Wilhelm Weil: ein Porträt mit Interview

Der Gentlemanwinzer

Sonnengelb mit altgoldenem Schimmer strömt die 2006er Beerenauslese vom Kiedricher Gräfenberg aus der Karaffe. Im Nu schwillt ein Aromenstrauß aus dem Glas, ein suggestives Bukett aus gelbem Steinobst à la Pfirsich nebst viel Honig, flankiert von etwas Walnuß und tropischen Früchten. Der fein polierte Riesling läßt den Gaumen sanft erzittern und erlaubt seinem Publikum nur eines: Bewunderung. Große Weine haben wie bedeutende Menschen spezifische, unverwechselbare Merkmale. Das sozusagen genetische Geschmacksbild des Gräfenberg ist seine ziselierte Vielschichtigkeit. Der Wein verbindet fruchtige Kraft mit stilistischer Grazie und der für einen edelsüßen Riesling typischen Finesse. Und er belegt geradezu sinnlich die These von der Wesensverwandtschaft zwischen Winzer und Wein. Der Mann wie das Gut gelten als Synonym für Riesling-Nobilität.

Weil Portrset Wilhelm WeilWilhelm Weil, am18. Mai 1963 geboren und seit 1987 Gutsdirektor in vierter Generation des renommierten Weinguts Robert Weil in Kiedrich, tritt stets bescheiden auf und ist dennoch unübersehbar. Ein Herr von Riesling! Das nennt man Distinktion. Der hochgewachsene Mann mit der herrisch nach oben strebenden Stehfrisur, dem jungenhaften Lachen, dem lebensbejahenden Optimismus und dem herzerfrischenden Talent zur Selbstironie hat das Gut mit seinem strikt zielorientierten Führungsstil an die deutsche Spitze geführt. Eine andere Seite seines Wesens und nicht die kleinste ist die des Schöngeistes, des Genießers und somit auch vollautomatisch die des Weinliebhabers. Hätte Lubitsch, der große Regisseur, einen Gentlemanwinzer gesucht: der sich gleichermaßen selbstbewußt wie diskret gebende Wilhelm Weil wäre die erste Wahl gewesen.

Worte wie Unmöglichkeit, Bequemlichkeit, gar Ängstlichkeit fehlen komplett im Weil’schen Vokabular, hingegen werden Funktion, gepaart mit gesundem Ehrgeiz und die Lust an der Herausforderung groß geschrieben. In seiner Haltung ist selbst dann, wenn er lecker speist und einen großen Wein genießt, etwas Sehniges, kommt er einem vor wie einer, der auch im Sitzen die Muskeln habtacht stehen lässt. Intellektuelle Haarspaltereien sind ihm sowieso fremd, das rhetorische Lockendrehen auf einer Glatze sogar zuwider, doch liebt er die Diskussion und erfasst er als Geschäftsmann, Winzer und Mensch die Welt durchaus analytisch mit ebenso scharf wie präzise arbeitendem Verstand. Doch traut er auch seiner Intuition eine Menge zu, ohne deshalb wie Parzival mit naiver Einfalt durchs Leben zu gehen.

Kurzum, Wilhelm Weil ist mit der Welt und sich so ziemlich im Reinen, er lebt nach dem Prinzip, wonach das Sein wichtiger ist als der Schein. Das klingt einfach und ist doch der Schlüssel zur Person wie zu den Weinen, zu den Weil’schen Rieslingen, die, nach dem Genius des Rheingaues duftend, nicht horizontal, sondern vertikal gegliedert sind: schlank, rassig, elegant, suggestiv.



Das Interview

Was macht Sie glücklich?
Wilhelm Weil: Ein volles Weinglas!

Und unglücklich?
W.W.: Ein leeres Weinglas!

Welchen Stellenwert hat für Sie der Riesling im Konzert der Rebsorten?
W.W.: Der Riesling erlebt derzeit eine Renaissance seines Images, wie er es schon vor mehr als 100 Jahren innehatte. Es war die Zeit, als der Riesling weltweit teurer als die Gewächse des Bordelais gehandelt wurde. Heute ist der Riesling wieder ein Teil des klassischen Quartetts mit Bordeaux rot sowie Burgund weiß und rot.

