Lebensart

Das Genußatelier: Lebensart versus Lifestyle

Geschrieben von: August F. Winkler

was ist der beste Champagner, was der feinste Wein, was die köstlichste Speise, der größte Koch, das ultimative Restaurant? Das sind Fragen von hollywoodesquem Format, in unserer expressiven, dem Superlativ huldigenden Zeit oft gestellt, doch niemals zu beantworten und deshalb so ermüdend wie überflüssig.

Der Schafhirte, der zu seinem Käse einen schlichten roten Landwein trinkt, ist glücklicher als ein Protz mit dem 1971er Pétrus aus der Magnum. Dem Göttlichen im Wein, wenn diese Frömmelei gestattet ist, kommt man sowieso nur mit dem Herzen nahe. Selbstverständlich liebe ich große Weine und gehe ihnen weit entgegen, aber ich weiß, daß man auch einfache Weine trinken muß, um die Gloriosen besser zu verstehen. Gleiches gilt für die Küche: ein Bauernbrot, beschmiert mit bester Almbutter und vielleicht geschmückt mit etwas Schnittlauch, ist nicht weniger delikat – und achtenswert - wie ein im Ganzen gedünsteter Steinbutt mit einer Sauce Béarnaise.

Die Andacht dem Kleinen wie dem Großen gegenüber, das ist angewandte Lebensart.

Lebensart! Der Begriff gehört zum Alltagsdeutsch und ist doch schillernd wie ein Chamäleon: Lebensart. Zerlegt man das Wort in „Leben“ und „Art“, so beschreibt es eigentlich nichts anderes wie die Art, in der ein bestimmter Mensch lebt. Die kann rustikal sein, ländlich, städtisch oder weltbürgerlich, schlicht oder raffiniert, gemein oder edel, primitiv oder kultiviert, intro- oder extrovertiert oder sonstwie, egal, jeder Mensch hat seine Art des Lebens.

Schaut man in Knaurs Wörterbuch, auch der große Störig genannt, so steht unter Lebensart folgendes: „Kultivierte Umgangsformen. Kunst, sich das Leben mit kleinen Dingen schön zu gestalten.“ Das klingt nach Anmut und definiert die kultivierte Art, in der ein Mensch sein Leben inszeniert. Lebensart ist in diesem Sinne mehr als Lifestyle. Unter Lifestyle läßt sich eine Verengung aufs Modische verstehen. Lifestyle haben heißt auch, stets „up to date“ zu sein. Das kann ausarten, gipfelnd in der Manie, jeden Trend – und sei der noch so schrill oder infantil – mitmachen zu müssen. Lifestyle ist oft nur die Seele frikassierender Schein.

Lebensart hingegen ist die Ästhetisierung des Seins, also die Kunst, sich das Leben auf kultivierte Weise mit schönen Dingen zu möblieren, von der Literatur über die Musik und das Theater bis hin zu Reisen sowie das Essen und das Trinken. Dazu gehört das Talent, sich begeistern zu können ebenso wie Humor und Genußfähigkeit.
 

Festkultur: Das Feiern ist ein auf Zeit gestatteter Exzeß

Geschrieben von: August F. Winkler

Prolog: Ein Fest, hat Sigmund Freud erkannt, ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzeß, der feierliche Durchbruch eines Verbotes.

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Advent und die Macht der Düfte

Geschrieben von: August F. Winkler

Nach altchristlichem Verständnis soll der Advent als die Zeit, in der sich die Gläubigen auf die Ankunft des Herrn vorbereiten, auch dem Fasten gewidmet werden, um durch Zurückhaltung bei weltlichen Genüssen und dem Verzicht auf das, was man ansonsten gerne tut, die Wahrnehmung fürs Göttliche zu schärfen. Das fällt nicht leicht, denn der Himmel hängt vor Weihnachten voller Delikatessen und die Luft ist erfüllt mit Düften, die verheißungsvoll die Nase umwabern. Es riecht nach Schinken und Trüffel, nach Glühwein und Keksen, nach Gewürzen, Vanille, Spekulatius und Christstollen, nach Punsch, Gewürznelke und Zimt, kurzum: nach Versuchungen. Denen darf man nach strenger Auslegung der Adventsgesetze zwar erst an Weihnachten erliegen, aber die Nase ist frei und Weihnachtsdüfte, so weiß die Wissenschaft, dämpfen Streß und heben die Stimmung.

