Diarium

Sein & Schein 19 Tagebuch

Geschrieben von: August F. Winkler

Kunst der Konversation mit Wasserwaage
Das Leben ist eine Bühne. Wer aufzutreten und zu wirken gedenkt, nähere sich mit Esprit, dem Anlaß angemessen auch ein wenig theatralisch, doch vor allem in dem Bewusstsein, daß der erste Eindruck zählt. Der ist freilich nicht immer so leicht wie im Handumdrehen hinzukriegen. Psychologen behaupten, daß man dafür nur ganze sieben Sekunden hat: Zeit genug, um zu imponieren oder sich zu blamieren. Weil es für den ersten Eindruck keine zweite Chance gibt, entscheidet das Talent, die natürliche Begabung, ja die auf Bildung basierende Kunst, ein Gespräch zu beginnen und zu führen, über gesellschaftlichen Erfolg oder eben Untergang.

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Sein & Schein 18. Tagebuch

Geschrieben von: August F. Winkler

Traumhotels
In Hotels, die sich erhaben dünken, liegt meist ein Wälzer mit dem stolzen Titel „Traumhotels der Welt“. Ich habe noch keine Seite darin geblättert, denn es gibt nichts, was mehr langweilt als – zumeist bezahlte - Hochglanzberichte über Traumhotels. Dies gilt vor allem auch dann, wenn man nicht eine der großen Suiten gebucht hat, sondern, weil vernünftig gerechnet und mehr wissend als ahnend, daß die reine Schlafnacht sowieso kurz sein würde, ein Doppelzimmer. Das heißt: du lebst in einem Schlafzimmer! Das Bett, es steht immer groß, schwer, unübersehbar mitten im Raum. Darin läßt sich Aufregendes tun, aber leben?

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Sein & Schein 17. Tagebuch

Geschrieben von: August F. Winkler

Nietzsche und die die Werbung
„Wovon man nicht laut spricht, das ist nicht da.“ Was wie ein Grundgesetz der Werbung klingt, stammt dennoch nicht von einem PR-Mann, sondern von Friedrich Nietzsche, dem großen, häufig mißverstandenen Denker.

Wachtturm kontra Tim Raue
Sie stand in der Berliner City, am Platz vor der Gedächtniskirche. Das dunkelblonde Haar war mit einer Klemme zu einem Pferdeschwanz geschnürt, die Füße staken in hellblauen Stiefeletten und die im schrägen Winkel einfallende Sonne ließ trotz des züchtig hochgeschlossenen Kleides die aparte Rundung jener Art durchschimmern, die auch noch im Winter zärtliche Gefühle wie im Mai auszulösen vermag.

Sie schaute mich an und in ihrem Blick lag Herausforderung. Ich hätte sie gerne zum Essen zu Tim Raue eingeladen, ging dann aber doch vorbei, denn in der hocherhobenen rechten Hand hielt das hübsche Mädchen den „Wachtturm“ der Zeugen Jehovas.

Farbe und Sinne
Der französische Professor Jaques Puisais, ein leidenschaftlicher Erforscher des menschlichen Geschmackssinnes sowie der Harmonie zwischen Speisen und Getränken, hat festgestellt, daß der Geschmack auch von Farben beeinflußt wird. Die beste Umgebung für den Genuß von Schokolade sei rot. Bei grüner Umgebung, so meint der Wissenschaftler mittels Untersuchungen herausgefunden zu haben, schmecke dieselbe Schokolade denselben Versuchspersonen bitterer, bei bläulicher Farbtönung hingegen mehliger, langweiliger.

Sapperlot, nun ist die Erkenntnis, daß Farben unsere Sinne stark zu beeinflußen ver mögen bis hin zur Manipulation, beileibe nicht neu. Die Verpackungsindustrie zielt schon seit langem auf unsere, mehr im Unbewußten wirkenden Gefühle. Auch Farbe und Form von Weinflaschen lösen nebst den Etiketten – unabhängig von deren inhaltlicher Aussage – bestimmte Erwartungen aus. Bauchig steht für volle Weine, schmal eher für Rasse, was die allgemein verbreitete Ansicht stärken mag, Bordeaux-Gewächse seien „leichter“, „eleganter“, ja „bekömmlicher“ als die „schwereren“, „alkoholreicheren“ Burgunder, die ja traditionell in bauchige Gefäße gefüllt werden.

Küche und Leidenschaft
Zufriedene Köche sind mir verdächtig. Wenn einer nach dem letzten Gang an den Tisch kommt, die Arme verschränkt und, von Kopf bis Fuß auf Wohlwollen abonnier, ohne Fragezeichen sagt „Waren Sie zufrieden“, dann bin ich mir ziemlich sicher, daß in dessen Küche selbst das Herdfeuer temperamentlos brennt.

