Sein & Schein 44. Tagebuch

Neue Holzköpfe
Sofern der Genetiker Gerald Crabtree mit seiner These recht hat, wird der Mensch nicht gescheiter, sondern blöder. In einem Aufsatz über die Entwicklung der menschlichen Intelligenz, erschienen in „Trends in Genetics“, behauptet der Stanford-Professor, daß der Mensch seine beste Zeit hinter sich habe – aufgrund einer Schwächung des natürlichen Ausleseprozesses, der bereits mit dem Wechsel des Menschen vom Jäger zum Ackerbauern eingesetzt habe.

Mangelnde Intelligenz sei im Jäger-und-Sammler-Zeitalter hart bestraft worden, doch seither kämen auch bescheidenere Geister gut durchs Leben, was seit Generationen zu Mutationen an den zwei- bis fünftausend Genen geführt habe, die bei der Intelligenz eine Rolle spielen. Während ein dummer Jäger vor 50 000 Jahren nicht weit kam, bekommt laut Crabtree „ein Wallstreet-Manager, der ähnliche konzeptionelle Fehler macht, einen Riesenbonus und gilt als attraktiver Paarungspartner“.

Kurz gefaßt: Wenn ein antiker Grieche ins Jahr 2013 gebeamt würde, wäre er erstaunt, welche Holzköpfe die heutige Welt bevölkern.

Schaum schlagende TV-Köche
Pikobello, in tadellos gebügelter, blütenweißer Jacke mit elegant aufgesetztem Stehkrägelchen, wie es weiland die Offiziere des Zaren an ihren Galauniformen für angemessen gehalten haben, schreiten sie ihre Tatorte ab: die öffentlichen Herde in den diversen Fernsehsendungen. Da wird Kochen als die größte Gaudi inszeniert, wogegen ja nichts einzuwenden wäre, wenn wenigstens die Rezepturen der Gerichte zu verstehen wären. Stattdessen gibt es Schaumschlägereien und viel Rede-Mus.

Die TV-Köche spielen Genie in der Erwartung, auch als solches angesehen zu werden, doch man fragt sich, woran es liegt, dass in den Fernsehküchen das gastronomische Mittelmaß regiert. Privat wirken Mälzer, Zacherl, Henssler, Lichter und Konsorten wie sympathische Burschen, kochtechnisch sind sie mit Madonna vergleichbar. Deren Fähigkeiten sind ebenfalls begrenzt, weder kann sie tanzen noch wirklich gut singen, aber sie verfügt über Ehrgeiz, eine bewundernswerte Konstitution, kein bisschen Bescheidenheit und vor allem den Willen zu arrivieren

Wahre Kochkünstler haben in ihren kleinen Fingern mehr kulinarisches Genie als alle diese TV-Bubis, die souveränen, im Südwestfunk auf hohem kulturellem Niveau kochenden Vincent Klink und Otto Koch ausgenommen. Von Lichter lernt man am besten, wie man’s nicht macht, sofern einen dessen Lustseufzer nicht sowieso vorzeitig den Kanal wechseln lassen - vielleicht hin zu Rainer Sass, der im Norden auf herzerfrischende Weise kocht, oder hin zu Alfons Schubeck, der im Bayerischen ebenso heitere wie informative Küche demonstriert. Auch Lafer ist ein vorzüglicher Koch, doch hat er sein Talent – und somit die Chance zu gastronomischer Größe – seiner Vermarktung geopfert.

Ein Verdienst der TV-Köche mag sein, daß sie mit ihrer Botschaft von einer Küche abseits apodiktischer Zwänge vielen Menschen die Schwellenangst vor dem Kochen genommen und neue Leidenschaften für diese Kultur entfacht haben mit dem nahrhaften Ergebnis, dass auf einmal alle Welt kocht.

Bitte sehr: Die Küche ist das Zentrum des Lebens, für die Hungrigen die Verheißung paradiesischer Glückseligkeit, ein Ort des Überschwangs und der üppigen Lebensfreude, kurzum eine Nische, wo der Mensch noch Mensch sein darf im hemmungslosen Ausleben seiner individuellen Neigungen.

Ich koche, also bin ich!

Die Feinschmeckerei ist ja das sozusagen öffentlich erlaubte Praktizieren einer leiblichen Wollust. Ein perfekt zubereitetes Wiener Schnitzel vermag fraglos unsichere Seelen zu stärken, ein Steinbutt mit Sauce Béarnaise kann aus einem Zahlenmenschen einen Romantiker machen, nur: Dieses schöne Empfinden schaffen die TV-Köche nicht. Dafür ist das Fernsehen freilich auch nicht geeignet, solange man die Speisen weder riechen noch betasten, gar essen kann.
 

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