Sein & Schein 11.Tagebuch

Auch kleine Leute haben große Gefühle, aber kleine Weine niemals eine große Aura.

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Was in manchen Restaurants als Kartoffelsüppchen annonciert wird, ist nichts als pure Enttäuschung. Da freut man sich auf eine Stück köstliche Vulgarität, doch im Teller finden sich nur Sahne und noch einmal Sahne, allenfalls ergänzt um etwas Lauch oder Spuren von schwarzem Trüffel - letzteres ist das Alibi, zehn Euro mehr zu verlangen. Mit den "Süppchen" flirten unsere sogenannten Kreativen ja besonders innig. Irgend so ein Leittier muß diesen Bankert in die Speisekarte gesetzt haben, wo er seither sein Unwesen treibt. Süppchen! - als schäme man sich einer herzhaften Suppe und gäbe es auch ein Schwangerschäftchen.

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Giraudoux' Irre von Chaillot pflegt jeden Morgen dieselbe Nummer einer bestimmten Zeitung zu lesen, um sich, wie sie sagt, den Tag nicht durch Neuigkeiten verderben zu lassen. Das bewahrt vor Aufregungen, verhindert aber auch das Erleben von Neuem. Auch das Weinpublikum trifft am liebsten immer wieder alte Bekannte. Man flicht dem Riesling goldene Kränze, schätzt den Weißburgunder als feinen Tischwein, läßt sich schon mal mit einem Sauvignon blanc oder Sylvaner zum Spargel ein und wagt sich an einen Chardonnay heran, diesen globalen Weltenbummler, klassisch und modisch zugleich je nach Herkunft und Ausbaustil.

Was ich in Weinkarten vermisse, das sind Traminer und Muskateller. Diese beiden klassischen Rebsorten hat man früher alkoholträchtig ausgebaut, breit und süßlich, einfach abscheulich. Solchen Fossilien, wie sie heute gottlob nur noch selten zu finden sind, weine ich keine Träne nach. Aber es gibt inzwischen Traminer und Muskateller von aparter Eleganz, schlank und trocken, rassig und finessig. Herrliche Vertreter kommen aus dem Elsaß, dem Badischen, der Südsteiermark und aus Südtirol, wo Elena Walch beispielsweise einen rosenfruchtigen Gewürztraminer keltert, der ideal zu gegrilltem Hummer paßt. Unübertrefflich zarte Muskateller, die so klar duften und schmecken, daß man meint, bei jedem Schluck direkt in die Traube zu beißen, gibt es bei Lackner-Tinnacher in der Südsteiermark; dessen 2009er Muskateller mein liebster Apero ist, außerdem eine Wonne zu Honigmelone mit Schinken. Den Traminer wiederum schätze ich als Meditationswein - oder trinke ihn zur schokoladenüberzogenen Mohntorte.

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Zeige mir, wie du kochst, und ich sage dir, welchen Klingelton du auf dem Handy eingestellt hast. Was und wie der Mensch kocht, ob er überhaupt kocht, wie er die Produkte auswählt und behandelt, vermag viel über sein Wesen auszusagen. Es heißt: Der „Mensch ist, was er ißt.“ Das ist materialistisch gedacht und obendrein zu simpel gestrickt. Zwar ließe sich die Lust der englischen Königin auf weiße Bohnen mit Toast dahingehend deuten, dass sie letztlich eine Frau von einfachem Geschmack, ja vielleicht Gemüt ist.

Aha-Effekte lösen auch jene Sozialdemokraten (Stichwort: Toskana-Fraktion) aus, die lieber Champagner als Bier trinken und genießen, was der Kapitalismus an Ergötzlichem bietet – beispielsweise die vom Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder geschätzten 20-Euro-Zigarren der kubanischen Marke „Cohiba“ oder Rotwein namens Haut-Brion für tausend Euro die Bouteille. Aber Vorsicht, schon Schopenhauer hat davor gewarnt, vom Leben eines Philosophen auf sein Denken zu schließen.

Interessanter ist diese These: Der Mensch ist, wie er ißt! Dahinter steckt soziologischer Nährwert, wie jeder unschwer bei Essen in Gesellschaft feststellen kann. Da gibt es den Lust-Esser: schon der Anblick einer dampfenden Suppenschüssel stimmt ihn fröhlich. Er ist ein angenehmer Gast, der niemals beim Brathuhn über Schlankheitskurren spricht. Der Mantscher: knetet auf dem Teller alles zu Mus. Eher biederer Charakter, doch harmlos und verspielt wie ein Kind.

Der Vielfraß: ein Büffet erweckt ihn ihm die leidenschaftlichen Triebe eines Großwildjägers. Er putzt jeden Teller auf. Der Nachwürzer: greift schon vor dem ersten Bissen zu Salz und Pfeffer. Köche hassen ihn. Der Nörgel-Esser: ihm ist nichts recht. Die Suppe ist zu kalt, der Wein zu warm, das Huhn zu alt, das Dessert zu süß. Zu bedauern, er mag sich selber nicht. Der Mode-Esser: ißt nicht, was ihm schmeckt, sondern was gerade ritzy ist. Hechelt atemlos Trends hinterher. Der vegetarische Körner-Apostel: geht mit gequollenen Haferflocken ins Restaurant. Anstelle eines Bratens ißt er geraspelte Möhren, statt Wein trinkt er Kräutertee - ein Langweiler und Stimungsmörder par excellence!

Mit diesem Typus von Anti-Genießer kann man erst dann über die Wonnen von leckerer Küche und feinem Wein diskutieren, nachdem er eine Wurstfabrik geerbt hat.


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