Festkultur: Das Feiern ist ein auf Zeit gestatteter Exzeß

Prolog: Ein Fest, hat Sigmund Freud erkannt, ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzeß, der feierliche Durchbruch eines Verbotes.

Ein Blick in die Menschheitsgeschichte lehrt, daß die Sehnsucht nach Festen uralt ist. Von den rauschhaften Ritualen der ältesten Stämme bis heute ist der Mensch ein Feiernder. Die Feste, ob große Inszenierung, Hausball, private Party oder Candlelightdinner, sind nicht nur Ausdruck eines Rituals. In Stammesriten, auf Jahrmärkten, in Volksbräuchen, Bällen und Festivals offenbart sich auch die Kultur ganzer Völker und Epochen, deren Glück wie Tragik. Und es darf wohl vermutet werden, daß sich die Feiernden vom Alltag befreien, quasi reinigen möchten.

Im Mittelalter war Feier auch Fest und Vergnügen

Der gewöhnliche Mitteleuropäer pflegt zwischen Feier, Fest und Vergnügen zu unterscheiden. Dem Mittelalter war alles eins: Fest bedeutete auch Feier und Vergnügen. Vergnügen war nicht möglich außerhalb von Fest und Feier. Feiern, heutzutage eine Domäne konzessionierter Langeweiler, waren stets auch vergnüglich.

Der Mensch ist das Wesen, das feiert. Insofern ist die These mehr als nur freundlich, daß der Mensch als einziges Lebewesen, das feiert, im Fest nicht nur überlebt, sondern, kühn weiter gefaßt, das Fest braucht, um zu überleben. Das Fest gibt dem Erdenleben überhaupt erst einen Sinn, nämlich jenseits den Mühen der Selbsterhaltung. Der Mensch braucht das Fest, er braucht es als Nahrung für seine von Arbeit und Geschäft strapazierte, nicht selten ausgelaugte Psyche, um seine Seele von Zeit zu Zeit vor Anker gehen zu lassen, ja mehr noch: Im Mittelpunkt eines jeden Festes steht das Vergessen und zugleich das Verschwenden der Zeit. Allen Festen gemeinsam ist ja, daß sie die Feiernden auf Zeit aus der Tagesroutine herausholen.

Auch ein noch so schönes Fest vermag die Zeit, diese gnadenlos und unerschütterlich gerechte Weltenuhr, die für jeden gleich schlägt, ohne Ansehen von Geschlecht, Stand, Vermögen, Geist und Charakter, nicht anzuhalten, aber in den Feierstunden relativiert sich das Absolute, wird das Strenge, das Unerbittliche der Zeit wenigstens für einen Tag aufgeweicht. Die Uhr ist dann nicht mehr drohender Zeitmesser, sondern nur noch mehr oder weniger schmuckes Accessoire.

Zum Feiern gehört unvoreingenommene Begeisterungsfähigkeit

Austernfruehstueck kompAber es ist nicht zu übersehen, daß die Unfähigkeit, Feste zu feiern, die mehr sind als lediglich die mit Beutestolz veröffentlichte Summe des Konsumierten, weit verbreitet ist.
Mehrheitlich wendet sich die Gesellschaft von den einstigen lustvollen Tafelfreuden ab. Die Menschen sind beim Essen gehetzt, von einer metaphysischen Furcht durchdrungen, dem Pillenwahn verfallen und dem Diätkult ergeben. Sprühten die Tischgespräche bei den opulenten Mahlzeiten früherer Jahrzehnte noch vor Witz und Geist, so drehen sie sich heute angesichts eines trostlosen Rohkostsalats oft monoton um ein und dasselbe Thema, nämlich was dick macht und was nicht.

Derartiger Verrat an der Freude, an der Lust, am Talent, sich das Leben auch als Fest einzurichten, mag in der Hektik unserer Zeit gründen, in Unmuße. Hetze frikassiert die Seele. Auch Überkonsum wird eine negative Rolle spielen: zu viel des Guten macht leicht teilnahmslos. Und was ist, bitte schön, von einer Gesellschaft zu halten in der die Scham keinen Wert mehr darstellt? Überall begegnen wir einem übertriebenen Ausdruck, in der Werbung, in der Mode, auch im Alltag. Das Kleine wird gerne übersehen, Stilles nicht wahrgenommen, Schrilles mit Genie verwechselt. Das beste Rezept gegen solche Unkultur ist neben der Bereitschaft zum kultivierten Genuß die Begeisterungsfähigkeit, also das herrlich unschuldige Genie, sich immer wieder neu und aus dem Stand heraus begeistern zu können.

