Die Zigarre – eine Hommage

Es war ein Bild von erhabener Grazie, das man auch als erotisch bezeichnen konnte, wie hingebungsvoll und offensichtlich routiniert die Frau eine Zigarre entzündete. Sie drehte das Endstück langsam über der Flamme, bis es rundum sanft glühte. Erst dann nahm sie die „Churchill“ in den Mund, immerhin ein 14 Gramm schweres Stück im Doppelcorona-Format von 17,6 Zentimeter Länge und 1,85 Zentimeter Durchmesser, wegen ihres noblen Aromas auch die Chanel Nr. 5 unter den Puros genannt. Respekt, an einem solchen Drum sind schon Männer gescheitert.

Daß auch Frauen zunehmend zur Zigarre greifen, erfüllt die Tabakbranche mit Freude. Für neue Zuversicht sorgt zudem der durch Umfragen bei Händlern ermittelte Trend, wonach sich immer mehr junge Männer eine Zigarre anzünden. Außerdem wird eine Tendenz zu höherer Qualität registriert; man raucht besser und teurer als früher. Kurzum: die Renaissance der Zigarre hält an, was umso bemerkenswerter ist, weil der Tabakrolle noch vor wenigen Jahren ein schmähliches Ende prophezeit worden war.

Man sprach ironisch von Rentnerstumpen und meinte damit, dass Zigarrenraucher eine aussterbende Spezies seien, also eine, die sich biologisch quasi von selber erledigt. Aber auf einmal tat sich was, kam Schwung in die Szene. Die neue Lust an der Zigarre hat viel mit kultiviertem Lebensstil zu tun. Man genießt und schämt sich deswegen nicht, mögen die selbsternannten Apostel der Volksgesundheit noch so laut zetern und die Puritaner ein absolutes Rauchverbot fordern –beiden Moralisten liegt in ihren Handlungen, wie vermutet werden darf, sowieso nur ein einziger ehrlicher Impuls zugrunde, nämlich der Wunsch, diejenigen zu bestrafen, die ein größeres Talent zum Glücklichsein haben. Forscht man nach Gründen für die wahrhaft goldene Auferstehung der Zigarre, werden einem zahlreiche Mutmaßungen geliefert. Ein modischer Aspekt ist gewiß nicht zu übersehen.

Doch ebenso sicher ist, dass die Zigarre neue Freunde mit Treue gefunden hat. Für den wahren Liebhaber hat diese neue Lust an der Zigarre weder mit Machotum noch Mode oder sonstiger psychologisierender Bedeutungshuberei zu tun, sondern schlicht mit Genuß. Nun ist Zigarre freilich naturgemäß nicht gleich Zigarre. Der Unterschied zwischen einer perfekt handgerollten Lonsdale und einem Stumpen für einen halben Euro entspricht ungefähr dem zwischen dem Mount Everest und einem Maulwurfshügel. Erstere vermittelt eine Stunde lang Hochgenuß, letztere ist eine qualmende Erbärmlichkeit.

Eine gute Zigarre symbolisiert Ruhe, ja Verinnerlichung, während die Zigarette für Hast steht. Otto von Bismarck hat das zeitlos beschrieben. Bei den Friedensverhandlungen 1871 hatte sich sein französischer Gegenspieler verwundert gezeigt, dass der Kanzler eine Zigarre entzündete. „Sehen Sie“, klärte Bismarck auf, „die Zigarre gewährt eine leichte geistige Beruhigung, ohne unser Denkvermögen zu beeinträchtigen. Sie ist eine Ablenkung. Unwillkürlich schaut man dem blauen Rauch nach, der sich emporkräuselt, worin etwas Bestrickendes liegt, das versöhnlich stimmen kann. Man fühlt sich wohl dabei, das Auge ist beschäftigt und die Nase befriedigt.“ Welche Zigarre man wählt, eine große, dicke, schlanke, schwere, leichte, das hängt von der Stimmung ab, von der zur Verfügung stehenden Zeit und auch von den Finanzen.

Das ist wie beim Wein. Eine große Zigarre verlangt nach Muße. Es muß nicht immer Havanna sein, seit es exzellente Qualitäten aus der Dominikanischen Republik, aus Honduras, Nicaragua und anderen Ländern gibt. Bei der Zigarre wäre Monogamie besonders töricht und unangebracht. Es lebe die Vielfalt. Zur Unschuld des Morgens wird eine grazile Panetelas angemessen sein, nach dem Lunch darf es schon würziger sein à la Robusto. Und bei der großen After-Dinner-Zigarre gibt es nach oben hin überhaupt keine Begrenzung. Da schlägt die Stunde der großen Formate zwischen Pyramide und Doppelcorona.

Damit harmonieren wie naturgeboren holzfassgelagerter Rum, ein Vintage-Port, alter Cognac oder ein speziell auf die Tabakaromatik abgestimmter Weinbrand. Solche Partnerschaften erhöhen den Genuß. Wenn die Zigarre in Rauch aufgeht, was ihr schönes Schicksal ist, dann versetzt sie den Connaisseur schon beim ersten Zug in ein Stadium tiefer Entspannung.

Die Gedanken lösen sich vom Alltag und bündeln sich zu wunderbaren Phantasien, wobei die Bilder sich ändern, je nachdem, ob die Zigarre gerade entzündet wurde oder nahe ihrem Ende ist. Erlischt die Zigarre schließlich, bleibt der Raum noch lange erfüllt von ihrem Duft. Der Raucher empfindet eine animierende Form der Trunkenheit, die nichts mit betrunken gemein hat, sondern sich nach einer Kanne schwerem Tee ebenso einstellen kann. Es ist ein äußerst subtil gewobenes Hochgefühl. Jede feine Zigarre öffnet einem das Tor ins Reich der wunderschönen Sinne, und Sigmund Freud war es, der seine langjährige Vorliebe für großformatige Coronas gegenüber einer schelmisch und vordergründig metaphorisch insistierenden Frau milde auf den Kern reduzierte: „Manchmal, Madame, ist eine Zigarre wirklich nur eine Zigarre.“

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