Sein & Schein – 7. Tagebuch

 Sie war eine aparte Erscheinung. In ihrem Blick lagen Unschuld und Herausforderung zugleich, wie Hölderlin und Napoleon in einem. Ich werde sie nie, nie vergessen, denn sie hat mir beim Obsthändler das letzte Pfund Himbeeren vor der Nase weggekauft.

Wie schnell eine große Geste ermattet, habe ich auf einem namhaften Château im Médoc erlebt, als der Gutsherr mit alten Weinen prunken wollte und einen männlichen Gast nach dessen Geburtsjahr fragte. 1945 war die knappe Antwort. Da wurde der Franzose blaß. Von diesem großen Jahrgang hatte er wohl nur noch wenige Flaschen im Keller liegen, und so wich er schnell aus: „Und Sie, Madame, in welchem Jahr sind Sie geboren?" Madame, wissend, daß solche Fragen nicht indiskret gemeint sind, sondern in der Regel zur Folge haben, daß ein Wein entsprechenden Jahrgangs entkorkt wird,lächelte süffisant: „1945!"

Der Gutsherr, moralisch am Boden, holte unter diversen Ausreden schließlich einen 1949er.

Auf Unerklärliches reagiert der Mensch gerne mit der Flucht aus der Realität - kokett seufzend sucht er Trost bei Klassikern, etwa beim unerschöpflichen Shakespeare, der ihm prompt hilft: „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, Horatio, von denen sich Eure Schulweisheit nichts träumen läßt", heißt es im Hamlet. Und das gilt ebenso für die Gourmandise, denn auch beim Essen und Trinken gibt es Fragen ohne Antworten.

Eine beschäftigt mich seit Jahren: Warum können Männer nicht so gute Vanillekipferl backen wie Frauen? Bei den besten Patissiers habe ich sie probiert, ohne daß sich der Zungenschlag des vollkommenen Genusses eingestellt hätte. Dagegen kenne ich zwei Frauen, deren Vanillekipferl köstlich schmecken: Ella von Habsburg-Lothringen und Gerlinde Penker, die Sennerin auf einer Alm in den Kärntner Nockbergen.

Schopenhauer, der Philosoph und geistreiche Ironiker, hat das Vergleichen als die Quelle allen Übels benannt. Da ist was dran, das gilt auch für den immer beliebter werdenden Vergleich von Weinen und speziell dann, wenn unterschiedliche, vielleicht noch stark divergierende Rebsorten miteinander verglichen werden. Um nicht mißverstanden zu werden: Vergleiche sind nötig und wichtig, um sich ein Urteil bilden zu können, auch um herauszufinden, was einem wie schmeckt. In diesem Sinne ist das Vergleichen der erste Schritt zur Aufklärung, nur sollte es nicht wie ein Krieg inszeniert werden. Wer ein filigranes Möselchen gegen einen kapitalen Elsässer Riesling trinkt und bewertet, hat vom Wein und zumal von angewandter Trinkkultur nichts begriffen.

Selbst dem Vergleich von kalifornischen Cabernets mit Médoc-Gewächsen haftet etwas Theatralisches an. Zwar haben sich die beiden Weintypen in den letzten Jahren leicht angenähert. Die Kalifornier haben an Schliff, ja gewisser Finesse gewonnen, wohingegen etliche Bordelaiser Châteaux immer furchtloser neue Techniken zur Bereitung von molligeren Kreszenzen nutzen – und die Klimaerwärmung spielt natürlich auch mit. Das Ergebnis sind fettere Weine, man kann das als Weinpopulismus bezeichnen. Aber letztlich läuft solch ein Vergleich nur auf eines hinaus, nämlich die Konfrontation zwischen Körpertrinker und Eleganztrinker.

Um ein Beispiel zu nennen, nehme man von Chuck Wagner den Caymus Special Selection, einen puren Cabernet Sauvignon. Mit welchem Bordeaux will man dieses Weinmonster schon vergleichen, vielleicht gar wertend mit dem Ziel, den Besseren zu küren? Gut, man kann den 1975er Caymus – übrigens der erste Special Selection – etlichen Médocs des gleichen Jahrgangs vorziehen, doch was sagt das schon aus? Und wer den 1999er, dieses Kraftbündel, einem Haut-Brion oder Margaux gegenüber stellt, dem kann allenfalls unterstellt werden, daß er Marilyn Monroe als Typ einer Audrey Hepburn vorzieht...

August F. Winkler

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