Das Genußatelier: Der Mensch ist, wie er ißt

Zeige mir, wie du kochst, und ich sage dir, welchen Klingelton du auf dem Handy eingestellt hast. Was und wie der Mensch kocht, ob er überhaupt kocht, wie er die Produkte auswählt und behandelt, vermag viel über sein Wesen auszusagen. Es heißt: Der „Mensch ist, was er ißt.“ Das ist materialistisch gedacht und obendrein zu simpel gestrickt. Zwar ließe sich die Lust der englischen Königin auf weiße Bohnen mit Toast dahingehend deuten, dass sie letztlich eine Frau von einfachem Geschmack, ja vielleicht Gemüt ist.

Aha-Effekte lösen auch jene Sozialdemokraten (Stichwort: Toskana-Fraktion) aus, die lieber Champagner als Bier trinken und genießen, was der Kapitalismus an Ergötzlichem bietet – beispielsweise die vom Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder geschätzten 20-Euro-Zigarren der kubanischen Marke „Cohiba“ oder Rotwein namens Haut-Brion für tausend Euro die Bouteille. Aber Vorsicht, schon Schopenhauer hat davor gewarnt, vom Leben eines Philosophen auf sein Denken zu schließen – Karl Marx schätzte das Leben eines Großbürgers.

Interessanter ist diese These: Der Mensch ist, wie er ißt! Dahinter steckt soziologischer Nährwert, wie jeder unschwer bei Essen in Gesellschaft feststellen kann. Da gibt es den Lust-Esser: schon der Anblick einer dampfenden Suppenschüssel stimmt ihn fröhlich. Er ist ein angenehmer Gast, der niemals beim Brathuhn über Schlankheitskurren spricht. Der Mantscher: knetet auf dem Teller alles zu Mus. Eher biederer Charakter, doch harmlos und verspielt wie ein Kind.

Der Vielfraß: ein Büffet erweckt ihn ihm die leidenschaftlichen Triebe eines Großwildjägers. Er putzt jeden Teller auf. Der Nachwürzer: greift schon vor dem ersten Bissen zu Salz und Pfeffer. Köche hassen ihn. Der Nörgel-Esser: ihm ist nichts recht. Die Suppe ist zu kalt, der Wein zu warm, das Huhn zu alt, das Dessert zu süß. Zu bedauern, er mag sich selber nicht. Der Mode-Esser: ißt nicht, was ihm schmeckt, sondern was gerade ritzy ist. Hechelt atemlos Trends hinterher. Der vegetarische Körner-Apostel: geht mit gequollenen Haferflocken ins Restaurant. Anstelle eines Bratens ißt er geraspelte Möhren, statt Wein trinkt er Kräutertee.

Mit diesem Typus von Anti-Genießer kann man erst dann über die Wonnen von leckerer Küche und feinem Wein diskutieren, nachdem er eine Wurstfabrik geerbt hat.

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