Sein & Schein: Tagebuch eines fröhlichen Trinkers, 5. Folge

Reife Weine sind das Glück des Kenners

Täglich werden viele Morde begangen, und zwar an Weinen, die zu jung getrunken werden. Voreilig entkorkt werden nicht nur rote, sondern mehr noch weiße Gewächse. Ob es Rieslinge, Grüne Veltliner der Gütestufe Smaragd, Traminer oder burgundische Chardonnays aus der zweiten Hälfte der 90er-Jahre sind: wer die jetzt mirnichtsdirnichts wegschlabbert, ist als Täter freilich auch sein eigenes Opfer, denn er beraubt sich des Genusses, den ihm diese Weine, ausgereift, bieten würden. Alles Laute und Raue wird sich ins Feine und Geschmeidige gerundet haben, der Duft nuancierter, der Geschmack reicher sein. Das ist wie die Wandlung vom ungeschliffenen Stein zum brillanten Solitär.

Gewiß gibt es Stimmungen, in denen man einen Wein auch blutjung mag. Nach einer Bergtour, einem Tennismatch oder wenn die Sommersonne auf die Terrasse heizt, wirkt die Frische belebend, goutiert man selbst die mitunter harsche Säure eines unaufgeblühten Weins. Und natürlich ist es spannend, den Werdegang eines Gewächses wie den eines Kindes vom Baby über die Pubertät bis zum Beginn des Erwachsenseins zu verfolgen. Und gewiß gleicht
es immer wieder einem Abenteuer, ältere Weine zu trinken. Die bange Frage vor dem ersten Schluck lautet, ob der Methusalem noch schmecken wird und vor allem: wie?! Bei einer Rarität spürt man dann die berühmten Schmetterlinge im Bauch, auch sozusagen normale Kreszenzen aus älterer Zeit lösen einen Kitzel aus.

Aber zu spüren, wann ein Wein auf seinem Höhepunkt ist und ihn dann zu genießen, das ist angewandte Trinkkultur. Man nehme den 1990er Meursault Genevrières von Francois Jobard und erlebt einen Wein, bei dem sich die Kraft ins Geschmeidige zu läutern begonnen hat, subtil flankiert von Tönen nach Blüten, Nuß sowie ein bißchem Gewürzigem. Der Wein ist gerade auf dem Hochplateau seiner Erfüllung angelangt – und trifft dort auf den grandiosen 1976er! Von der Finesse eines ausgereiften Meursault kündet auch der 1979er Genevrières aus dem Hause Leroy: goldgelb, zartes Aromengewebe nach Blüten, Honig, Mandeln nebst einem Hauch von getoastetem Brioche.

Meursault-Kreszenzen bester Herkunft – was für mich auch heißt: nicht zu intensiv in neuem Holz ausgebaut – können mit ihrem ziselierten Bukett sowie dem kräftigen und zugleich eleganten Körper als Inbegriff weißer Burgunder angesehen werden. Sie verfügen über feinere Nuancen als die wuchtigen, massiv erdig-würzig angelegten Montrachets. Montrachet ist das Paradies für Körpertrinker, perfekter Meursault hingegen der Himmel für den Liebhaber des feinen Schliffs. Vorzügliche reife Jahrgänge für weiße Elegants aus Meursault sind 2005, 2004, 1999, 1996, 1995, 1989, 1985, 1983, 1979, 1978, 1976, 1969 und der notorisch unterschätzte 1973er.

Wenn die Haare weg sind, kommt die Frau, die sie hätte streicheln können“, lautet ein brasilianisches Sprichwort, das sich praktisch so deuten läßt: Das Schöne im Leben kommt oft ein bißchen zu spät. Diese bittere Erfahrung machen auch jene Weinfreunde, die erst bei der letzten Flasche merken, daß sie die anderen viel zu früh getrunken haben.

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Wenn zwei Weinpäpste zusammentreffen, ist es am vernünftigsten und für die Umwelt am angenehmsten, wenn sie zueinander bloß „Guten Tag“ sagen.

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Chablis: der Riesling aus Burgund

Erwartung: Das ist, positiv gesehen, die Hoffnung auf künftige Freude und, philosophisch ausgedrückt, ein Antrieb, in die Zukunft einzutreten. Der Schlüssel in solche Welt war eine Flasche folgenden Etiketts: 1983 Chablis 1er Cru Mont de Milieu, Domaine Robert Rousseau. Die Bouteille lag lange Jahr in einem hinteren Winkel des Kellers. Die Neugierde war groß, würde der Wein noch was taugen?

Kurzum: ja! Im Glas funkelte ein helles Goldgelb, die Nase registrierte Quitte und Mandelblüten nebst ein bißchen Honig und einen Hauch von Petrol, das sich allerdings durch die Sauerstoffdusche verflüchtigte. Auch am Gaumen erfreute der Wein durch eine geschmeidige, schlank strukturierte, von einer feinen Säure flankierte Rasse, die, klassisch, von der mineralischen Kühle des Chablis kündete.

Manche Weinautoren werten den Chablis als kleinen Bruder des Côte d’Or-Chardonnay. Das ist ein Mißverständnis und allenfalls dann einigermaßen richtig, wenn der Wein in neuem Holz ausgebaut worden ist und zu viel vom Eichenparfüm mitbekommen hat; dann schmeckt selbst ein Grand Cru-Chablis eher wie ein kleiner Puligny-Montrachet. Die vanilligen und gerösteten Aromen des Holzes übertünchen das natürliche Kapital des Chablis: die mineralische Frische, die er beim traditionellen Ausbau in einem großen Holzfaß oder Stahltank behält und die ihn, bildhaft gesprochen, zu einem Riesling aus Burgund machen. So ein Chablis ist niemals breit, parfümiert, mollig oder gar lieblich, sondern ein naturgeborener Begleiter zu Austern, Sülzen, Muscheln, Fischen, mariniertem Gemüse, Krebsen & Co.

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