Sein & Schein: Tagebuch eines fröhlichen Trinkers

Stotterndes Weingenie
Mich erstaunen immer wieder Leute, die junge Weine mit Altersprognosen versehen: trinkbar ab 2017 und haltbar bis 2027. Du meine Güte, wer das macht, lehnt sich fahrlässig weit aus dem Fenster. Selbst der große Mann von Mouton-Rothschild, Raoul Blondin, hat mir einmal gesagt, er wage dies zu keinem so frühen Zeitpunkt, nicht einmal bei seinen eigenen Gewächsen – und die kannte er besser als ein Vater seine Kinder.

Ins Groteske kippt auch die Praxis, blutjungen Weinen mit Punkten auf die Spur kommen zu wollen. Bei einer Probe 2013er Bordelaiser Kreszenzen – in diesem Zustand ändern sich die Weine noch von Woche zu Woche – sah ich, daß ein Journalist allen großen Gewächsen von Haut-Brion über Margaux, Pétrus, Cheval Blanc und Lafite sowie Mouton zwischen 19,2 und 19,75 Punkte gab. Abends, beim Essen, fragte ich dann, wie ihm denn der Latour geschmeckt habe. „Moment“, sagte er: „19,8 Punkte.“ Welche Ehre für den Wein, aber was ist für den 2013er Latour charakteristisch, abgesehen von den üblichen Aroma-Verdächtigen à la Cassis, Tabak, Zeder & Co? Da stotterte das Genie.

Müßiggang als seelische Hygiene
Müßiggang ist aller Laster Anfang, sagt der fleißige Volksmund, und da ist schon was dran. Wer nichts tut, also passiv in den Tag hinein lebt und dann nicht über die philosophischen Talente eines Diogenes verfügt, kann leiblich und seelisch leicht versumpfen. Andererseits läßt sich, freilich mit scheuem Seitenblick auf den nordischen Leistungsgeist, auch sagen, daß Nichtstun aller Kreativität Anfang ist. Für einen wie mich, der sowieso nur arbeitet, damit er sich den Harlekin aus Porzellan und für jede Stimmung den passenden Wein leisten kann, ist unverbindliches Träumen so was wie seelische Hygiene.

Falsche Weintemperaturen
Gastronomisches Mysterium: Weißweine werden in Restaurants meist zu kalt, Rotweine hingegen zu warm serviert. So kommt’s, daß ich den Ober bitte, die Flasche mit dem Weißwein aus dem Eiskübel zu nehmen. Bei Gewächsen von karger Qualität – wie die meisten Pinot grigios – werden Fehler durch die Kälte barmherzig überdeckt. Schon zehn Grad lassen sie fuselig erscheinen. Aber gute Weine entfalten ihre Aromastoffe am schönsten zwischen zehn und zwölf Grad, kapitale Kreszenzen à la burgundische Montrachets, einen Grüner Veltliner Vinotheksfüllung von Emmerich Knoll aus der Wachau oder einen reifen Clos de la Coulée de Serrant aus den späten 1980ern, einer meiner Lieblinge, lasse ich mir auch mit 13 Grad gut gefallen und finde 14 nicht zu viel.

Eiseskälte läßt solche prachtvollen Naturereignisse erstarren, Düfte und Geschmack ziehen sich fröstelnd zusammen wie die Haut bei einem Nackten in der Arktis. Da merkt man, daß solche Wuchtbrummen eigentlich so etwas wie rote Weißweine sind.

Krebsgelee und Pommery Rosé von 1959
Apropos Trinktemperatur: auch feine Champagner mag ich nicht eiseskalt. Gegen den ersten Durst am Abend oder schon etwas früher, zur schönen blauen Stunde, mag ein junger Schampus, in Strömen genossen, wohl auch frisch aus dem Eiskübel das rechte Rezept sein, aber nie und nimmer gilt das für erhabene Gewächse wie beispielsweise einen 1982er Krug, 1996 Sir Winston Churchill von Pol Roger, den nach wie vor grandiosen 1976er Salon.

Oder für den 1959er Rosé von Pommery. Ja, damals war Pommery noch auf seinem Höhepunkt, sorgte der Prince de Polignac als Kellermeister für Cuvées von ausgesucht schlanker Rasse. Selbst nach fünfundfünfzig Jahren war der 59er Rosé nur zart und fein von einigen Runzeln durchzogen, wie bei einer in Schönheit und Würde älter gewordenen Frau. Im Glas perlte ein feines Mousseaux, es duftete nach Marzipan, etwas Kirsche und ein bißchen Brioche, auch Quitte und Birne waren auszumachen, jene typischen Reifenoten. Der Wein gewann durch den Kontakt mit der Luft, einen Hauch von Madeira habe ich als angenehm empfunden und mir gedacht, das ideale Gericht dazu wäre ein Krebsgelee, wie es Hubert Scheid im Schloß Monaise nahe Trier so meisterlich hinkriegt.

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