Sein & Schein: Tagebuch eines fröhlichen Trinkers, 3.Folge

Große Weine strahlen
Auch kleine Leute haben große Gefühle, aber kleine Weine niemals eine große Aura.

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Unkultur mit Kreditkarte
Das Bild von den Heuschrecken ist 2004 vom damaligen SPD-Chef Franz Müntefering für Manager von Hedgefonds gewählt worden, weil die, gefräßig wie eben diese Gliederfüßler, Unternehmen aufkaufen, zerlegen und profitorientiert weiter verscherbeln.

Die Tiermetapher von den sich unmäßig gebärdenden Insekten gilt auch für jene Spezies von Brokern, die, animiert durch die seit Jahren steil ansteigenden Preise für Kultweine, Gastronomen aufsuchen, in deren Kellern sie kostbare Gewächse vermuten. Alles, was Gewinn verheißt, und das sind praktisch sämtliche populären Nobelweine guter Jahrgänge von den Rothschilds über Cheval Blanc, Le Pin und Pétrus bis insbesondere hin zur burgundischen Domaine de la Romanée-Conti, deren Weine qua Geburt zu Raritäten zählen, wird erworben und direkt weiter ins Ausland verkauft, nach Asien und speziell an Casinos in Las Vegas, Macao & Co.

Die unterschiedlichen Preise im globalen Weinmarkt laden zu solchen Spielen ein; beispielsweise ist ein 2000er-Pétrus in Europa für knappe 3 000 Euro zu haben, wohingegen die Bouteille in Hongkong bis zu 5 000 Euro kosten kann. Und der deutsche oder französische Gastronom, dem die hochpreisige Weinelite wie Blei im Keller liegt, macht ein rasches Geschäft, in der Regel bar und obendrein vorbei an der Steuer. So gesehen profitieren der Broker wie der Wirt gleichermaßen, aber das, was man konservativ unter Weinkultur versteht, wird durch derartige Manipulation frikassiert. Der Wein versinkt zum banalen Objekt der Spekulation oder anders gesagt à la Bertold Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral!

Dazu fällt mir noch ein, was Kaiser Franz Joseph, der mit dem bemerkenswerten Backenbart, geantwortet hat, als ihm die Frau Schratt, seine platonische und wohl auch leibliche Geliebte, den horrenden Preis eines Brillantrings verriet, den sie auf seine Rechnung gekauft hatte: „Auch net teuer…“

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Austern und edelsüßer Wein
Wenn Journalisten über Luxus schreiben, landen sie oft bei Champagner zu Austern. Diese Kombination mag ich gar nicht. Zum einen übersprudelt die Kohlensäure gnadenlos das zartherbe mineralische Aroma, vor allem jedoch schäumt mir diese Liaison im Mund zu stark.

Weltoffene Gourmets, die kulinarische Trampelpfade verlassen möchten, sollten zu Austern auch mal Weine mit feiner Restsüße probieren. Das klingt provokativ, aber es schmeckt! Als Begleiter ist ein Vouvray von der Loire ebenso empfehlenswert wie eine aparte Riesling-Auslese von Mosel oder Rhein. Auch ein Rotgipfler aus Gumpoldskirchen, einer mit subtiler Restsüße, harmoniert. Gleiches gilt für ausgereifte Sauternes, bei denen sich die machtvolle Süße der Jugend bereits in Richtung grazile Distinktion gewandelt hat. Das Salzige der Auster kontrastiert im ersten Moment mit der Edelsüße des Weins, doch das ergibt eine kulinarische Spannung, die sich am Gaumen in faszinierender Harmonie auflöst, wobei nicht langmächtig erklärt werden muß, daß es kein Gewächs von platter Honigsüße sein darf. Dem Mutigen eröffnet diese Partnerschaft jedenfalls ein neues Geschmackserlebnis.

Wie auch immer, mit Austern & Wein läßt sich nachempfinden, was schon Hemingway empfunden und beschrieben hat: „…und als ich die kalte Flüssigkeit aus jeder Muschel trank und sie mit dem frischen Geschmack des Weins hinunterspülte, verlor ich das leere Gefühl und fing an, glücklich zu sein und Pläne zu machen.“

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Wort der Woche

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