Sein & Schein 31. Tagebuch

Virtuelle und reale Düfte
Ein Industrieller und leidenschaftlicher Alpinist – so erzählte man mir - habe sich, weil ihm die Zeit zum Bergsteigen fehle, im riesigen Keller seiner Villa maßstabsgetreu eine Almhütte einrichten lassen, inklusive einer gigantischen Apparatur, die ihm nach Wunsch diverse Gipfelstimmungen simuliert, sommerliche Schwüle über eisigen Wind bis zum Schneetreiben nebst entsprechenden Geräuschen, Gerüchen sowie Temperaturen.

Dichtung oder Wahrheit? In unserer Zeit der Superlative halte ich fast nichts für unmöglich, und so wünsche ich mir einen Raum, in dem ich es nach einem 1961er Château Margaux, dem 1955er Vintage-Port von Taylor, einer 1971er Auslese von J. J. Prüm oder der sensationellen Riesling Vinotheksfüllung von Emmerich Knoll aus der Wachau duften lassen kann. Alltags wäre ich auch mit der fruchtigen Delikatesse des 2005er Château du Gaby zufrieden, einem aufstrebenden Merlot-Wein aus Canon-Fronsac.

Pascals Erkenntnis
Eindruck beim Anblick einer japanisch-amerikanischen Touristengruppe: Reisen ist schön, hetzen würdelos. In diesem Sinne verstehe ich auch den Satz von Blaise Pascal, geschrieben vor mehr als 300 Jahren: „Ich habe entdeckt, daß alles Unglück der Menschen von einem Einzigen herkommt: daß sie es nämlich nicht verstehen, in Ruhe in einem Zimmer zu bleiben.“

Des Menschen Würde…
Eine sogenannte Wiener Society-Lady hat nebst ein bißchen echter Kultur die klassische Gesellschaftsmischung aus Schauspielern, etwas Wirtschaft, Adel, Presse und viel B-Prominenz empfangen. Die Kellner servieren Billigchampagner, Sherry und Fruchtsäfte, der Raum ist erfüllt vom Stimmengewirr.

Haben Sie schon gehört“, sagt die Managergattin ohne Fragezeichen zum jederzeit klatschempfänglichen Journalisten. Zwei andere Perlen der Gesellschaft sprechen über einen Minister, doch keine weiß was Nachteiliges. Da sagt Frau von W.: „Es heißt aber doch, er soll ein heimlicher Trinker sein.“

Journal bekommen!

Wort der Woche

„Der Wein macht den Maulwurf zum Adler“

Nadar

Dieses ebenso skurille wie poetisch erhöhte Bild hat Charles-Pierre Baudelaire (1821-1867) entworfen, der geniale französische Lyriker, Schriftsteller, Essayist, Dandy, Wagnerianer und Weinkenner, der vor allem mit seiner „Die Blumen...

weiterlesen

Gericht der Woche

Karpfen polnisch à la Fürst Rudolstadt

Bei allem Respekt vor der neuen deutschen...

weiterlesen

Wein der Woche

2008 Château de Pez, Cru Bourgeois, St. Estephe

Dunkelrot und mit einem jugendliche Frische signalisierenden Lilaschimmer fließt der Wein ins Glas, aus dem im Nu ein dicht geflochtenes Bukett...

weiterlesen