Die gute Küche braucht Leidenschaft; sie muß jung sein, nicht nur jugendlich, zudem mutig und originär, also unverwechselbar und einem das vermittelnd, was der große Romancier Marcel Proust so formuliert hat: „Die Freude, die uns ein Künstler gewährt, besteht darin, daß er uns eine Welt außerhalb der unsrigen zugänglich macht.“
   

Sein & Schein 16. Tagebuch

Geschrieben von: August F. Winkler

Salzburg im November
Herbstzeit, Reisezeit. Salzburg zum Beispiel. Die Fiaker langweilen sich wie ihre Pferde, anstelle der Philharmoniker spielen Straßenmusikanten auf. In der Getreidegasse düftelt es wie immer nach heißen Würstchen. Kein Brandauer ist zu sehen. Die Einheimischen lassen die Ohren hängen; sie erholen sich vom Abkochen der Touristen. Im Herbst entfaltet Salzburg, die barocke Schöne an der Salzach, einen besonderen Charme.

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Sein & Schein 15.Tagebuch

Geschrieben von: August F. Winkler

Mailänder Freunde hatten mich zu einem Abendessen eingeladen und mich neben Gianfranco Ferré platziert, den Modefürsten, der wegen seiner klaren Stilistik auch “Architekt der Mode“ genannt wird. Selbstverständlich käme ich nie auf die Idee, Ärzte oder Anwälte bei privaten Diners zu konsultieren. Das wäre Nötigung und somit unfein. Aber wann sitzt man schon neben Ferré, und so zapfte ich ihn ein bißchen in Sachen Männermode an.

Thema Socken: Also, Socken sind out, man trägt Kniestrümpfe. Weiße Socken, wenn überhaupt, nur zu Jeans, ausgenommen von diesem Tabu sind Ärzte, Apotheker, Tennisprofis und Rennfahrer. Schuhe soll man laut Ferré am besten nachmittags kaufen. Dann sind die Füße nämlich warm, und das ist für die Größe wichtig. Weil keiner zwei haargenau gleiche Füße hat, ist es ratsam, sich am problematischeren zu orientieren. Unerläßlich für die Pflege ist, die Schuhe nach dem Ausziehen, solange sie noch warm sind, mit dem Holzspanner zu versehen, was sie in Form hält.
***

In der klassischen Grande Cuisine verstanden sich die Köche auch als Bildhauer. Pasteten und große Braten sind damals zu architektonischen Galastückerln aufgeputzt worden. Derartig aufwendige und aufregende Garnituren, die einer vorweggenommenen Postmoderne mit Erkern, Türmchen, Kugeln und Säulen ähnelten, erlauben sich heute freilich nur mehr wenige Grandhotels bei festlichen Banketten.

Puristen meinen sogar, außer Knochen und Gräten müsse alles auf dem Teller essbar sein. Ganz so streng muß man das nicht sehen, sofern sich das Dekor mit der Qualität der Speisen deckt. Das Auge isst schließlich mit, wie der Volksmund kurz und bündig erkannt hat. Außerdem sollten auch und gerade bei Tisch gewisse Freiheiten erlaubt sein, schließlich ist das Leben schon genügend durch Gebote und Verbote eingeengt.

Das Prinzip von der Klarheit auf dem Teller gilt selbstverständlich auch für die bürgerliche Küche. Eine Roulade gewinnt durch eine sinnvolle, hübsche Dekoration ebenso an Anmut wie eine simple Wurst- und Käseplatte. Zum Teufel wünsche ich jedoch jene phantasielosen Köche, die jedes, aber auch wirklich jedes Gericht mit dieser unselig langweiligen, nichtsnutzigen Viererbande aus einem Blatt Salat, Tomatenviertel, Paprikaring und Petersilie garnieren. Da werden Schnörkel zum Verbrechen.

***

Reisen bedeutet nicht nur Bewegung, sondern auch Begegnung. Auf dem Flug von Rom nach Frankfurt mit der Alitalia habe ich einen Fensterplatz auf der rechten Seite gebucht, was sich empfiehlt, weil die Maschine die Küste entlang fliegt und man später den Comer See sieht. Der Montblanc liegt zwar links, aber rechts ragt das Matterhorn wie ein spitzes Dreieck hoch.

Der Mann neben mir kommt mir bekannt vor. Ich spreche ihn an. Er ist Otavio Missoni, und fortan plaudern wir über Mode, Farben und die Gourmandise.

Was ist für ihn Mode? „Eine ständige Suche.“

Mag er die Frau lieber mediterran und sinnlich oder nordisch und kühl? „Die ideale Frau gibt es nicht. Ich lasse mich immer noch gerne von der griechischen Frau, von der Venus von Praxiteles inspirieren, vielleicht mit ein paar Kilo weniger. Von einer Frau, die vom Meer kommt und ihre Gerüche, ihre Farben und Lebenslust mit sich bringt.“

Beeinflußt ihn moderne Kunst? „Ja, von ihren Farben lasse ich mich inspirieren, aber natürlich sehe ich die Farbe immer in Verbindung mit dem Material. Der Wein hat übrigens wunderschöne Farben.“

Sieht sich Missoni eher dem Trinken oder dem Essen zugeneigt? „Das ist ganz einfach. Es handelt sich um zwei einander ergänzende Beschäftigungen, ich könnte jedoch trinken, ohne zu essen. Selten, fast nie ist das Umgekehrte der Fall. Die Mahlzeit ist ein Genuß, ein wesentlicher Augenblick des Tages, und innerhalb meiner Familie war das immer so. Selbst mein bester Freund würde mir wie ein Fremder vorkommen, wenn er nur Wasser trinken würde. Ein Schluck vom richtigen Getränk genügt und alles verändert sich“

   

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