Zum heiteren Genießen an der Tafel oder im Tanzsaal gehört Großmut und gleichzeitig Demut in dem Sinne, daß man die hübschen Vignetten des Lebens nicht selbstverständlich wie im Abonnement hinnimmt. Wer täglich nur vom Feinsten und Teuersten nascht, dem ergeht es bald so, wie es Goethe, der Altmeister des Genießens, im Faust beschrieben hat: “So tauml’ ich von Begierde zu Genuß und im Genuß verschmacht’ ich nach Begierde.“ Genuß hat, da bin ich hoffnungslos altmodisch, etwas mit Hochkultur zu tun. Genuß heißt auch, stilvoll gekleidet zu sein. Heißt vor allem: Haltung zu haben. Heißt: über eine spielerisch bewältigte Bildung zu verfügen. Heißt: Essen und Trinken nicht als Schikane der Natur zu begreifen, weil die Leibmaschine geschmiert werden muß, sondern als Kür, die unser Leben bereichert. Heißt auch: Feste zu feiern, die den Namen verdienen.

Ein wesentliches Ingrediens als Voraussetzung für ein Fest mit Stil ist die Bereitschaft der Teilnehmer, sich einem Fest zu öffnen. Und solche unvoreingenommene Genuß- sowie Begeisterungsfähigkeit ist umso wichtiger in einer Zeit wie der unseren, einer expressiven Zeit, in der die Kunst des Feierns gegenüber älteren Zeiten einiges an Stil und Charme eingebüßt hat. Man kann es auch so ausdrücken: Die Sehnsucht nach Glanz und Glorie ist uralt, doch in unserer Zeit ziemlich obdachlos. Tanz, Liebe und Rausch, ja selbst könnerhaft komponierte Mahle hatten in den Jahrhunderten zuvor eine tiefere Bedeutung und Faszination als heute. Noch in der Belle Epoque war das Fest ein besonders sorgsam gepflegtes Kapitel der Lebenskultur – damals triumphierte Lifestyle eben noch nicht über Lebensart.

Belle Epoque: lebenslustig, überschäumend und verderbt

Bacchanal HouasseBelle Epoque, so nennt man jene Glitzerwelt zwischen Sein und Schein von etwa 1890 bis 1914. Man denkt an reiche Finanzmänner, an Henri de Toulouse-Lautrec, der sich in den Bars von Montmartre herumtrieb und die Kokotten aller Klassen malte. Die hinreißend schöne Alice Ozy tanzte im Grand Café nackt auf dem Tisch, in jeder Hand eine Flasche Champagner. Der Prince of Wales, Englands späterer König Eduard VII., den seine Mutter Victoria erst sehr spät auf den Thron ließ, stellte unentwegt Ballerinen nach, erfand nebenbei die Bügelfalte und eher zufällig die Mode, den untersten Westenknopf offen zu lassen, während Auguste Escoffier im „Ritz“ mit der voluminösen Schnörkelküche der Restauration aufräumte und als neuer Kaiser der Köche dekretierte: „Durch die Einfachheit wird die Schönheit nicht ausgeschlossen.“

Es war eine Zeit ohne Plastik, dabei fortschrittsgläubig, lebenslustig und auch verderbt bis zum Exzeß. Europas Gesellschaft tanzte, alle Warnzeichen souverän mißachtend, mit überschäumender Fröhlichkeit in die Apokalypse des Weltkriegs hinein. Der Adel und das gleichermaßen reich wie selbstbewußt gewordene Bürgertum lebten im gesellschaftlichen Sauseschritt zwischen Traum und Wirklichkeit. Aus und vorbei, was von der Belle Epoque blieb, das sind Legenden, Escoffiers Rezepte aus dem Kanon der Grande Cuisine, der rankende Jugendstil als künstlerischer Ausdruck und der Satz von Marcel Proust, dem ebenso leidenschaftlichen wie gnadenlosen Chronisten der Belle Epoque: „Die Paradoxe von heute sind die Vorurteile von morgen. Diesem Leben entströmt der Duft aufgelöster Frisuren.“

Den gewaltsamen Tod der Belle Epoque hat Maurice Ravel am Ende des 1. Weltkriegs in „La Valse“ interpretiert. Der Walzer, lange das Symbol des heiteren gesellschaftlichen Lebens, wurde in den Händen des Komponisten zu einer rasenden danse macabre. Er verkörpert die Krise der Kultur – und damit der ersten Moderne – am Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert. La Valse ist ein groteskes Denkmal des Fin de siècle, und die Künstler sowie Intellektuellen fragten sich in Wien, Berlin und Paris, den damaligen Zentren des kulturellen Lebens, betreten, wie es geschehen konnte, daß ihre Welt ins Chaos gestürzt worden war.

Bei den Feten des Hofadels entsprangen Musiker einer Riesenpastete

Freuden des_reifen_Alters_GrandvilleUntergegangen sind als Folge des Weltkrieges nicht nur Reiche und Welten, sondern eben auch die Epoche der letzten großen Feste der Menschheitsgeschichte. In den Jahrhunderten, ja Jahrtausenden zuvor war das Leben ein endloser Reigen von Festen und Feiern, Krönungen, Hochzeiten und kirchlichen Prozessionen, freilich auch von Kriegen, politischen wie sakralen Aufmärschen und Hinrichtungen. Eine blühende, auch höchst kreative und originelle Zeit der Feste war das 15. Jahrhundert: die Erlösung nach der großen Pest, durch die das Lebensgefühl in Europa verändert und intensiviert wurde. Gerade das Bewußtsein der Hinfälligkeit ließ die Menschen nach dem Genuß des Augenblicks lechzen und Feste von geradezu barbarischer Prunkhaftigkeit gestalten.

