Sein & Schein 41. Tagebuch

Modepuppen
Es ist ein seltsames, geradezu erhabenes Gefühl, in einer Bar zu sitzen, in der alle anderen vor lauter Business und Hektik durchdrehen, während du gelassen deinen Dry Martini trinkst und nichts anderes tust als schauen und sinnieren. So war es jüngst in der Bar des Bayerischen Hofs, wo ich angesichts der Modepuppen über Frauen mit Stil nachzudenken begann.

Als erstes fiel mir Diane Vreeland ein, die legendäre Herausgeberin der Vogue. "Eleganz ist wichtig. Mut und Würde essenziell", lautete ihr Credo. Wallis Simpson, die Herzogin von Windsor, hatte gewiß Stil, auch wenn ich ihren Satz "Eine Frau kann nie zu dünn und zu reich sein" ziemlich albern finde. Charlotte Rampling: reizvolle Mischung aus geheimnisvoller Melancholie und verhaltener Sinnlichkeit. Sharon Stone: intelligent und glamourös. Lauren Hutton rangiert in meiner Liste ganz oben. Die Frau sieht mit Siebzig immer noch umwerfend gut aus. Gegen sie wirkt eine Heidi Klum wie ein drapierter Kleiderständer.

Duftfetischisten
Ein immer wieder leidiges oder amüsantes Thema – je nach Temperament des Betrachters - sind die rhetorischen Pirouetten unserer Duftprofessoren. Schwenken sie das Glas linksherum, nehmen sie Himbeere wahr, beim Rechtsschwenk hingegen Erdbeere. Und dann die Konkurrenz: Sagt der eine „frisch gekochte Orangen“, konstatiert der andere „wilde Fleischnoten und Teer an Süßholz“. Riecht einer beim burgundischen 1969er Chambertin aus dem Hause Leroy „Himbeernote, ganz typisch“, entgegnet der andere Degustationspapst „eindeutig schwarzes Johannisbeergelee mit Leder und Kaffee“.

Dem Chambertin ist das natürlich wurscht, er verströmt aller weinseligen Definitionshuberei zum Trotz großzügig seine Hunderte von Aromen, deren Fülle kein Mensch und nicht einmal ein routinierter Parfumeur wahrzunehmen in der Lage ist. Daß es dennoch immer wieder versucht wird, gebiert weinlyrische Blüten, die eher dem Lockendrehen auf einer Glatze gleichen als nachvollziehbarer Information. Je weniger ein Sommelier, Journalist oder Sonntagstrinker den zu beschreibenden Wein begreift, umso metaphorischer gibt er sich in seinem Wortgeklimper.

Mir kommt das vor wie jener Theoretiker, der 57 Liebespositionen kennt, doch keine einzige Frau.

Unsägliche Tellerschnörkel
In der klassischen Grande Cuisine verstanden sich die Köche auch als Bildhauer. Pasteten und große Braten sind damals zu architektonischen Galastückerln aufgeputzt worden. Derartig aufwendige und aufregende Garnituren, die einer vorweggenommenen Postmoderne mit Erkern, Türmchen, Kugeln und Säulen ähnelten, erlauben sich heute freilich nur mehr wenige Grandhotels bei festlichen Banketten.

Puristen meinen sogar, außer Knochen und Gräten müsse alles auf dem Teller essbar sein. Ganz so streng muß man das nicht sehen, sofern sich das Dekor mit der Qualität der Speisen deckt. Das Auge isst schließlich mit, wie der Volksmund kurz und bündig erkannt hat. Außerdem sollten auch und gerade bei Tisch gewisse Freiheiten erlaubt sein, schließlich ist das Leben schon genügend durch Gebote und Verbote eingeengt.

Das Prinzip von der Klarheit auf dem Teller gilt selbstverständlich auch für die bürgerliche Küche. Eine Roulade gewinnt durch eine sinnvolle, hübsche Dekoration ebenso an Anmut wie eine simple Wurst- und Käseplatte. Zum Teufel wünscht sich hingegen der Gourmet jene phantasielosen Köche, die jedes, aber auch wirklich jedes Gericht mit dieser unselig langweiligen, nichtsnutzigen Viererbande aus einem Blatt Salat, Tomatenviertel, Paprikaring und Petersilie garnieren. Da werden Schnörkel zum Verbrechen.

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