Die Seezunge:

geschmackvolle Renaissance des Paradefisches von Auguste Escoffier

Man weiß nicht, was sich so eine Seezunge denkt, kriegte sie mit, dass sie der Koch à la Dubarry zubereiten will. Unter der rötlich, braun, grünlich und grau changierenden Haut des rechtsäugigen, oval und flach geformten Plattfisches steckt vielleicht ein sensibles Wesen, das die Vorstellung unerträglich fände, erst gekocht, dann mit Käsesauce übergossen, mit Trüffelscheiben sowie Fischmilch belegt, im Rohr gratiniert und schließlich nebst einer Kraftsauce mit Hummerbutter aufgetischt zu werden - anstatt puristisch in Butter gebraten und mit etwas Petersilie nebst frischen Kartöffelchen ihr Leben wenigstens idealkulinarisch vollendet zu wissen. Die Ludwig XV. gewidmete Version entspricht ebenfalls dem Stil der alten Küche: Die Seezunge wird gekocht, mit Krevettensauce übergossen, bestreut mit gehackten Trüffeln und in der Röhre überbacken.

In der Gründerzeit, als Georges Auguste Escoffier (1846-1935) im „Ritz“ regierte, sind Seezungen für eine anspruchsvolle und auch versnobte Klientel eben hundertfach nach allen Finessen künstlerischer und künstlicher Manie zubereitet und gerne nach berühmten Zeitgenossen benannt worden à la Nelson, Bismarck (getrüffelt, auf Artischockenböden gelegt, übergossen mit holländischer Sauce, belegt mit Austern, bestreut mit Parmesan, mit Butter im Rohr überbacken und mit Krevettenragout sowie Muscheln und Tafelpilzen garniert), Carême, Daumier, Georges Sand, Hotel Adlon, Kleopatra, Pompadour, Rossini, Sappho, Windsor etc. Allen diesen Klassikern gemeinsam ist eine mehr oder weniger aufwändige Zubereitung, es wimmelt von Kombinationen mit Austern, Hummersaucen, Krebsen, Pilzen, Fischmilch, Muscheln, Spargel, Tomaten, Trüffel, Artischocken, Sardellen und so fort.

Seezunge gross

Die Lust an der Überfremdung hat kreative Köche seit altersher gereizt und wirkt bis in die Jetztzeit hinein. Man denke an die Molekularküche, die, auch wenn sie von konservativen Geistern als Gastro-Gedöns verspottet wird, doch revolutionäre wie gleichermaßen für Auge und Zunge überraschende Geschmackszüge hatte und in Teilen ja immer noch praktiziert wird. Im Gegensatz zu den Molekularköchen hatten deren gastronomische Ahnen mit Chemie zwar nichts im Sinn, doch trieb sie der gleiche Drang an Neuem zu kühnen Kompositionen wie beispielsweise die Vereinigung von Ente und auch Ochsenzunge mit Austern, Kalbsbries mit Krebssauce oder Rebhuhn mit Muscheln und eine Sardellensauce zur Kalbskeule. Marie Antoine Carême war als Starkoch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer jener Helden der Gourmandise, der sich mit seinen von ihm selbst so betitelten Extraordinaires und kostspieligen Diners für Talleyrand, Napoleon, den englischen König, Zar Alexander I und Kaiser Franz I von Österreich ewigen Ruhm erkocht hatte.

Seezunge Colbert und à la viennoise

Aufgeschnitten, die Gräte am Kopf und am Schwanz abgeknickt, in Mehl, Ei und Brot gerollt, gebacken; die Gräte ausgelöst; mit Kräuterbutter gefüllt. Die an Wiener Schnitzel erinnernde Zubereitung gilt auch für die Seezunge à la viennoise, also nach Wiener Art: Schnitten gebeizt in Öl, Zwiebeln, Petersilie und Gewürzen, gemehlt, in Ei und Brot gerollt, gebacken; gebackene Petersilie und Zitronenviertel.
Beide Rezepturen entstammen dem Kochlexikon "Hering".

