Sein & Schein 51. Tagebuch

Unsinnigkeiten
In der „Nouvelle Society“ der Weinszene geht es immer kunterbunter zu, auch verworrener und zugleich lächerlicher. Als „Clou für Weinliebhaber“ hat die Kolumnistin eines österreichisch-deutschen Gourmet-Magazins den „Malmaison“ von Christofle gerühmt. Das Instrument gleicht in der Form einem einfachen Korkenzieher, bestehend aus Griff, Schaft und Gewinde, aber es ist versilbert und der Griff verziert. Kosten: runde 120 Euro!

In der selben Ausgabe präsentiert die Dame noch den „Fidelio“, ein versilbertes Anti-Krümel-Tisch-Schäufelchen von Christofle für Euro 252,10, mit der Empfehlung, dies sei ein „Must für stilvolle Gastgeber“, um den Tisch in Sekundenschnelle „wieder sauber und makellos rein“ zu bekommen. Naja, wer eine Krümel-Phobie hat, kann die ja nicht weniger elegant mit der Hand vom Tisch wischen, und ich erinnere mich lächelnd an ein Mittagessen mit dem Marchese Nicolo Incisa della Rocchetta, dem Eigner von Sassicaia, der den Tisch noch vor dem ersten Gang mit einer Unmenge an Brotbrösel übersät und so die Tafel zu einem lebendigen Dokument zwangfreier Eßkultur erhoben hatte.

Merke: was den Kleinbürger stört, ist dem Aristokraten kein Gedanke wert!

Gräßliche Vorstellung
In den USA, wo angeblich nichts unmöglich ist, gibt es Dinge, die ich für unmöglich hielt – wie beispielsweise dies: In einem New Yorker Restaurant stellte der Service nach dem Essen ungefragt eine Schale mit vielen bunten Pillen auf den Tisch. Was das sei, wollte ich wissen. „Vitamine“, sagten meine Freunde, sich fleißig bedienend. Rot für C, grün für B, gelb für D und so weiter. Ich lachte, doch später wurde ich nachdenklich.

Nun kennt man auch im alten Europa den Brauch, das Essen mit einem Digestif zu beschließen à la Schnaps, Likör; Kaffee, Tee, Zigarre oder alles zusammen. Die „Reise der Gerichte“ soll dadurch unterstützt werden, eine genante Umschreibung für Verdauungsförderung. Man schlemmt und muß hinterher reparieren. Das ist nicht der tiefere Sinn der Feinschmeckerei, eher eine Fortsetzung barocken Lebensstils: erst wird fürchterlich gesündigt, danach heftig bereut.

Nein, jetzt folgt keine Fastenpredigt, die würde mir sowieso keiner abnehmen, nur: Mir ist ein gelegentlich strapazierter Magen lieber als die Vision, die ich angesichts der bunten Kügelchen hatte. Es kam mir nämlich in den Sinn, was Zukunftsforscher längst entworfen haben: ein Leben ohne Eßtisch! Künftig, so lautet die These, würden die Menschen nicht mehr essen und trinken wie wir heute, sondern pro Tag eine Pille schlucken, in der alles enthalten ist, was der Organismus benötigt. An Geburtstagen oder Weihnachten ließe sich um solche Pillen ein Kult zelebrieren, indem man sie vielleicht auf Samt serviert oder bei Musik einnimmt.

Diese Art gastronomischer Science fiction ist eine gräßliche Vorstellung für jeden Gourmet. Zwar esse ich mitunter auch gerne alleine, zumal dann, wenn kein Mensch da ist, der das Mahl durch seine Gegenwart bereichern würde. Aber ich bin überzeugt, daß gemeinsames Essen und Trinken weit über die notwendige Ernährung hinaus ein Stück unverzichtbare Lebenskultur ist. Vielleicht gibt sogar erst das Tischgespräch der Mahlzeit den eigentlichen Sinn. Die Aufgabe des gemeinsamen Mahles könnte also den Verlust unserer Menschlichkeit bedeuten.

Der Eßtisch ist ein Kristallisationspunkt der Gesellschaft und Ausdruck eines Verlangens nach einer Gemeinsamkeit, die so elementar ist wie die Liebe. Und so werde ich mir heute ein paar Freunde einladen, deren Gesellschaft dass Essen einfach schöner macht.

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Wort der Woche

„Der Wein macht den Maulwurf zum Adler“

Nadar

Dieses ebenso skurille wie poetisch erhöhte Bild hat Charles-Pierre Baudelaire (1821-1867) entworfen, der geniale französische Lyriker, Schriftsteller, Essayist, Dandy, Wagnerianer und Weinkenner, der vor allem mit seiner „Die Blumen...

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Gericht der Woche

Königsberger Klopse von Tante Therese
(angelegt für vier Personen)

Zutaten Klopse:

Wein der Woche

2008 Château de Pez, Cru Bourgeois, St. Estephe

Dunkelrot und mit einem jugendliche Frische signalisierenden Lilaschimmer fließt der Wein ins Glas, aus dem im Nu ein dicht geflochtenes Bukett...

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