961er mit seiner würzigen und erdigen Wärme, der stark nach Kirschen und eingelegten Pflaumen duftende 1964er, der anfangs fassig düftelnde 1955, der sich im Glas immer feiner entwickelte und durch seine zarte Süße betörte, wohingegen den 1951er schon ein leiser Modergeruch umwehte.

Aber unvergeßlich und besonders beindruckend ist mir jene Nacht mit Angelo Gaja und Giacomo Bologna in den späten 1980ern. Es war gegen Mitternacht, wir saßen noch im „Ristorante Il Cascinalenuovo“, zwischen Alba und Asti gelegen, am Ende eines vorzüglichen Essens. Frischen Ziegenkäse hatte es gegeben,flankiert von gestiftelten Möhren und klein geschnittenen Steinpilzen in Balsamessig und Olivenöl, ferner Kaninchen in Salbei, gefüllte Zucchiniblüten mit sanfter Käsecreme und ein Schweinefilet, fast so schmal wie eines vom Lamm, in Kräutern und Öl gebraten.

Beim letzten Schluck 1982er Bricco dell’ Uccellone, dem in Barriques gereiften Barbera, dem Vorzeigewein von Giacomo Bologna, sagte Bologna, ein Hüne und Typ wie die Reinkarnation des Falstaff, er lade uns nun zu sich nach Hause ein. Mich frug er, welchen französischen Wein ich trinken wolle, wohl, weil ich etwas überheblich im Laufe des Abends meine Vorliebe für Burgund & Bordeaux hatte durchblicken lassen. Naja, dachte ich, der Mann ist so selbstbewußt, also gibst du ihm eine Nuß zu knacken: 1961 Château Margaux in der Magnum, lächelte ich, mehr provozierend als an die Realisierung glaubend. G.B. nickte nur wie selbstverständlich. Tatsächlich haben wir die 61er-Magnum entkorkt, einen der nach wie vor schönsten Weine weltweit – ich genoß in Demut!

Zwar mußten wir suchend über Stapel seines Briccco dell’ Uccellone steigen, Dutzende von Kisten voll Barolo, Pétrus, Romanée-Conti, Latour, Haut-Brion und so weiter beiseite schieben, aber er hatte ihn, den Wein, dessen Delikatesse den geschmacklichen Gegensatz bildet zu den Piemonteser Rotweinen, die bei aller Eleganz, die ihnen zu eigen sein kann, immer von sozusagen herzlicher, blutvoller Erdverbundenheit geprägt sind. Es wurde eine lange Nacht, in der wir noch vom 1971er La Tache, dem 1979er Opus One aus Kalifornien sowie von mehreren köstlichen Barbarescos naschend nur über Weine sprachen. Allein die Tatsache, daß Angelo Gaja, ansonsten ein disziplinierter Schläfer, der selten nach Mitternacht ins Bett geht, munter durchwachte, war schon bemerkenswert. Gegen fünf Uhr früh ließ uns Giacomo Bologna schließlich ziehen, doch grollend, er wollte, ein gemeinsames Frühstück anvisierend, für das er bereits seine Frau geweckt hatte, noch eine alte Flasche d’Yquem aufmachen…

Tempi passati, aber die Begegnung mit außergewöhnlichen Männern und großen Weinen bleibt als ein privates Weltereignis auf ewig in Erinnerung – und in der Seele verankert.
   

Seite 7 von 12

<< Start < Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Weiter > Ende >>

Journal bekommen!

Wort der Woche

„Der Wein macht den Maulwurf zum Adler“

Nadar

Dieses ebenso skurille wie poetisch erhöhte Bild hat Charles-Pierre Baudelaire (1821-1867) entworfen, der geniale französische Lyriker, Schriftsteller, Essayist, Dandy, Wagnerianer und Weinkenner, der vor allem mit seiner „Die Blumen...

weiterlesen

Gericht der Woche

Seezungenröllchen mit Schnecken und Gnocchis

Zutaten, berechnet für vier Personen: 8 Seezungenfilets; 400 g...

weiterlesen

Wein der Woche

1996 Gevrey-Chambertin Clos St. Jacques 1er Cru, Armand Rousseau, Burgund

Dunkelrubin fließt der Wein mit seidigem Glanz ins Glas und entfaltet im Nu sein betörendes, vielschichtig ziseliertes Bukett mit...

weiterlesen