Diarium

Sein & Schein 24 Tagebuch

Geschrieben von: August F. Winkler

Essen in Gesellschaft

Von Andy Warhol, der stets traurig dreinblickenden Pop-Ikone, ist das Bekenntnis überliefert, für ihn sei das Schönste an Tokio und Paris das McDonalds. Darüber lässt sich streiten, aber man muss die Aussage erst einmal so hinnehmen. Man weiß ja, dass der Mann nichts von kultiviertem Essen und Trinken hielt. Die ideale Mahlzeit stellte er sich in einem „Restaurant for the Lonely Person“ so vor, dass der Gast mit seinem Tablett in einer Einzelkoje sitzt und dort fernsehen darf. Armer, einsamer Warhol, aber bitte: mit solchen Thesen unsterblich über seinen Tod hinaus.

Der französische Wissenschaftler Claude Fischler will nun anhand von 7 000 Interviews mit Essern in sechs Ländern herausgefunden haben, daß geselliges Speisen schlank macht, wohingegen schnell verzehrte Mahlzeiten für sich allein - wie vor allem in den USA üblich – zu Übergewicht führt. Franzosen und Südeuropäer schätzen geselliges Essen ohne Hast, das Eßtempo der Deutschen liegt zwischen Italien und den Vereinigten Staaten. Franzosen assoziieren das Essen mit kulinarischen Werten, Italiener denken zuallererst an Frische und Güte der Lebensmittel, während Deutsche zwischen Schlemmen und rigorosen Ernährungsregeln schwanken.

Gewiß gibt es Stimmungen, in denen ich lieber Solo esse. Und ich würde niemanden nur deshalb einladen, um nicht allein zu sein. Aber generell bin ich der Meinung, daß ein gemeinsames Essen ein wertvolles Stück angewandte Lebenskultur ist. Gäste machen ein Essen schöner, ja geben der Mahlzeit den eigentlichen Sinn. Der Tisch wird solcherart zum Kommunikationszentrum, an dem die heiteren Stücke ebenso gespielt werden wie die ernsten – ob im Restaurant oder zu Hause.

Tempora mutantur

Von den Sinnenfreuden, die das ausgedehnte Tafeln in geselliger Runde allen bereitet, die nicht gerade magenkrank oder puritanisch erzogen sind, lassen uns die Bilder flämischer Meister, etwa Pieter Brueghels Gemälde einer Bauernhochzeit, etwas ahnen. Solche Gelage waren seit den Zeiten Homers immer festliche, verschwenderische Höhepunkte, doch blieb auch im Alltag das Essen in der Gemeinschaft die Regel. Wer sein Mahl abseits der anderen verzehrte, mit dem war, wie es der Volksmund schlicht ausdrückte, nicht gut Kirschen essen.

Aber tempora mutantur sagt der Lateiner, die Zeiten ändern sich. Der Lebensrhythmus hat sich erhöht, Hetze & Stress haben den modernen Menschen im Griff – mit der Folge, dass vielfach und jedenfalls alltags die Nahrungsaufnahme zumeist allein, schweigend und in Eile erfolgt. Die Gemütlichkeit endet sozusagen am Tellerrand, selbst kulinarische Kunststückerln hinterlassen, individuell in sich hineingelöffelt, einen schalen Nachgeschmack.
 

Sein & Schein 23 Tagebuch

Geschrieben von: August F. Winkler

Enttäuschung

Der Tag hatte normal begonnen wie viele andere auch. Zwar war ich erwartungsvoller aufgestanden als sonst, bedingt durch die Aussicht auf eine Verkostung der edelsüßen 2010er-Kollektion von und mit Gerhard Kracher in Illmitz am Neusiedler See – der international renommierte Winzer spricht von 2010 als einem seiner größten Jahrgänge, und fürwahr, die Trockenbeerenauslesen von Traminer, Chardonnay, Scheurebe und Welschriesling sind Pretiosen und wert, in einem Gotha der edelsüßen Kreszenzen verewigt zu werden (mehr darüber in Form eines Verkostungsprotokolls der gesamten Kollektion plus einem ganz besonderen Wein in einer der nächsten Feinschmeckereyen).

Weiterlesen: Sein & Schein 23 Tagebuch

 

Sein & Schein 22 Tagebuch

Geschrieben von: August F. Winkler

Deutz Rosé: Platzregen für die Seele
Es war mir danach, also holte ich einen Rosé aus dem Keller, einen Deutz. Solchen Champagner trinke ich gerne aus einem Burgunderglas, in dessen bauchiger Weite sich die Aromen bestens entfalten können. Zu registrieren waren Strauchblüten, weiße Johannisbeere, etwas zart Nussiges, auch eine Spur von Weißbrot. Das ist ein Rosé mit Kraft und Anmut, der einem frisch und lebendig über den Gaumen tänzelnd. Mir fiel ein, was Goethe über solche Trinkgenüsse gesagt hat und fand wieder einmal, daß man von den Klassikern viel lernen kann: „Freue dich Seele, jetzt kommt ein Platzregen!“

Die Feinschmeckerei beginnt zu Hause
Hunger und Durst sind getreue Begleiter des Menschen. Das Duo überlebt jede Sättigung, weshalb ihm immer wieder aufs Neue geopfert werden muß. Ob man es freudlos tut, nur weil die Natur es vorschreibt, oder vergnügt bis zum sinnlichen Behagen: essen und trinken muß der Mensch, also weshalb dann nicht aus der Pflicht eine Kür machen?