SeezungeNun war das, was der architektonisch talentierte Carême (1784-1833) auf Platten sowie Tellern mehr inszeniert als gekocht hatte, eine überaus kompliziert angelegte Küche mit pompösen Garnituren, schweren Saucen und einem Gemenge an Zutaten, aber der Mann galt bereits als Erneuerer, jedenfalls gemessen an den Speisen, wie sie noch um das 18. Jahrhundert gang und gäbe waren, als Paul Jakob Marperger folgendes Fischrezept veröffentlich hatte: „Mache den Fisch auf, thue das Eingeweyde heraus, nimm hernach den Rogen, Petersilien, Wacholder-Beer, Kümmel, Pfeffer, Ingwer, hacke alles unter einander, schlage auch zwei Eier daran, fülle es in den Fisch, brate ihn auf dem Rost und begieße ihn offt mit heißem Schmaltz." Das war 1716 und kennzeichnete noch die Küche des Mittelalters mit ihrer uns heute grotesk erscheinenden Neigung zum Überwürzen - eine Manier, die neben dem Protzen mit teuren Spezereien freilich auch, und dies gewiß nicht zweitrangig, dem Zweck diente, mangelnde Frische von Fischen mit Aromen und Tunken gleichenden Soßen gnädig zu überdecken.

Zwischen der alten und der Carêm'schen Küche lagen bereits Welten, und so konnte Lady Morgan, eine der „grandes dames“ jener Zeit, stilvoll und gebildet, nach einem Diner auf dem Landgut der Rothschilds über die Kunst von Carême schwärmen: „Keine scharfen Gewürze mehr, keine schweren Saucen, aber leichte Düfte und vollendeter Einklang in allem. Die Gemüse hatten ihre natürliche Farbe behalten, die Mayonnaise war eine Lust für das Auge, die Zunge und den Gaumen, das Speiseeis war süß und frisch. Ich bin davon überzeugt, dass ein Koch weniger Begabung braucht, um die bis zur Langeweile angesehenen Kunstwerke anzufertigen als eine verfeinerte Mahlzeit zu bereiten, wie man sie uns bei den Rothschilds servierte. Nur ein hervorragender Geist schafft das wirklich Gute. Wohlwollen, Verfeinerung und gesellschaftliche Vollkommenheit trifft man in Häusern, wo in der Küche ein hochstehender Koch das Zepter führt.“

Solches Lob kann auch auf Escoffier gemünzt werden. Der gebürtige Südfranzose war wohl der erste namhafte Reformer der überkandidelten Küche des 19. Jahrhunderts, aber selbst er, der Begründer einer "Nouvelle Grande Cuisine" und Beschwörer einer klarer strukturierten Küche, war noch stark im traditionellen Geist verhaftet. Aber bitte, die Sole Coquelin zeugte, wie in seinem 1914 auf Deutsch verlegten "Kochkunstführer" beschrieben, bereits von modernem Denken: "Die Seezunge mit halb Weißwein und halb Fischfond pochieren, anrichten, mit runden Scheiben von frischgekochten Kartoffeln umgeben, den Fond mit Butter aufschlagen, die Seezunge damit überziehen und schnell glacieren." Wie hoch Escoffier die Seezunge einschätzte, belegen die der Sole gewidmeten 190 Rezepte - im Vergleich dazu bescheidet sich der Meister beim Steinbutt mit 26 Arten der Zubereitung.

Seezunge in Halbtrauer, à la demi-deuil

Mit Weißwein gargemacht, mit Weißweinsauce übergossen, schräg mit einer Reihe recht schwarzer Trüffelscheiben belegt. Die Rezeptur entstammt dem Küchenlexikon "Hering".

In der Rangfolge der Edelfische lag die Seezunge also klar vorne. Im "Hering", dem erstmals 1907 veröffentlichten Küchenlexikon, wird der Seezunge mit rund 420 Rezepten von Admirals-Art (Gekocht mit Weißwein, Fischsud und Tafelpilzessig, übergossen mit Weißweinsauce mit Krebsbutter; umlegt mit Krebsschweifen, Trüffeln, Muscheln und gehackten Austern) über Monte Carlo (Gebraten mit Butter, Kapern und Sardellenessenz), Othello (In Butter gebraten mit gehackten Trüffeln, Tafelpilzen und Trüffelessenz) und Traviata (In Butter gebraten; umlegt mit ausgehöhlten, gebratenen Tomaten, gefüllt mit Krebsragout) bis hin zu Zaren-Art (Gefaltete, gekochte Schnitten; übergossen mit Rahmsauce mit geriebenem Meerrettich; auf Röstbrotscheiben, bestrichen mit Kaviar) gehuldigt wie keinem anderen Fisch. Zu recht, denn geschmacklich nimmt es die von französischen Gourmets als Perdrix de mer (Rebhuhn des Meeres) gerühmte Seezunge mit jedem anderen Fisch auf, den Steinbutt inklusive.

