Interview mit Hardy Rodenstock über Weinfalsifikate

Hardy Rodenstock, Sammler und Raritätenhändler, ist ein weltweit anerkannter Experte für alte Weine. August F. Winkler sprach mit ihm über Falsifikate, wie man die erkennt und wie man sich am besten dagegen schützt.

Was haben Sie gedacht, als Sie von der Verhaftung von Rudy Kurniawan durch Beamte des FBI erfuhren, dem Mann, der in den letzten Jahren für angeblich 50 Millionen US-Dollar Kultweine gefälscht haben soll?

H.R.: Wie geht das, habe ich mich gefragt.

Waren die Käufer so naiv bzw. unerfahren oder die Weine so gut getürkt? Immerhin gibt es unter den Angeschmierten auch Auktionshäuser.

H.R.: Wohl unerfahren und naiv. Diese Menge kann man eigentlich schon rein äußerlich nicht so türken, daß ein erfahrenes Auktionshaus das nicht merkt.

Sind Ihnen solche Kuckucksweine schon untergekommen?

rodenstockH.R. Ja, Fälschungen gibt es und ich habe solche gebastelten Weine schon zurück gegeben. In den letzten Jahren sind mir keine Fälschungen mehr angeboten worden. Freilich habe ich bei Sotheby's mal eine Magnum 1911 Ch. Figeac ersteigert, und da war unten im Glas 150 cl zu lesen. Das gab es 1911-1913 noch nicht am Boden einer Magnum. Das habe ich Sotheby's mitgeteilt, doch die Antwort war lapidar, die Flasche stamme aus bester Provenienz und sei sicher echt.

Aber ich meine, dass das Thema Weinfälschungen im Boulevard des Weines etwas aufgebauscht wird, nicht zuletzt von notorischen Miesepetern, die schon aus Neid gegen alles sind, was sie sich nicht leisten können oder wollen

Es gab den Vorwurf des US-Weinsammlers William I. Koch, der 1987 aus der berühmten Thomas Jefferson-Sammlung 1787 Lafitte und 1784 Branne Mouton gekauft hat – insgesamt vier Bouteillen. Er meinte plötzlich, die Th..J.-Gravuren auf den Flaschen seien getürkt und unterstellt, die Flaschen stammten aus Ihrem Keller. Sie hatten ja 1985 die in einem Pariser Depot entdeckten Flaschen aus dem späten 18.Jahrhundert erworben. Was sagen Sie dazu?

H.R.: Ein Kasperletheater. Bei mir hat Herr Koch nie eine Flasche gekauft. Zudem muß schlüssig bewiesen werden, dass diese vier Flaschen tatsächlich aus dem Pariser Fund stammen. In den letzten 19 Jahren kann mit den Flaschen viel passiert sein. Nur ein Beispiel: Bei ebay sind drei Flaschen „1787 Lafitte Th.J." anonym versteigert worden, die nicht aus meinem Fundus, sondern angeblich aus einem Schweizer Keller stammen. Daraus folgert, dass durchaus Flaschen ohne exakte Herkunftsquelle kursieren.

Was lässt Sie so sicher sein, dass die von Ihnen gekaufte Th.J.-Kollektion echt ist?

H.R.: Vieles. Bei Chriestie's, wo am 5. Dezember 1985 eine 1787 Lafitte für 420 000 Mark versteigert wurde – bis heute Weltrekord - , ist die Flasche gründlich untersucht worden. Die Th.J.-Gravur haben Experten als authentisch für die Zeit um 1800 (Etiketten und Kapseln gab es damals noch nicht) bestätigt. Danach habe ich eine weitere Flasche bei der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich sowie parallel an der Oxford-Universität untersuchen lassen. Das Ergebnis, auch aufgrund der Radiokarbon-Untersuchung, ist glasklar: Die Flasche entspricht einer aus dem 18.Jahrhundert, das Alter des Korkens ist mit dem des Weins identisch, der wiederum keine Spuren jener erhöhten Radioaktivität enthielt, wie sie erst im 20.Jahrhundert nach dem Abwurf der Atombomben auf Japan freigesetzt worden ist. Und aktuell: Kürzlich hat der offizielle Glas-Experte von Chriestie's eine 1986 versteigerte 1784 Yquem auf Wunsch des Käufers untersucht und klar attestiert, dass Glas und Gravur französisch und echt sind als aus dem späten 18.Jahrhundert stammend.