Seit Hummer & Co von Küchenkritikern wie Literatur rezensiert werden, ist die Gourmandise zu einer öffentlichen Angelegenheit geworden. Das ist gut so, auch wenn im Schatten der daseinsverschönernden Eß –und Trinkkultur so manche Übelwurz gedeiht. Da gibt es Gäste, die analysieren stirnzerfurcht die Sauce, statt sie heiter zu genießen. Andere protzen mit Ihren finanziellen Möglichkeiten, kaufen grundsätzlich nur das Teuerste nach dem Motto: „Seht her, was wir uns leisten können.“ Beides widerspricht dem Wesen der wahren Feinschmeckerei.

Nun ist gegen Kaviar, Austern und Trüffel außer dem hohen Preis nichts einzuwenden. Es gibt große Weine und Champagner, die das Leben bereichern. Nicht weniger glücklich ist der Gourmet freilich, wenn ihm anstelle einer großzügig getrüffelten Poularde ein liebevoll gekochter Eintopf serviert wird. Daß kulinarisches Genie oft im Einfachen steckt, läßt sich dutzendfach mit schlichten Kombinationen belegen: Tafelspitz und Grüner Veltliner, Muschelsuppe und Sauvignon blanc, Spargel mit Weißburgunder, Assam-Tee zum Bergkäse. Und ein zartwürziger Rosé zu frischem Ziegenkäse mit Olivenöl nebst Pellkartoffeln sowie einigen Tröpfchen echtem Balsamico illusionieren einem jederzeit, selbst wenn es regnet, ein Gefühl wie Mozart im Mai.

Die Feinschmeckerei gipfelt im Restaurant. Bei Joachim Wissler im „Vendôme“ des Schlosses Bensberg, im „Aqua“ des Ritz-Carlton in Wolfsburg, wo Sven Elverfeld meisterlich kocht, bei Nils Henkel in Schloß Lerbach, dem Steirereck in Wien oder den famosen Brüdern Obauer im salzburgischen Werfen geht die Seele des Gourmets glücklich vor Anker. Aber beginnen tut die Gourmandise zu Hause, nämlich bei der Auswahl der Produkte. Wer seine Lebensmittel und Getränke aus Bequemlichkeit nur im nächstgelegenen Supermarkt kauft, tut sich nichts Gutes an. Der eine Bäcker hat nämlich ein köstliches Roggenbrot, der andere das bessere Baguette. Der Metzger X versteht sich besonders auf Würste, beim Kollegen Y, drei Straßen weiter, ist das Rindfleisch erstklassig abgehangen. In dem einen Laden gibt es taufrisches Gemüse, anderswo ideal gereiften Käse und im Freiland gezogenes Bauerngeflügel.

Kulinarische Kultur hat mit Luxus nichts gemein. Nicht das Geld macht den Gourmet, sondern die innere Einstellung sowie die Bereitschaft, dafür etwas Zeit zu opfern und Liebe zu investieren.

Bubble-Tea: ein Ungetränk
Zum Un-Getränk des Jahres ernenne ich Bubble-Tea. Dieses übersüße Nichts mit eingestreuten Flocken aus Speisestärke zum Kauen ist an Unkultur kaum zu überbieten.

   

Sein & Schein 21 Tagebuch

Geschrieben von: August F. Winkler

Analyse frikassiert den Genuß
Weinproben sind zu einem beliebten gesellschaftlichen Ereignis geworden und so mancher Gastgeber dünkt sich in seinem Herrschaftswissen erhaben, wenn er die Etiketten sorgsam verhüllt und sagt: „Mal sehen, wer erkennt, was wir trinken.“ Dann sitzen die Herrschaften mit roten Ohren da und schmatzen ernst den Wein, als sei der eine chemische Formel. Statt Genuß gibt es Arbeit, weil jeder krampfhaft analysiert.

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Sein & Schein 20 Tagebuch

Geschrieben von: August F. Winkler

Hommage an den Winter
Die Tage schrumpfen fröstelnd, Morgen und Abend rücken enger zusammen. In den Gärten sind die letzten Farben ausgelöscht. Es ist kalt und aus der blumenlos gewordenen Erde wachsen die Nächte dunkel empor. Der Winter ist eine ernste Angelegenheit, mehr Bach als Mozart, aber bei aller Schwermut, die dieser Jahreszeit von Haus aus zu eigen ist: Der Winter hat auch seine gemütlichen Seiten zwischen High tea im Salon, Zigarre mit Port und Buch am knisternden Kamin, warmem Kerzenlicht, gebratenen Kastanien und Spaziergängen im Schnee oder über die Christkindlmärkte.

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