Sein & Schein 39. Tagebuch

57 Liebespositionen ohne Frau

Ein herzlicher Rat vorweg: Trauen Sie in der Feinschmeckerei keinem, der jeden Satz mit einem Rufzeichen beschließt. Genuß kommt aus des Leibes und des Herzens Tiefe, nicht vom Kopf. Entsprechend unsinnig ist oft das Geschmatze über die Beziehung von Speisen & Wein. Zu den törichtesten Behauptungen, die immer wieder auftauchen, gehören Fehlurteile wie: Zu Salat paßt kein Wein! Suppe und Wein vertragen sich nicht! So drohen Theoretiker, die lebensfern sind wie jener Mann, der 57 Liebespositionen kennt, aber keine Frau.

Hingegen weiß jeder Mensch von gutem Geschmack, daß zu einem diskret mit Essig angemachtem Salat jederzeit junge Weißweine oder Rosés mit fein akzentuierter Säure harmonieren – zumal, wenn die Vinaigrette mit einem Hauch von Himbeeressig geadelt worden ist. Und cremige Suppen schmecken vorzüglich mit vollmundigem Chardonnay oder reifem Grünen Veltliner Smaragd aus der Wachau. Zu klaren Brühen macht sich neben Sherry bestens ein alter Riesling mit diskreter Edelfirne.

Man muß probieren und dabei unbekümmert auch wider Regeln verstoßen. Wer das tut, wird feststellen, daß zu manchen Nachspeisen gut ein Obstschnaps paßt – wie etwa ein Williams zu einer Birnen-Tarte oder ein Kirsch zu einem Beerendessert.

Kulturbeutel

Wenn der Deutsche reist, hat er gewöhnlich einen Kulturbeutel im Gepäck. Ich weiß nicht, wer dieses Utensil so betitelt hat. Seife, Zahncreme, Haarbürste & Co gehören gewiß zur Kultur des Menschen, wenn man darunter nicht nur die Pflege des Geistes, sondern auch jene des Körpers versteht. La cultura war in seiner ursprünglichen Bedeutung freilich auf den Landbau gemünzt, und von daher leitet sich auch die Kultivierung der Natur her als deren Bearbeitung durch den Menschen.

Vielleicht wäre Zivilisationsbeutel der bessere Begriff.

Kulturtag auf der Alm

Begreift man Kultur laut philosophischer Deutung als Bearbeitung und Vervollkommnung einer Sache zu einem bestimmten Zweck, dann gibt es in diesem Sinne keine schönere und jedenfalls genüsslichere Pflege als das Trinken von Wein. Insofern läßt sich korrekt von Kultur sprechen, wenn sich einmal jährlich eine kleine Gruppe von Feintrinkern auf der Alm versammelt, um in die Tiefen des Weins einzutauchen.

Man nehme also vorneweg ein warmes Bad, ruhe eine halbe Stunde lang, rasiere sich naß, spaziere noch einige Minuten durch den Garten, betrachte das Rosenrondell, erbaue sich kurz an den Teichrosen, lese danach noch ein wenig Thomas Mann oder Peter Altenberg und widme sich hierauf in eleganter Kleidung einem 1961er Château Margaux: immer noch ein sehr menschenfreundliches Gewächs. Beim 1964er Schloß Vollrads Schloßabzug, der in hellem Goldgelb ins Glas fließt, nach Marille duftet, nur einen leisen Hauch von Petrol verströmt und angenehm herb schmeckt – die ursprüngliche Restsüße hat sich geläutert - , ist das hohe C des Rieslings zu schmecken.

Und der 1997er Gelbe Muskateller Smaragd von Emmerich Knoll aus der Wachau, der Rasse mit Finesse verbindet und einem dank seines feinen fruchtigen Aromas das Gefühl vermittelt, auf frische Trauben zu beißen, belegt, daß nur Weine ein Essen schöner und die Tischgespräche unterhaltsamer machen.

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