Leider gibt es Schelme - oder Köche, die es nicht besser wissen - , die ihren Gästen anstelle der feinen Seezunge die etwas weichere und geschmacksärmere Rotzunge, auch Tropenzunge genannt, unterjubeln. Die schwimmt im Mittelmeer und vor afrikanischen Küsten. Trotz gewisser äußerlicher Ähnlichkeit ist die echte und teurere Seezunge doch mit freiem Auge auszumachen: Der Kopf der Rotzunge läuft spitz zu, ihr Maul ist auffallend klein, wohingegen die Seezunge einen abgerundeten Kopf hat mit dem charakteristischen papageienartigen Maul - und einem schwarzen muttermalähnlichem Fleck unter der Brustflosse. Bei Tests in Restaurants ist offenbar geworden, daß auch Filets vom Pangasius (Kilopreis um die 12 Euro) sowie von der senegalesischen Hundszunge als Seezunge (Kilopreis um die 40 Euro) verkauft worden sind. Im Idealfall offeriert der Fischhändler beziehungsweise der Koch eine Seezunge, die wild mit der Angel gefangen worden ist - und nicht im Netz, wo neben ökologischen Bedenken das Risiko groß ist, daß der Fisch gequetscht und verletzt worden ist.

Seezunge Infantenart à l'infante und Kaiserin-Art à l'impératrice

Infantenart: Gekocht, übergossen mit Käsesauce, vermischt mit Tafelpilzmus; in der Röhre überbacken.
Kaiserin-Art: Gefüllte, gekochte Schnitten auf Röstbrotscheiben; übergossen mit Weißweinsauce mit Trüffelstreifen; umlegt mit gekochten Austern .
Beide Rezepturen entstammen dem Küchenlexikon "Hering".

Seezunge Grill_Ibai Elfie Casty, die schweizerische Köchin, hat gewiß eine echte und frische Seezunge für ihr verheißungsvoll klingendes Rezept in den Ofen geschoben: Eine Gratinform großzügig mit Butter bestreichen, darin je 1 El sehr fein geschnittene Schalotten, klein gewürfelte, geschälte und entkernte Tomaten sowie Champignonwürfelchen ausstreuen, mit gezupften Thymianblättchen und etwas geriebener Zitronenschale aromatisieren, mit Salz und frisch gemahlenem weißen Pfeffer würzen, alles auf dem Herd kurz anziehen lassen. Nun die 600 Gramm schwere Zunge (ohne Kopf, Schwanz und Haut) leicht salzen, auf das würzige Beet legen, mit je 2 El Weißwein und Fischfond umgießen, mit Butterflocken belegen, in das 175 Grad heiße Rohr schieben, gelegentlich überträufeln und so lange garen, bis sich das Fleisch an den Gräten noch ganz leicht rosa zeigt. Vor dem Ablösen der Filets den Fisch noch cirka fünf Minuten zugedeckt mit einer Alufolie auf der offenen Backofentür ruhen lassen.

Frische Seezungen fühlen sich glitschig an

In der Fischküche ist ein feines Fingerspitzengefühl vonnöten, wobei die Frische des Produkts als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Ein Fisch muss aussehen, als käme er direkt aus dem Wasser. Die Augen sollen klar sein, nicht gebrochen wirken, eingefallen, matt oder trüb. Die Haut muss glänzen, fest am Körper haften und sich schleimig anfühlen, fährt man sachte mit der Hand darüber; je älter eine Seezunge ist, desto trockener fühlt sie sich an. Rosafarben bis leicht dunkelrot wünscht sich der Kenner die Kiemen, keinesfalls blass, gar gräulich. Die Flossen sollen gut erhalten sein, weder beschädigt noch verklebt wirken. Das Fleisch, speziell das am Bauch, muss fest sein und darf; drückt man mit dem Daumen auf die Haut, keinerlei Druckstelle hinterlassen. Guter Fisch riecht, ja duftet angenehm nach Jod, Algen und einer Meeresbrise. Frische Fische wirken, bündig gesagt, so, als würden sie sofort wieder schwimmen, würfe man sie ins Wasser. Ein Problem ist die zunehmende (Un)Sitte, Fische bereits filetiert und obendrein vakuumverpackt anzubieten. Das verhindert den Frischetest, zudem schmeckt verpackter Fisch längst nicht so gut wie ganzer, der mitsamt der Karkasse gegart wird, also mit Kopf und Gräten.