Welchen Stellenwert haben edelsüße Weine in der Trinkkultur?
W.W.: Es sind die besonderen Weine zu den besonderen Anlässen für den anspruchsvollen Weingenießer. Man braucht sie nicht im alltäglichen Leben und doch wäre das kultivierte Leben so viel ärmer, hätte man sie nicht „erfunden“.

Wann ist in Ihrem Haus der erste edelsüße Wein gefüllt worden?
W.W.: 1893, einer der zwei Kometenjahrgänge (neben 1811).

Was ist der älteste Edelsüße in Ihrem Keller?
W.W.: Eben jene 1893 Kiedrich Gräfenberg Auslese. Dieser Wein hat das Weingut Robert Weil damals berühmt gemacht. Mein Urgroßvater hat ihn an die Kaiser- und Königshäuser in London, Berlin, Wien und St. Petersburg geliefert. Das kaiserliche Hofwirtschaftsamt in Wien hat dafür den sensationellen Flaschenpreis von 16 Goldmark bezahlt.

Wie beschreiben Sie diese Kreszenz?
W.W.: Wir haben diesen Wein zu seinem 100sten Geburtstag verkostet. Der 1893er war sicher zusammen mit dem 1811er, Goethes Kometenwein, der größte Jahrgang des 19. Jahrhunderts. Bernsteinfarben, brillanter Glanz, für das Alter noch enorm präsent und schmeckbare Süße, hat Honig und Karamell, all dies mit einer wunderbaren, vornehmen Altersfirne gepaart. Bleibt extrem lange am Gaumen, hinterlässt tiefen Eindruck, einem Kometenjahrgang gebührend. Die Komplexität läßt auf ein weiteres, Jahrzehnte währendes Leben schließen.

Was war bislang ihr eindrucksvollstes Erlebnis mit einem Riesling?
W.W.: Eine 1971er Gräfenberg Spätlese. Es war im Sommer 1972, ich war neun Jahre alt, als ich eine geöffnete Flasche dieser Spätlese im Probenkühlschrank fand. Sie war nur halb geleert und ich gönnte mir über eine Woche täglich immer wieder einen guten Schluck. Ich hatte bislang natürlich schon viel, wenn auch aus kindlicher Sicht, von den sinnlichen Dingen eines Weingutes erfahren, aber diese Spätlese lehrte mich den Riesling zu lieben.

Zu welchen Speisen trinken Sie besonders gerne Riesling?
W.W.: Riesling ist sehr universell. Ich bevorzuge gereifte, restsüße Rieslinge als Spätlesen und Auslesen. Wenn diese Weine erst einmal 20 bis 30 Jahre Reife und mehr erlebt haben, dann sind sie sehr vielseitig zu Speisen einsetzbar. In der Reife wandelt sich die einst jugendliche, ungestüme Süße zu Konzentration; die Süße tritt geschmacklich in den Hintergrund. Solche gereifte Rieslinge aus den großen Jahrgängen lassen sich in der Speisenbegleitung fast wie ein großer Rotwein einsetzen. Eine meiner Favoriten in der Kombination ist eine 1971er Auslese mit einem Wienerschnitzel (wirklich à la Wien), feinem Wirsinggemüse und Bratkartoffeln. Und ich weiß auch einen Ort im Rheingau, wo man dies genießen kann.

Zu welchen Speisen trinken Sie besonders gerne einen edelsüßen Wein und warum?
W.W.: Am liebsten genieße ich sie als Solisten, weil ein großer Süßwein alles hat; ansonsten zu den klassischen Gerichten.

