Sein & Schein 43. Tagebuch

Kulinarisches Faustrecht
Es fühlte sich weich an und schmeckte, nein, nicht weich, sondern pampig: das mysteriös gefüllte „Brötchen“, ungenießbar, morgens serviert beim Air Berlin-Flug von Köln nach Malaga – ein idealer Kitt für Mauerlöcher.

Essen, so hatte einst Joseph Conrad erkannt, sei als moralische Angelegenheit anzusehen, weil es die einzig wahre Art des Optimismus darstelle. Glücklich philosophierender Schriftsteller, er blieb vom kulinarischen Faustrecht Airberlins verschont.

Frosch-Perspektive
Paula Fichtl, die langjährige Haushälterin von Sigmund Freud, hatte als Gast ihrer Herrschaft auch Thomas Mann erlebt, über den sie nörgelte: „Der mochte keinen Zucker im Tee und war ein eingebildetes Mannsbild.“
Also sowas!

Aber was war für Paula F. nun schlimmer: kein Zucker im Tee oder die Arroganz des Dichters ? Ob dies oder das, das herbe Urteil belegt, wie unterschiedlich Menschen gesehen und eingeordnet werden.

Das gilt auch gegenüber Weinen und Speisen. Die einen kategorisieren aus der weiten Perspektive des Vogels, andere begnügen sich mit der engeren des Frosches.

Vergewaltigung
Das Denken findet im Kopf statt, aber ich traue auch meinem Bauch eine Menge zu. Er signalisiert mir, was der Körper nach Tagen voll des guten Weins und der feinen Küche braucht: leichte Pikanterien. Die Empfehlung des Obers klang also wie bestellt, das Mahl mit frischem Gartensalat einzuleiten. Überhaupt nicht begeistern konnte mich sein Vorschlag, den Salat mit Entenbrust, Kalbsbries oder Lachs anzufetten.

Die Köche nennen es anreichern, für mich ist es eine Überfrachtung: die Mode, Salate mit Gebratenem von Fleisch oder Fisch zu servieren. Das dient den Wirten zur Rechtfertigung hoher Preise, aber kulinarisch erfüllt es den Tatbestand einer Vergewaltigung; solcher Aufputz nimmt Gartensalaten die Unschuld!

Ashantee
Jeder Sammler kennt das Schmetterlingsgefühl im Magen, so ein nervöses Flattern wie in der Liebe, wenn er lange Gesuchtes in einem Katalog entdeckt und den Händler bange fragend anruft, ob der Schatz noch zu haben sei. Kürzlich habe ich ein Bücherl entdeckt, hinter dem ich lange Jahre her war: Ashantee von Peter Altenberg, 1897 erschienen im S. Fischer Verlag. Ja, beschied mich der Antiquar, können Sie haben. Per Eilboten, sagte ich, dafür lasse ich mich gerne morgens um sieben Uhr wecken.

Nächsten Tag halte ich „Ashantee“ in Händen und lese als Motto: „ Nicht Dir und Einem gib das Gute, welches Du gefunden auf deinen schweren Wegen --- gib es Allen! Gib auf die feige Vorsicht, gleichgesinnten Herzen dich zu eröffnen! Sei stark! Wirf’s in die Welt! Und lass Dich kreuzigen!!“
 

Journal bekommen!

Wort der Woche

„Der Wein macht den Maulwurf zum Adler“

Nadar

Dieses ebenso skurille wie poetisch erhöhte Bild hat Charles-Pierre Baudelaire (1821-1867) entworfen, der geniale französische Lyriker, Schriftsteller, Essayist, Dandy, Wagnerianer und Weinkenner, der vor allem mit seiner „Die Blumen...

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Gericht der Woche

Karpfen polnisch à la Fürst Rudolstadt

Bei allem Respekt vor der neuen deutschen...

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Wein der Woche

2008 Château de Pez, Cru Bourgeois, St. Estephe

Dunkelrot und mit einem jugendliche Frische signalisierenden Lilaschimmer fließt der Wein ins Glas, aus dem im Nu ein dicht geflochtenes Bukett...

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