Mediterrane Finesse weisen die Seezungenfilets à la Sauce de Provence auf, die Alexandre Dumas - ja, der Autor von den Musketieren und dem Grafen von Monte Christo - in seinem überaus gescheit verfaßten "Wörterbuch der Kochkunst" beschrieben hat: "Die Filets von zwei Seezungen entnehmen und jedes halbieren. Würzen, in Mehl wenden, in heißem Öl braten, danach abtropfen lassen und auf dem Servierteller mit Petersilie umgeben. Für die Sauce nehmen verrühren Sie die Fischgräten mit Kräutern in Weißwein zu einer Essenz, die Sie entfetten, durch ein feines Sieb passieren und schließlich zur Demi-Glace reduzieren. Nun fügen Sie einen Eßlöffel Tomatenpüree hinzu, zusätzlich einen Löffel Tomatensauce. Die Flüssigkeit einige Minuten einkochen lassen, den Topf auf den Herdrand ziehen und der Sauce 50 gr Butter in kleinen Stückchen beimengen. Die Butter sollte erst nach und nach in die Sauce gleiten, wobei Sie ununterbrochen umrühren. Wenn die Sauce gut gebunden ist, gießen Sie etwas Zitronensaft dazu und würzen mit einer Messerspitze Cayenne-Pfeffer."

Alfred Walterspiel, der große deutsche Koch und Gastronom, würdigt die Seezunge in "Meine Kunst in Küche und Restaurant" überschwänglich: "Die Seezunge gedeiht am besten an den vom Golfstrom umspülten Küsten der Normandie, Belgiens und Südenglands. Nicht nur wegen ihres überragenden Wohlgeschmacks ist sie der beliebteste aller Seefische, sondern auch, weil sie ohne Gräten ist und so ohne Mühe mit Eleganz genossen werden kann." Und er fügt an, nur wenige Kollegen zu kennen, die fähig seien, "eine perfekte Seezunge au vin blanc herzustellen". Einen solchen Spezialisten könne man mit der Laterne suchen. Der von Walterspiel gerühmte Wohlgeschmack kommt nicht von ungefähr, die Seezunge ist eine Feinschmeckerin, die sich bevorzugt von kleinen Krebstierchen, Muscheln, Schnecken und Sandaalen ernährt.

Für das Gelingen einer Sole au vin blanc sind laut Walterspiel "die Qualität und die Kraft des vorbereiteten Fischfonds von ausschlaggebender Bedeutung". Seine Version sieht so aus: "Ich bestreiche eine Kasserolle mit halbweicher Butter. Dann gebe ich wenig gehackte Schalotten und ein kleines Stückchen Lorbeerblatt sowie trockenen Weißwein und die gleiche Menge Fischfond und frische Champignonbrühe bei, lasse alles zusammen aufkochen und lege dann die vorher gesalzenen und gewürzten Seezungenfilets der ganzen Länge nach, mit der Haut nach oben, ein. Ich bedecke sie mit Butterpapier und verschließe die Kasserolle mit dem passenden Deckel. Die Seezunge muß ganz langsam, ohne zu kochen, weich dünsten. Beim Anrichten lege ich die Filets auf die Hautseite, stelle sie zugedeckt einige Minuten beiseite, legiere mit Beurre manié, wenig dickem Rahm und füge Hollandaise und etwas Zitronensaft dazu. In einigen Häusern wird diese Seezunge nach dem Saucieren mit Kalbsglace beträufelt, was sicher nicht schlecht, aber immerhin Geschmackssache ist."

