Advent und die Macht der Düfte

Nach altchristlichem Verständnis soll der Advent als die Zeit, in der sich die Gläubigen auf die Ankunft des Herrn vorbereiten, auch dem Fasten gewidmet werden, um durch Zurückhaltung bei weltlichen Genüssen und dem Verzicht auf das, was man ansonsten gerne tut, die Wahrnehmung fürs Göttliche zu schärfen. Das fällt nicht leicht, denn der Himmel hängt vor Weihnachten voller Delikatessen und die Luft ist erfüllt mit Düften, die verheißungsvoll die Nase umwabern. Es riecht nach Schinken und Trüffel, nach Glühwein und Keksen, nach Gewürzen, Vanille, Spekulatius und Christstollen, nach Punsch, Gewürznelke und Zimt, kurzum: nach Versuchungen. Denen darf man nach strenger Auslegung der Adventsgesetze zwar erst an Weihnachten erliegen, aber die Nase ist frei und Weihnachtsdüfte, so weiß die Wissenschaft, dämpfen Streß und heben die Stimmung.

Die Nase ist unser sensibelstes Organ und zugleich kapriziös wie eine Diva. Unangenehme Gerüche beleidigen sie, von schönen Düften kann sie nicht genug kriegen. Unseren Altvorderen galt Wohlgeruch gar als Zeichen des Göttlichen. Und bevor die schöne Judith zu Holofernes ging und ihn gottesfürchtig betend tötete, hatte sie ihre schönsten Kleider angelegt, sich vor allem jedoch mit teuren Balsamen gesalbt. Sie wußte um die bezaubernde, unwiderstehliche Wirkung süßer Düfte selbst auf Krieger wie den assyrischen Feldherrn, den sie mit ihrem Parfum erst betörte, dann einlullte und schließlich tödlich schwächte. Der Antike waren Weihrauch und Myrrhe so kostbar wie Gold – damit holten – damit holten sich Römer und Juden den „Duft des Himmels“ auf die Erde.

Immerhin, der Mensch hat seine Nase gebraucht, noch ehe er eine Sprache hatte. Die moderne Zivilisation hat zwar so etwas wie den Geruchsanalphabetismus entstehen lassen. Viele Menschen nutzen ihren Geruchssinn zu wenig, von den rund tausend bekannten Geruchsrezeptoren werden vom Durchschnittsbürger bestenfalls ein paar hundert, eher nur wenige Dutzende genützt. Riechforscher bemängeln, daß der Mensch diesen Sinn verkümmern läßt. Unsere Wahrnehmung wird heute primär durch visuelle und akustische Eindrücke gesteuert, wir leben in einer – zunehmend grell inszenierten – Augen- und Ohrenwelt. Aber wer mit sozusagen offener Nase durchs Leben geht, erlebt mehr, weit mehr als den Staub auf Bürokorridoren, die Abgase in den Straßen und als Höhepunkt vielleicht den Duft frisch geschälter Orangen.

Dabei legen sich Forscher weltweit fleißig und ehrgeizig ins Zeug, um zu beweisen, wie stark unser Seelenleben von Gerüchen geprägt wird. Der Geruch ist als Machtfaktor erkannt worden, der menschliches Verhalten bis in die sexuellen Beziehungen hinein beeinflußt, der Emotionen zu steuern und tiefsitzende Erinnerungen heraufzuholen vermag. Eigens komponierte Gerüche sollen Müdigkeit vertreiben, die Konzentration fördern und Lust wecken. Der US-Mediziner Alan Hirsch hat nachgewiesen, daß Studenten unter Einfluß von Blumendüften wesentlich schneller als sonst Rechenaufgaben lösten. Der Duft von frisch gebackenem und mit Lavendel gewürztem Kuchen förderte bei Männern angeblich erotische Phantasien.

Weiters ermittelten Wissenschaftler, daß Majoran und Vanille beruhigende Wirkung haben, Zedernholz gegen Erschöpfung gut tut und Sandelholz den Streß mildert. Es gibt Aromaexperten, die mittels spezieller Düfte individuell gegen Müdigkeit, Streß und Depression angehen. Mag schon sein, daß Majoran beruhigt, Rosmarin die Lebensgeister weckt und Zitrusdüfte entspannen. Aber bitte, wozu braucht man Aromadoktoren? Die Natur ist unser größter und bester Therapeut, man muß nur seinen Geruchssinn aktivieren.

