Genußatelier: Öffentlicher Tee ist eine matte Sache

Teetrinker sind notorische Überzeugungstäter. Unter ihnen gibt es Schurken sowie Heilige. Sie können großmütig sein, kleinkariert, liebenswert, eklig, bescheiden, hochmütig, Simpel oder Genie, doch eines ist ihnen jenseits aller Temperamente gemeinsam: Sie lieben den, der feine Tees nicht nur zu Hause hat, sondern sie auch anmutig zuzubereiten versteht. Und sie verachten alle jene als Banausen, die nur Beuteltee besitzen oder grotesk parfümierten Grüntee wie etwa einen Morgentau, den sie für den Gipfel raffinierter Teekultur halten. Beim Tee lässt ein rechter Teefex kein Wischiwaschi gelten, da hört die Großmut auf. Basta!

Deshalb ist es verwunderlich, dass in der Gastronomie nicht mehr Morde passieren, ausgeführt im heiligen Zorn an Kellnern, die auf die Frage: „Haben Sie Tee?“ auch schon dienstfertig enteilen, weil ja doch nur eine lächerliche Sorte angeboten wird, und die ist in der Regel von erbärmlicher Qualität. Schuldig wäre der Ermordete, denn mittlerweile sollte jeder Bürochef, jeder Gastronom, ja jeder Gastgeber mitbekommen haben, dass diese eindimensionale Teepolitik heftig wider den guten Geschmack verstößt.

Wie man es besser machen kann, beweist beispielsweise der Dreisternekoch Joachim Wissler im „Vendome“, dem Gourmettempel des Schloss Bensberg mit einer hochwertigen Teekarte. Auch die famosen Brüder Obauer im salzburgischen Werfen oder die berühmte „Post“ in Lech erfreut Liebhaber feiner Tees bereits am Morgen wie zum nachmittäglichen High tea mit exquisiten Sorten. Bitte sehr, Tee ist trendy, ist ritzy, ist Kult. Doch die Mehrzahl der Gastronomen, Cafetiers, Hoteldirektoren und Bürochefs behandeln Tee immer noch stiefmütterlich.

Dabei lässt sich am Tee die Kultur eines Hauses messen. In nichts anderem sind sich Kantinenpächter mit Grandhoteliers so nahe wie im bemitleidenswerten Umgang mit diesem wunderbaren Naturgut. Passionierte Teetrinker können leidvoll und in mehreren Strophen über ihre Erfahrungen klagen, wobei ihnen der altchinesische Kaiser Hui-Tsung in den Sinn kommt, der jeden seiner Minister, der nicht wenigstens 23 Teesorten am Geschmack zu erkennen vermochte, stantepede enthaupten ließ. Das klingt grausam, hat jedoch den Vorzug des kurzen Schmerzes gegenüber der langen Leidenszeit, der Teetrinker in Restaurants und Hotels ausgesetzt sind.

Es wäre also an der Zeit, den nächsten Friedensnobelpreis en bloc den Teetrinkern für deren gewaltlos praktizierte Geduld zu widmen.

Journal bekommen!

Wort der Woche

„Der Wein macht den Maulwurf zum Adler“

Nadar

Dieses ebenso skurille wie poetisch erhöhte Bild hat Charles-Pierre Baudelaire (1821-1867) entworfen, der geniale französische Lyriker, Schriftsteller, Essayist, Dandy, Wagnerianer und Weinkenner, der vor allem mit seiner „Die Blumen...

weiterlesen

Gericht der Woche

Karpfen polnisch à la Fürst Rudolstadt

Bei allem Respekt vor der neuen deutschen...

weiterlesen

Wein der Woche

2008 Château de Pez, Cru Bourgeois, St. Estephe

Dunkelrot und mit einem jugendliche Frische signalisierenden Lilaschimmer fließt der Wein ins Glas, aus dem im Nu ein dicht geflochtenes Bukett...

weiterlesen