Seezunge Nelson, Komtesse Marie und Kardinals-Art

Nelson: Schnitten in Weißwein gekocht; übergossen mit Käsesauce; mit glühender Eisenschaufel gebräunt; umlegt mit gekochter Karpfenmilch und Kartoffelklößchen.
Komtesse Marie: In Champagner und Champignonsud gargemacht, Sud eingekocht mit Sahne und holländischer Sauce vermischt, dazu kleine, in Champagner gekochte Trüffeln, grüne Spargelspitzen, Blätterteigpastetchen mit Champignonmus und Seeigelpüree; auf Rechaud heißgehalten mit etwas Champagner, bei Tisch vom Kellner auf jeden Teller zwei ausgelöste Schnitten legen, darauf ein Löffel Seeigelpüree, übergossen mit der Sauce, daneben je eine Trüffel, ein Pastetchen und ein Löffel gebutterte grüne Spargelspitze.
Kardinals-Art: Gefaltete, mit Fischfarce mit Krebsbutter gefüllte Schnitten, kranzartig, mit Hummerscheiben dazwischen angerichtet, mit Kardinalssauce übergossen, bestreut mit Hummereiern. (Die Kardinalssauce, Sauce cardinal, ist eine Béchamel, die mit Fisch- und Trüffelfond gut durchgekocht und mit Sahne angereichert wird. Zuletzt ein Stückchen Hummerbutter hinein rühren und mit etwas Cayenne-Pfeffer abschmecken.)
Alle drei Rezepturen entstammen dem Küchenlexikon "Hering".

Unter dem Regime der Nouvelle Cuisine, die, beginnend in den frühen 1970ern, den Deutschen trotz aller stilistischer Verirrungen und Surrealitäten das erste Küchenwunder bescherte, war die Solea solea, wie der Lateiner diesen Fisch nennt, gegenüber Steinbutt (Turbot), Wolfsbarsch (Loup de mer), Seeteufel (Lotte), Petersfisch (St. Pierre) und Rotbarbe (Rouget barbet) vernachlässigt worden. Sie galt als unmodern, als Paradeprodukt der verhaßten Grande Cuisine mit deren unbändiger Freude am Überfrachten des Grundproduktes. Aber wie das so ist mit den wirklich guten Sachen: Die überleben alle Moden, und so kommt's, daß der Seezunge inzwischen auch von den Sterne-Chefs wieder verstärkt die ihr gebührende Referenz erwiesen wird.

Einer der ganz großen Köche, der mit drei Michelin-Sternen geadelte Helmut Thieltges vom "Waldhotel Sonnora" in Dreis nahe Wittlich, hatte die Seezunge immer auf der Karte. Er brät sie beispielsweise im Ganzen, flankiert von einem butterreichen Kartoffelpüree und Artischocken. Auch in der "Auberge de l'Ill", dem seit Jahrzehnten mit drei Sternen bewerteten Restaurant der Haeberlins im elsässischen Illhäusern, war die Seezunge nie verleugnet worden. Bei einer der beliebten Präsentationen meint man beim ersten Hinschauen, es handle sich um eine einfache Lösung: Filets, umspielt von einer Nage mit Zwiebelchen, Tomaten, Kräutern und Pinienkernen. Doch tatsächlich sind die übereinander gelegten Filets mit einer köstlichen Fischfarce gefüllt und gewürzt mit einigen Körnern des ausdrucksvollen schwarzen Hawai-Salzes, und dazu gibt es Canneloni aus dem italienischen Frischkäse Burrata plus ein mit Basilikum aromatisiertes Gemüseragout.

Raffinesse weist das Rezept von Michel Guérard auf ("Les Prés d'Eugenie" im französischen Südwesten). Er grillt die Seezunge, bettet sie auf blanchierte Salatblätter und umkränzt sie mit kurz pochierten Austern. Köstlich schmeckt die Seezunge Nizzaer Art: Sie wird mit Öl am Rost gebraten, mit Zitronenscheiben und Sardellenfilets belegt, mit Kapern bestreut und mit geschmolzenen Tomaten sowie einer Paste aus schwarzen Oliven, ein wenig Knoblauch und gehacktem Estragon beträufelt - man schließt die Augen und hat bei jedem Bissen das Gefühl, in der Provence zu sein. Im Restaurante "Ibai" im spanischen San Sebastian wird die auf Holzkohle gegrillte Seezunge am Tisch tranchiert und mit heißer Butter übergossen. Pierre Wynants wiederum bietet sie in seinem "Comme chez soi" in Brüssel klassisch mit einer feinen Riesling-Mousseline an.