Jeder Gang in Wälder und über Wiesen beschert ebenso eine Vielzahl von anregenden und beruhigenden Gerüchen wie ein Mahl oder, geradezu klassisch und unübertrefflich, eine Weinprobe. Eine gute Speise vermag uns mit ihrem Odeur zu entzücken. Weine eröffnen durch jeden Nasenzug eine Welt voller Sinnlichkeit. Spätburgunder bringen uns rote Früchte nahe, beim Blaufränkischen denken wir an Brombeeren, der Nebbiolo erinnert an Teer und Rosen. Mineralisches strömt vom Chablis aus, junge Rieslinge duften nach Pfirsich und Apfel, Traminer nach Rosen. Honigtöne finden sich im Ruländer, Heublumen und Mandelblüten im Chardonnay, Grasiges nebst Gemüsigem im Sauvignon blanc. Bei einem Muskateller muß man augenblicklich an frisch gepreßte Trauben denken, im Grünen Veltliner schwingt Gewürziges mit, Cabernets erinnern an Veilchen und schwarze Johannisbeeren.

Wie auch immer, ob man den Düften nun eher wissenschaftlich oder emotional auf die Spur zu kommen sucht: Fest steht, daß die Liebe durch den Magen gehen mag, doch das Glück geht offensichtlich durch die Nase. Wer bestimmte Düfte einatmet, fühlt sich bald darauf entspannt, heiter, beschwingt – je nach Aromentyp. Der Duft von Maiglöckchen löst, so haben Tests ergeben, Freude aus. Zitrusdüfte hemmen die Produktion des Streßhormons Cortisol. Jasmin wiederum provoziert ein Hirnwellenmuster, das dem gleicht, wenn nach einem kurzen Nickerchen eine Tasse Kaffee getrunken wird.

Daß Düfte die Kreativität fördern und auf Leib und Seele wirken, ist allerdings nicht neu. In alten buddhistischen Schriften kann man lesen, daß die Anwendung von Düften „Energie gibt, das Gesicht strahlen läßt und das Leben verlängert“. Die Kosmetikindustrie macht sich diese Erkenntnisse längst zunutze. Neu sind beispielsweise Parfums, die nicht andere betören sollen, sondern ausschließlich für die eigene Nase komponiert sind. Derartige Ego-Stimulanzien sollen nach einem hektisch erlebten Tag, an einem verkaterten Morgen, zwischen Geschäftsterminen, auf Langstreckenflügen benutzt werden, um abzuschalten, sich wiederzufinden, um neue Kraft zu schöpfen und sich für den Alltag zu stärken.

Die Industrie hat sich das Wissen um die suggestive Kraft der Duftstoffe und deren Wirkung auf menschliches sowie tierisches Verhalten längst zunutze gemacht. Küchenzeilen werden demnächst vielleicht nach Lavendel riechen, Zeitungen nach Rosen. Mit Düften werden Illusionen geweckt und erzeugt. Entsprechend präpariertes Kunstleder täuscht dem Käufer echtes Leder vor, Margarine erhält ein lecker duftendes Butterkleid und Waschpulver weckt via Äpfel und Zitrone sowieso schon lange angenehme Erinnerungen an Natur und Frische. Die Zeit ist nahe, in der Schlaflose anstelle einer Tablette einen speziell gefüllten Duftflakon entkorken. Gestreßte Manager werden Parfums versprühen, die wie Weckamine wirken. „Das 21. Jahrhundert wird das Zeitalter des Geruchs sein“, prophezeite William Cain, der Psychobiologe an der Yale-University.

Tatsächlich kann ein Duft ganze Welten beinhalten und mit einem Mal zeitraffermäßig in unserem Kopf viele bunte Filme ablaufen lassen. Der Bratapfel führt uns zurück bis in die Kindheit. Städter, die normalerweise nur Zivilisationsdüfte kennen, bekommen Sehnsüchte, sobald ihnen der Geruch von Heu, einem Braten oder Bauernbrot in die Nase steigt. Frisch gebrühter Kaffee und frisch gebackenes Brot zählen laut Umfragen zu den beliebtesten Küchendüften, gefolgt von Bratkartoffeln und Waffeln.

Das sind herrliche Duftattacken, die das Gemüt streicheln und zudem Erinnerungen wachrufen, in Wehmut oder Glück, je nachdem. Ohne die Nase ist der Mensch aufgeschmissen. Erst dank der Duftmoleküle kommt nuanciertes Leben in Getränke und Speisen, wird das Essen und Trinken, ja das Leben überhaupt zu einem Gesamtgenußwerk.

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