Bewundert wurden damals die Feten des burgundischen Hofadels, der sich überschlug an Leistungen des Geschmacks wie der Geschmacklosigkeit. Da wurden bei Tisch Riesenpasteten aufgefahren, in deren Inneren zwanzig und mehr Musikanten verschiedene Instrumente spielten. Wunderwerke der Technik tauchten bei den grandiosen Schmausereien auf: ein Walfisch, der Menschen spie, ein Vogel, der aus dem Maul eines Drachens flog. Im Jahre 1468 wurde der über zehn Meter hohe Turm von Gorkum als Tafelaufsatz aufgestellt, aus dessen Schalllöchern mechanische Wildschweine Trompete bliesen und Ziegen eine klangvolle Motette vortrugen. Immerhin: Dieses Spektakel – inszeniert übrigens aus Anlaß der Hochzeit von Karl dem Kühnen von Burgund mit Margarethe von York – gilt als Vorläuferin der Oper.

Rund 200 Jahre später, im Barock, erreichte die Kunst, Feste zu feiern, eine neue Stufe. Der Aufwand war so groß und die Festfolge so dicht wie nie zuvor. Außerhalb der Höfe verlief das Leben im natürlichen Rhythmus von Festtag und Werktag, wohingegen das höfische Leben ein totales Fest war. Pomp und Prunk standen über dem Inhalt und immer größer wird die Entfernung zur kirchlichen Mahnung, auch beim Feiern des diesseitigen Jammertales gewärtig zu sein. Selbst den Kirchenfesten ist der drückende, ja grimmige Ernst früherer Zeiten fremd geworden, und das weltliche Fest sondert sich immer stärker von der kirchlichen Feier ab.

Um Mitternacht wurde die luxuriöse „Bouillon Maria Theresia“ serviert

Im 19. Jahrhundert und bis zum 1. Weltkrieg waren die Feste nicht mehr von jenem prickelnden barocken Pathos getragen. Die Fest-Choreographie war moderner, schlanker, nüchterner, vielleicht phantasieloser. Gleichwohl waren die Feste wie der Wiener „Ball bei Hofe“ oder sein Gegenstück in Berlin noch Demonstrationen von Macht, gesellschaftlicher Arroganz und kaiserlicher Gnade. Im Gegensatz zum Wiener „Hofball“, zu dem auch minderer Adel geladen war, öffnete sich der „Ball bei Hofe“ nur höchstem, also ältestem Adel mit wenigstens 16 Ahnen. Diese exklusive Festivität, auch Kammerball genannt, begann mit Tanz und wurde gegen elf Uhr abends mit dem Souper fortgesetzt – in der Regel für 800 bis
1 000 Personen. Der Redoutensaal war mit tausenden Kerzen erleuchtet, für je zehn Personen ein Mahagonitisch aufgestellt, ohne Tischtuch, doch reich mit Porzellan, Gold und Silber gedeckt.

Um Mitternacht gab es übrigens traditionell als Gang im Menü die „Bouillon Maria Theresia“, eine luxuriöse Kraftsuppe, aufwendig gesotten aus Poularden, Sellerie und Trüffel. Die Einlage war nicht minder aufwendig: Hummer, in Sekt gedünstet und mit den Innereien des Geflügels zu kleinen Knödelchen geformt. Den Abschluß bildeten die berühmten Miniaturhelme, gefüllt mit Hofzuckerln der Hofzuckerbäckerei. Interessant ist, daß bei offiziellen Anlässen so gut wie nie Wein aus Österreich kredenzt worden ist, sieht man vom Tokajer als K.&.k.-Gewächs ab. Bevorzugt trank man Bordeaux und Burgund - jeweils 20 bis 30 Jahre alte Kreszenzen - , ferner Champagner, Riesling-Auslesen vom Rheingau sowie edelsüße Sauternes à la Chateau d’Yquem.

Die Sehnsucht nach Glanz ist uralt

Betrachtet man nun den Festreigen von den im Alten Testament geradezu mit Wonne beschriebenen Völlereien der Könige und Priester über die griechischen Olympiaden, die Triumphzüge römischer Imperatoren und die Saturnalien ihrer Sklaven, von den Turnieren mittelalterlicher Ritter, die ruinösen Vergeudungen der tagelangen Bauernhochzeiten, bürgerlichen Narrenfeste und den Wiener Kongreß bis zum Woodstock-Festival und die Opernbälle des 21. Jahrhunderts sowie die diversen gastronomischen und musikalischen Festspiele, so wird offenbar: Die Erinnerung an das verlorene Paradies lebt nur in Momenten gemeinsam erlebter Daseinsfreude auf.

An dieser Sehnsucht nach Glanz und Tanz, nach Momenten des Unbeschwerten fernab von jeglichem Alltagsstreß und Lebensernst hat sich seit Urzeiten nichts geändert. