Sein & Schein 36. Tagebuch

Gabelfrühstück
Wenn dereinst über verlorene Werte beziehungsweise Bräuche geredet wird, gehört das Gabelfrühstück dazu. Wir haben es verloren an die Hektik, an den nützlichen, doch zugleich blöden Computer. Tempi passati, vorbei die Zeiten, in denen der Mann, öfter als die Frau, morgens gegen 11 Uhr seinen zweiten Imbiß zu sich nahm, gerne kulinarische Harmonien in Form einer Weißwurst mit süßem Senf, einer marinierten Sülze oder üppig gebutterten und leicht gesalzenen Brezen mit einem Gas Bier.

Mythos Kardamom
Legenden sind so etwas wie Märchen für Erwachsene. Da ist beispielsweise die Mär von Mohammed, dem Propheten Allahs, der nach dem Genuß einer Tasse Kaffee erst vierzig Männer aus dem Sattel gehoben und gleich anschließend vierzig Frauen geliebt haben soll. Kaffeeröster finden an dieser Geschichte selbstverständlich großen Gefallen, aber wer weiß, vielleicht war es gar nicht das Koffein, das den Mann derart beflügelt hatte, sondern das Kardamom, das in einem arabischen Kaffee nicht fehlen darf. Am Mengenverhältnis lassen sich Reichtum und Großzügigkeit des Gastgebers ermessen.

Das Volk mischt in der Regel vier Teile Kardamom mit sechs Teilen Kaffee, wohingegen die oberen Zehntausend drei Teilen Kaffee sieben Teile des kostbaren Gewürzes beimengen, getreu dem klassischen Motto aller Angeber: Schaut her, was wir uns leisten können. Kardamom, übrigens der Same eines Ingwergewächses, stammt vor allem aus Guatemala und Indien. Bei uns nimmt man das Gewürz mit seinem süßlich-scharfen Aroma zum Aufpeppen von Wurst, Brot, Kuchen, Fleisch, Pudding, Punsch und Kompott, doch heißt es, daß Kardamom, nach Alkoholgenuß zerkauft, auch die verräterische Fahne beseitigt nur: Möglicherweise ist das auch wieder so eine Legende.

Legere Frühlingsgelüste
Welchen Wein man auch wählt, in jedem Fall soll er uns bereits mit dem ersten Schluck in den Mittelpunkt des Weltalls versetzen und uns die Zeit träumend, Pläne schmiedend vergessen lassen. Der Frühling ist wie keine andere Saison die Einladung zum Aufbruch. Die menschliche Leib-Seele-Einheit bedarf im Rhythmus der Jahreszeiten nicht nur der geistigen Reflexion, sondern auch der Erneuerung.

Das sollte nicht vergessen werden, wenn wir den Tag begrüßen und vielleicht als kulinarische Operette mit einer kühn marinierten Gemüsesülze, einer traditionell blau gesottenen Forelle mit neuen Kartoffeln oder Spargel mit Vinaigrette inszenieren und dazu einen feinen Weißwein entkorken. Ein Riesling von Mosel oder Rhein wäre als Partner gerade recht. Schon beim Gedanken an solche legeren Köstlichkeiten beginnen die Magensäfte des Feinschmeckers begehrlich zu schnurren, und er weiß, dass jetzt das Paradies geöffnet ist und das Leben rund und bunt ist wie ein Apfel. Wer den Frühling versäumt, lebt an sich selbst vorbei.

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