Seezunge à la piemontaise, à la Rabelais, à la Rossini, à la Walewska

Piemontaise: Schnitten gemehlt, gebraten; auf Törtchen aus gebackener Polenta; übergossen mit brauner Butter, belegt mit weißen Piemonter Trüffelscheiben.
Rabelais: Gekocht, übergossen mit Sardellensauce; bestreut mit Hummereiern.
Rossini: Schnitten gefüllt mit Gänseleberfüllsel gekocht; übergossen mit Weißweinsauce mit gehackten Trüffeln; Blätterteigpastetchen, gefüllt mit getrüffeltem Gänseleberragout.
Walewska: Gekocht, belegt mit der Länge nach geteilten Langustinen und Trüffelscheiben; mit Käsesauce übergossen, in der Röhre überbacken.
Alle vier Rezepturen entstammen dem Küchenlexikon "Hering".

Geradezu barocke Opulenz weisen die in "Erno's Bistro" in Frankfurt zubereiteten Seezungenfilets auf, die mit einem Tatar aus Gillardeau-Austern nebst einer großmütig bemessenen Portion Ossietra-Kaviar serviert werden, umschmeichelt von einer kernig eingeköchelten Reduktion aus den Fischkarkassen. Bereits 1979 hatte Gerhard Gartner in seinem schönen "Gala" in Aachen für Aufsehen gesorgt mit einer Seezungenroulade, hübsch gebettet auf einer Creme aus Seeigel. Henry Levy, der in den Siebzigern engagiert, doch ziemlich erfolglos versucht hatte, den Berlinern in seinem "Maitre" in der Meinekestraße die gehobene französische Küche nahe zu bringen und 1982 desillusioniert aufgab und an die Côte d'Azur retirierte, begeisterte mit einer leicht gebratenen Seezunge, auf der er dünne Scheiben von Gänseleber dahinschmelzen ließ.

Gewiss gibt es immer noch Köche, die der Seezunge nicht gerecht werden, indem sie den Fisch in kleine Filets schneiden, in Strudelhaut einpacken, gar soufflieren oder sonstwie aufmascherln und mit Erfinderstolz die aberwitzigsten Kreationen präsentieren. Aber ein guter Koch wird keine Seezunge mit allzu gewagten Kombinationen oder Beilagen von betont starkem Eigengeschmack derart verfremden, daß das delikate, wunderbar nussige Aroma des Fisches in den Hintergrund gedrängt wird. Zunehmend setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Sole am besten schmeckt, wenn sie im Ganzen pochiert, gebraten, gedünstet oder gegrillt wird. Auf eine Sauce kann leichthin verzichtet werden; geschmolzene Butter reicht, um die Geschmacksnerven freudig vibrieren zu lassen.

Das tun die freilich auch bei der Sole Véronique, die Eckart Witzigmann im "Jockey Club" in Washington zubereitet hatte, kurz bevor er nach München wechselte, erst ins "Tantris", danach in die eigene "Aubergine", wo er die ersten drei Michelin-Sterne nach Deutschland holte. Witzigmann pochiert die Seezunge und reichert die mit einer Vermouth-Crème-Sauce an, leicht abgeflämmt. Dazu serviert er säuerliche, abgezogene und entkernte Weintrauben. Für ihn ergibt das eine ideale Harmonie zwischen Süße und Säure: "Ich war so begeistert, daß ich daraufhin meine Tochter spontan Véronique nannte statt Daniela, wie wir es eigentlich vorhatten."

Seezunge Escoffier
 Das Rezept stammt aus dem 1914 aufgelegten Kochkunstführer von Auguste Escoffier - es zeigt auch die besondere Rolle des Maitre beim Servieren gewisser Speisen wie eben der Seezunge Alice

Journal bekommen!

Wort der Woche

„Der Wein macht den Maulwurf zum Adler“

Nadar

Dieses ebenso skurille wie poetisch erhöhte Bild hat Charles-Pierre Baudelaire (1821-1867) entworfen, der geniale französische Lyriker, Schriftsteller, Essayist, Dandy, Wagnerianer und Weinkenner, der vor allem mit seiner „Die Blumen...

weiterlesen

Gericht der Woche

Steinpilze - naturell gebraten mit Salbei

Pilze begleiten die Menschen seit Urzeiten, doch scheiden...

weiterlesen

Wein der Woche

2008 Château de Pez, Cru Bourgeois, St. Estephe

Dunkelrot und mit einem jugendliche Frische signalisierenden Lilaschimmer fließt der Wein ins Glas, aus dem im Nu ein dicht geflochtenes Bukett...

weiterlesen