Die Jefferson-Flaschen haben eher kulturhistorischen Wert, sind ein Nischenprodukt für vermögende Sammler. Praxisnäher und quasi für jeden Liebhaber eine Falle sind Fälschungen von Weinen, die zum Raritätenprogramm jedes Händlers zählen. Woran erkennt man eine Fälschung?

H.R.: Form und Art der Flasche, das Etikett, die Kapsel signalisieren dem Kenner bereits äußerlich, ob ihn Originalität erwartet. Der Korken ist ein weiterer Indikator. Schließlich sind Farbe, Duft und Geschmack letztlich entscheidende Merkmale für die Authentizität.

Um das präzise beurteilen zu können, muß man solche Raritäten bereits getrunken und ein gutes Geschmacksgedächtnis haben?

H.R.: So ist es.

Woher beziehen Sie ihre Raritäten?

H.R.: Aus Privatkellern, heute insbesondere aus Großbritannien, Belgien und der Schweiz. Mir werden immer wieder Weine angeboten. Wenn die mich überzeugen, kaufe ich, sonst lasse ich selbstverständlich die Finger davon. Auch bei Auktionen, vor allem Chriestie's, steigere ich mit.

Wie kann sich der Käufer am besten vor Falsifikaten schützen?

H.R.: Indem er beim seriösen Fachhandel kauft oder über Auktionshäuser wie Chriestie's. Und wer wenig Erfahrung hat; sollte sich Rat von Experten einholen.

Welche Manipulationen sind überhaupt machbar?

H.R.: Raritäten wie etwa eine Magnum 1947 Petrus oder 1945 Mouton sind nicht fälschbar, ganz zu schweigen von Methusalems aus dem 19. Jahrhundert. Das alte Glas unterscheidet sich von neuem, die originale Kapsel ist künstlich nicht nachzumachen, ebenso wenig der schon leicht porös gewordene Korken oder der „Ur-Dreck", der sich im Lauf der Jahrzehnte zwischen Korken und Kapsel bildet. Ob ein Etikett alt ist oder auf alt getrimmt, ist für den Kenner mit bloßem Auge erkennbar.

Gilt das auch für junge Hochgewächse wie etwa 1982 Le Pin, 2000 Petrus oder die jetzt schon sündteuren Spitzen vom Jahrgang 2005, die Fälscher zum Nachmachen reizen?

H.R.: Bei jungen Weinen sind Manipulationen nicht so einfach zu erkennen, weil Kapsel, Etikett und Glas in der Regel wie nagelneu aussehen. Wenn jemand einen mittelpreisigen 1984 Pétrus kauft und darauf ein gefälschtes 1982er-Etikett pappt, den „Wert" also dadurch vervielfacht, wird sich dieser kriminelle Akt erst beim Entkorken und vollends beim Trinken erschließen, also zu spät. Die Frage ist dann, ob sich der Weg derartiger Kuckucksweine zurück bis zum Fälscher verfolgen lässt. Ein 2009er Pétrus kostet heute cirka 2 500 Euro – rein äußerlich wird kaum zu erkennen sein, ob authentisch oder gefälscht. Aus einem 1980er Le Pin haben Fälscher schon einen 1982er gemacht. Kapsel abdrehen, Korken mit dem amerikanischen Korkenzieher rausziehen, aus der 0 eine 2 machen, Korken wieder hinein drücken, Kapsel drauf – und die Verdienstspanne ist groß.

 

Und wie sieht es mit neu verkorkten Weinen und der Gefahr des Missbrauchs aus?

