Sein & Schein: Erlebtes und Erlauschtes - 1. Folge

Gastronomisches Mysterium: Weißweine werden in Restaurants meist zu kalt, Rotweine hingegen zu warm serviert. So kommt’s, daß ich den Ober bitte, die Flasche mit dem Weißwein aus dem Eiskübel zu nehmen. Bei Gewächsen von karger Qualität – wie den meisten Pinot grigios – werden Fehler durch die Kälte barmherzig überdeckt. Schon zehn Grad lassen sie fuselig erscheinen. Aber gute Weißweine entfalten ihre Aromastoffe am schönsten zwischen zehn und zwölf Grad, kapitale Kreszenzen à la burgundische Montrachets, einen Grüner Veltliner Vinotheksfüllung von Emmerich Knoll aus der Wachau oder einen reifen Clos de la Coulée de Serrant aus den späten 1980ern, einer meiner Lieblinge, lasse ich mir auch mit 13 Grad gut gefallen und finde 14 nicht zu viel.

Eiseskälte läßt solche prachtvollen Naturereignisse erstarren, Düfte und Geschmack ziehen sich fröstelnd zusammen wie die Haut bei einem Nackten in der Arktis. Da merkt man, daß solche Wuchtbrummen eigentlich so etwas wie rote Weißweine sind.

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Auf Unerklärliches reagiert der Mensch gerne mit der Flucht aus der Realität - kokett seufzend sucht er Trost bei Klassikern, etwa beim unerschöpflichen Shakespeare, der ihm prompt hilft: „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, Horatio, von denen sich Eure Schulweisheit nichts träumen läßt“, heißt es im Hamlet. Und das gilt ebenso für die Gourmandise, denn auch beim Essen und Trinken gibt es Fragen ohne Antworten.

Eine beschäftigt mich seit Jahren: Warum können Männer nicht so gute Vanillekipferl backen wie Frauen? Bei den besten Patissiers habe ich sie probiert, ohne daß sich der Zungenschlag des vollkommenen Genusses eingestellt hätte. Dagegen kenne ich drei Frauen, deren Vanillekipferl köstlich schmecken: Ella von Habsburg-Lothringen, Gerlinde Penker, die Sennerin auf einer Alm in den Kärntner Nockbergen und Monika Knoll, die gotische Schönheit aus der Wachau.

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Schopenhauer, der Philosoph und geistreiche Ironiker, hat das Vergleichen als die Quelle allen Übels benannt. Da ist was dran, das gilt auch für den immer beliebter werdenden Vergleich von Weinen und speziell dann, wenn unterschiedliche, vielleicht noch stark divergierende Rebsorten miteinander verglichen werden. Um nicht mißverstanden zu werden: Vergleiche sind nötig und wichtig, um sich ein Urteil bilden zu können, auch um herauszufinden, was einem wie schmeckt. In diesem Sinne ist das Vergleichen der erste Schritt zur Aufklärung, nur sollte es nicht wie ein Krieg inszeniert werden. Wer ein filigranes Möselchen gegen einen kapitalen Elsässer Riesling trinkt und bewertet, hat vom Wein und zumal von angewandter Trinkkultur nichts begriffen.

Selbst dem Vergleich von kalifornischen Cabernets mit Médoc-Gewächsen haftet etwas Theatralisches an. Zwar haben sich die beiden Weintypen in den letzten Jahren leicht angenähert. Die Kalifornier haben an Schliff, ja gewisser Finesse gewonnen, wohingegen etliche Bordelaiser Châteaux immer furchtloser neue Techniken zur Bereitung von molligeren Kreszenzen nutzen – und die Klimaerwärmung spielt natürlich auch mit. Das Ergebnis sind fettere Weine, man kann das als Weinpopulismus bezeichnen. Aber letztlich läuft solch ein Vergleich nur auf eines hinaus, nämlich die Konfrontation zwischen Körpertrinker und Eleganztrinker.

Um ein Beispiel zu nennen, nehme man von Chuck Wagner den Caymus Special Selection, einen puren Cabernet Sauvignon. Mit welchem Bordeaux will man dieses Weinmonster schon vergleichen, vielleicht gar wertend mit dem Ziel, den Besseren zu küren? Gut, man kann den 1975er Caymus – übrigens der erste Special Selection – etlichen Médocs des gleichen Jahrgangs vorziehen, doch was sagt das schon aus? Und wer den 1999er, dieses Kraftbündel, einem Haut-Brion oder Margaux gegenüber stellt, dem kann allenfalls unterstellt werden, daß er Marilyn Monroe als Typ einer Audrey Hepburn vorzieht…
 

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