Wie beschreiben Sie kurz und bildlich die Eigenschaften eines idealen Riesling, aufgefächert nach den Geschmacksstufen „trocken“ sowie „edelsüß“?
W.W.: Ein großer Wein, also ein idealer Wein, sollte immer Nachhaltigkeit, Kraft und Dichte, aber auch Eleganz zeigen. So wird ein idealer trockener Riesling für mich neben seiner Mineralität ebenso von Kraft und Tiefgang geprägt, ohne dass der Alkohol übermächtig wird.
Der ideale edelsüße Riesling sollte seine Botrytis-Noten sehr reintönig präsentieren. Seine von der Natur geschenkte hohe Restsüße balanciert er durch seine deutlich wahrnehmbare Säure – eine Kombination, wie sie so nur der Riesling aus dem „cool climate“ zeigen kann.

Wie beschreiben Sie kurz und bildlich die Eigenschaften eines idealen edelsüßen Weins?
W.W.: Einmalig, authentisch, begehrenswert.

Was sind die besonderen Talente eines Riesling für die edelsüße Qualität?
W.W.: Balanciert (wegen der traumhaften Säure neben der Süße), feinste Frucht, wie sie nur dem Riesling eigen ist, außergewöhnliche Haltbarkeit.

Was unterscheidet, grob gebündelt, eine Trockenbeerenauslese im Rheingau von einer an der Mosel?
W.W.: Die Rheingauer Trockenbeerenauslese ist in der Regel konzentrierter, süßer, üppiger, nachhaltiger; die moselanische Trockenbeerenauslese mineralischer, feiner, strukturierter.
Deshalb sind wir ja auch froh, die Moselweine des Rheingaus mit den vereinten Vorzügen in unseren Berglagen ernten zu können.

Was war bislang Ihr eindruckvollstes Erlebnis mit einem edelsüßen Wein?
W.W.: Mit einer Flasche 1921 Château d’Yquem, einem Erbstück, welche mir beim Heraufholen aus dem Keller aus den Händen geglitten ist, den Sturz auf den Boden aber schadlos hingenommen hat. Den Fall habe ich in Zeitlupe noch heute vor Augen.

Wie beschreiben Sie Duft, Geschmack und Zustand dieses Weins?
W.W.: Hohe Komplexität, ungewöhnliche Farbtiefe, klassisches Karamellbukett, süß, körperreich, sehr lang, phantastische Intensität, großer Wein mit Identität.

Was ist für Sie die ideale Zeit für den Genuß eines edelsüßen Riesling?
W.W.: Das beginnt am späteren Nachmittag, ähnlich der englischen Tea-time, sobald man die Muße für eine intensive Begegnung mit einem solchen Naturwunder hat. Zeit für eine gereifte Auslese, nicht ganz so mächtig, kann freilich auch der Sonntagvormittag sein – mit Musik oder gutem Buch, auch zum Zwiegespräch mit einem lieben Menschen. Kurzum: Immer, wenn die Gelegenheit sich dazu ergibt, niemals, wenn der Moment dafür nicht da ist.

Haben Sie einen Traum?
W.W.: Mein Lebenstraum ist, daß der Weltbürger wieder deutschen Wein in seiner Wertigkeit einzuschätzen weiß.

Zum Thema Riesling haben Sie drei Wünsche frei, wie lauten die?
W.W.: Der Riesling erfreue auch zukünftig des Menschen Herz, er stimme die Menschen friedlich und erhalte ihnen eine lange Gesundheit!

Journal bekommen!

Wort der Woche

„Der Wein macht den Maulwurf zum Adler“

Nadar

Dieses ebenso skurille wie poetisch erhöhte Bild hat Charles-Pierre Baudelaire (1821-1867) entworfen, der geniale französische Lyriker, Schriftsteller, Essayist, Dandy, Wagnerianer und Weinkenner, der vor allem mit seiner „Die Blumen...

weiterlesen

Gericht der Woche

Seezungenröllchen mit Schnecken und Gnocchis

Zutaten, berechnet für vier Personen: 8 Seezungenfilets; 400 g...

weiterlesen

Wein der Woche

1996 Gevrey-Chambertin Clos St. Jacques 1er Cru, Armand Rousseau, Burgund

Dunkelrubin fließt der Wein mit seidigem Glanz ins Glas und entfaltet im Nu sein betörendes, vielschichtig ziseliertes Bukett mit...

weiterlesen