H.R.:Ist der Wein auf dem Château für gut – im Sinne von: dem Alter entsprechend – befunden und neu verkorkt worden, indem man eine kleine Menge des gleichen oder eines vergleichbaren Weins hinzu gegeben hat, so wird dies als Korkbrand vermerkt und ist in Ordnung. Da ist Missbrauch ausgeschlossen. Ist der Wein kaputt, sollte man ihn nicht mehr neu verkorken. Zu warnen ist vor Weinen mit frischer Kapsel und neuem Korken ohne Hinweis auf Ort und Art des Neuverkorkens. Da kann Bastelei im Spiel sein von zugesetzten Aromen bis hin zur kompletten Füllung mit irgendeinem Jungwein.

Trübt Ihnen das Risiko von gefälschten Weinen die Genußfreude?

H.R.:Nein, überhaupt nicht.. Erstens sind gefälschte Raritäten selten und zweitens kann man sich gut dagegen schützen. Die Weinkultur wird dadurch nicht ernstlich tangiert, das Trinken großer alter Weine gehört noch immer zu den schönsten Erlebnissen. Allerdings gibt es ein Problem, über das so gut wie nie geschrieben wird.

Welches?

H.R.: Der Diebstahl. Mir hatte man drei Viertel meiner en primeur gekauften Weine vom Jahrgang 2008 gestohlen, und meine 2009er waren fünf Wochen unterwegs, bevor sie – Gott sei Dank! – dann doch ankamen. Ein Freund hatte bei einer Kiste 2008er Pétrus entdecken müssen, daß die obere Reihe echte Flaschen enthielt, die untere Lage hingegen war simpler Landwein. Man muß leider schon beim Empfang alle Kisten öffnen und überprüfen – mir ist es bereits sechs Mal passiert, daß statt 12 nur 11 Flaschen in der Kiste lagen. Wenn man die schönen Originalkisten brav in den Keller legt, nach vielen Jahren mal eine aufmacht und feststellt, daß nicht alles drin ist, was drinnen sein sollte, dann bekommt man nichts mehr von der Versicherung. Sind es Arbeiter auf dem Château oder in der Spedition, ist es der Lkw-Fahrer, der betrügt – ich weiß es nicht, aber ich ahne, daß es bei den vielen Millionen Flaschen, die jährlich von den Châteaux in alle Welt versandt werden, noch manches böse Erwachen geben wird.

Was fasziniert Sie an alten Weinen?

H.R.: Die natürlich gewachsene Finesse, diese Vielschichtigkeit der Aromen zwischen zart und tief lässt sich – wie Musik oder ein Sonnenuntergang in den Alpen - mit Worten nur unzulänglich beschreiben. Es ist immer wieder aufs Neue spannend, den Korken aus einer Flasche 1945 Mouton, 1921 Bernkasteler Doctor oder 1900 Margaux zu ziehen. Wird dich der Wein begeistern oder enttäuschen? Gute alte Weine – und davon gibt es reichlich bis ans Ende unserer Tage – sind wie ein Vermächtnis jener Menschen, die vor 50, vor 100 Jahren und früher die Trauben gelesen und den Wein gemacht haben. Das Trinken solcher Pretiosen ist wie eine sinnliche Botschaft aus einer anderen Welt. Das hat für mich etwas Mystisches, ja Metaphysisches, da kann ich eine Gänsehaut kriegen.

Welcher Wein würde Sie besonders interessieren?

H.R.: Der Apostel Johannes berichtet von einer Hochzeit in Kana, zu der Jesus, dessen Mutter Maria und die Jünger geladen waren. Als der Wein ausging, verwandelte Jesus auf Bitten seiner Mutter sechs Steinkrüge voll Wasser in einen Wein, den der Speisemeister der Feier mit folgenden Worten lobte: „Du hast den guten Wein bis jetzt aufgehoben." Davon hätte auch ich gerne getrunken!

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