Sein & Schein 52. Tagebuch

Hirn-Apparatschiks
Es gibt Leute, die, den Steinbutt mit Austernsauce noch auf den Lippen, wider die feine Küche zu Felde ziehen und das Hohelied von Schmalzbroten und urigen Bratenstücken singen. Gegen rustikale Schmankerl ist selbstverständlich nichts einzuwenden; auf meinem Frühstückstisch steht ein Tontöpfchen mit Griebenschmalz, gewonnen aus Iberico-Speck plus ein wenig Majoran. Wer jedoch aus der Ecke des übersättigten Essers nörgelt oder aus Eitelkeit, weil Regionales trendy ist und mit Moos kochende skandinavische Köche von einigen Journalisten, die sich darob ungeheuer avantgardistisch dünken, verherrlicht werden, der kommt mir vor wie jener Mann, der 53 Liebespositionen kennt, aber keine einzige Frau.

Anders gesagt: das sind keine Bauch-Genießer, sondern seelenlose Hirn-Apparatschiks, die sich ihre Losung von der Bauernküche wie ein Hundefell überstreifen, um die Köche mit einem „Wau“ zu erschrecken.

Leckerer 1990er
Was ist großer Wein? Darüber läßt sich trefflich diskutieren, auch streiten. Nahrhafter ist es, die Frage trinkend am Objekt zu lösen. Also stellte man einige feine Bordelaiser Kreszenzen des Jahrgangs 1990 auf den Tisch und begann mit der Wahrheitsfindung. Erkenntnis Nummer eins: Der 90er verbindet Volumen mit Finesse, Kraft mit Grazie, Frucht mit weich gewordenen Tanninen. Nummer zwei: Alle sind schon mit Genuß trinkbar, darüber hinaus haben die meisten noch ein langes Leben in Schönheit vor sich.

Bei der Abstimmung haben am besten abgeschnitten: Latour, Margaux, Haut-Brion, La Mission Haut-Brion, Clinet, Pétrus, Lafleur, Figeac, Ducru-Beaucaillou. Léoville-Las Cases, Montrose, Pichon-Baron, Lynch-Bages, Sociando-Mallet, Le Pin, Tertre Roteboeuf.

2013er
Auch der Wein hat seine Mythen. Es mag Zufall sein, vielleicht macht sich ein fürs Wetter im Himmel zuständiger Engel einen Scherz, aber Tatsache ist, daß sehr viele mit einer „3“ endenden Jahrgänge besonders gut ausfallen, der aktuelle 2013er eingeschlossen. Legendär sind die Noblen aus Bordeaux von 1893 sowie Riesling-Auslesen vom Rheingau, grandios die 1953er, allen voran Lafite. 1963 war ein Spitzenjahr für Port, Tokajer und edelsüße Weine aus Österreich (wie auch 1973, 1983, 1993 sowie 2003). 1983: Triumph für Margaux und Palmer aus der Region Margaux. Von 2003 gibt es rote Burgunder von muskulöser, teils außergewöhnlicher Statur.

Die Champagne hat 1973 über grandiose Cuvées jubiliert (und tut es 2013 erneut) – Krug, Salon und Dom Perignon sind bis heute mit Wonne zu trinken. Rote Bordelaiser sind zwar weitgehend eine Pleite, aber bitte: ein 1973er Latour beeindruckt zumal in der Großflasche noch mit köstlicher Morbidezza.

Teurer Frankenstein
Trends: Filmplakate sind der neue (alte) Sammlerhit. Ein Schwarzenegger ist allerdings wenig wert gegen einen echten Bogey-Casablanca. Spitzenreiter ist derzeit ein Movie-Poster mit Frankenstein aus dem Jahre 1931, das bei einer Auktion für runde 400 000 Euro versteigert worden ist. Anspruchsvolle Liebhaber sammeln nur Originale, keine Neuauflagen.

Rekorde erzielen Photographien der Kamerakünstler des frühen 20. Jahrhunderts: Man Ray, August Sander, Weston. Ein Stieglitz-Foto von Georgia O’Keeffes Händen brachte es auf runde 325 000 Euro.

Starkes Interesse gilt klassischen Roben von Starcouturiers wie Dior, Chanel, Balenciaga, Jean Patou oder Schiaparelli. Sammlerwert hat weniger das „kleine Schwarze“, sondern die große Abendrobe. Es lohnt, einen Blick in Großmütterchens Kleiderschrank zu werfen.

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