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Ein Neujahrswunsch für 2016

Geschrieben von: August F. Winkler

Nonne mit_SektEin bravourös mit Trüffeln gespickter Kapaun oder ein hingebungsvoll komponiertes Erdäpfelgulasch mit Würstl sind nicht nur sinnliche Wonnen. Zwar vergeht auch die feinste Näscherei während des Essens wie der Schaum des Champagners, aber Speise und Wein vermitteln Gelassenheit, Stärke und das angenehme Gefühl, daß der Lärm der Welt im Moment des Genießens draußen bleibt.

In diesem Sinne hat Genuß, wie ich ihn verstehe und liebe, wenig mit dem Paradies hinter den Wolken zu tun, in dem alle wunschlos glücklich sind. Zu meiner Vorstellung von Glück gehört auch das Begehren, das spannende Wechselspiel zwischen Sehnsucht und Erfüllung. Ewige Sattheit wäre das Ende aller Hoffnung und würde uns so herrlicher Erlebnisse berauben, wie das Schicksal sie immer wieder bereithält: in der Liebe, einem köstlichen Mahl, großem Wein, feiner Zigarre, gutem Gespräch.

Freilich, wie aktuell die Pflege der Genußkultur ist, lehren uns täglich Politiker, Bürokraten sowie Ideologen mit Vorschriften, wie wir zu leben haben. Auch wenn den Genußfeinden nur ein einziger ehrlicher Impuls zugrunde liegt, nämlich der Wunsch, diejenigen zu bestrafen, die eine größere Fähigkeit zum Glücklichsein haben, so muß sich, wer morgen noch nach seiner Facon leben will und nicht in einem Getto von Gesetzen, dagegen wehren.

Also gehen wir das Leben jeden Morgen mit Genuß an, betrachten wir die Welt auch heiter durch die Bratröhre, das Weinglas und den silbrigen Rauch einer Zigarre. So wie ein Steinhaufen aufhört, ein Steinhaufen zu sein, sobald er von einem Menschen betrachtet wird, der das Bildnis einer Kathedrale in sich trägt, so wird jeder Tag zu einem Genuß-Fest, sobald Mann und Frau sich die unvoreingenommene Hingabe an den Augenblick gestatten.

Das Leben ist bekanntlich nicht nur kurz, sondern vor allem einzig, deshalb: Brich die Regeln, vergib rasch, liebe wahrhaftig, küsse zärtlich und lasse nichts aus, was dich lächeln lassen könnte. Man kann auch sagen: Genießen ist ein Ernstnehmen der Schöpfung!

Möge 2016 uns allen ein Annus mirabilis sein!
Das wünscht August F. Winkler
 

Schenken: Irritationen zwischen Mann & Frau

Geschrieben von: August F. Winkler

Wer schenkt, der beglückt, sagt der Philosoph. Das ist ein schöner Satz fürs Poesiealbum, aber wie so oft, wenn die Theoretiker sich auf den lichten Höhen ihrer Geisteswelt bewegen, sind sie dem Alltag weit entrückt. Der Praktiker weiß es deshalb auch besser: Schenken will gelernt sein, sagt er, und tatsächlich muss man keine Umfrageaktion starten, um zu erfahren, dass in dieser Disziplin speziell zwischen den Geschlechtern erhebliche Unsicherheit besteht, gipfelnd in der hundertsten Krawatte und dem falschen Parfum.

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