Sein & Schein 37. Tagebuch

Schönheit des Nützlichen
Der Frühling kam gleich als Sommer daher und läßt kleine lila Duftprotze sprießen: die viola odorata, auch Veilchen genannt. Parfümeure lieben sie, aber sie erfreut auch Feinschmecker, die mit Blüten und Blättern ihre Salate raffiniert anreichern. Und die zarten Blütenblätter sind kandiert eine köstliche Näscherei:

Man löse einen Teelöffel Gummi arabicum in einem Eßlöffel Wasser auf, tauche die Blüten in diese Lösung, lasse Flüssiges abtropfen, wälze die Blüten anschließend in feinem Kristallzucker, lege sie auf ein mit Zucker bestreutes Backpapier und trockne die solcherart präparierten Blüten bei 50 Grad im offenen Backrohr.

Des Menschen Würde
Nichts anzuziehen, hört man sie seufzen, die schönen Frauen, während sie Seidiges, Brokat, Samt und schweren Duchesse mustern. Heute ist Filmball, morgen Presseball, übermorgen Ball des Sports oder die Party des Jahres. Was wird die gute Freundin tragen, die, wie jeder weiß, keinen Geschmack, doch einen spendablen Mann hat. „Prächtige Stimmung“, hat der an Pomp gewöhnte Modezar Karl Lagerfeld als Gast bei einem Bonner Sommerfest einmal gewispert, um mit einem Seitenblick auf die Gesellschaft maliziös nachzusetzen: „Jeder hat das angezogen, was er gerade im Kleiderschrank gefunden hat.“

Alles ist eitel und ein Haschen nach Wind, sagt der Psalmist, aber es macht halt Spaß, auch am Büffet oder beim tänzelnden Drehen um die eigene Achse mitzukriegen, wer mit wem wie und überhaupt. Göttinnen der Nach lorgnettieren sich, Naturseide bietet Halbseide die hochgezogene Braue – und wer in dieser Schau nicht Nabel ist, kann, wenn er mag, wenigstens die Nabelschnur der Prominenz sein. Des Menschen Würde ist in seine Hand gegeben.

Erdäpfelsalat statt Yoga
Die Pariser Kurtisane La Belle Otero verzehrte Kartoffel am liebsten gefüllt mit pochierter Seezunge, Krabbenschwänzen und Sauce Mornay. Das zeugt von erlesenem Geschmack. Für mich beginnt die Vorfreude auf derlei Köstlichkeit schon beim Schälen der Kartoffel. Langweilig? Nein, entspannend, egal, ob man der Erdfrucht nun mit einem scharfen Messer oder nützlichen Werkzeugen namens Rex oder Victorinox (zweischneidig, mit rostfreier Klinge und Holzheft) zu Leibe rückt.

Beim Schälen denkst du schon an das knusprige Gratin zum Lammbraten oder die in Bouillon gebadeten Kartöffelchen zum Tafelspitz. Und wirksamer als jedes Yoga ist das Rühren der Vinaigrette für den lauwarm angemachten Erdäpfelsalat zum Wiener Schnitzel.

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Wort der Woche

„Der Wein macht den Maulwurf zum Adler“

Nadar

Dieses ebenso skurille wie poetisch erhöhte Bild hat Charles-Pierre Baudelaire (1821-1867) entworfen, der geniale französische Lyriker, Schriftsteller, Essayist, Dandy, Wagnerianer und Weinkenner, der vor allem mit seiner „Die Blumen...

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Gericht der Woche

Karpfen polnisch à la Fürst Rudolstadt

Bei allem Respekt vor der neuen deutschen...

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Wein der Woche

2008 Château de Pez, Cru Bourgeois, St. Estephe

Dunkelrot und mit einem jugendliche Frische signalisierenden Lilaschimmer fließt der Wein ins Glas, aus dem im Nu ein dicht geflochtenes Bukett...

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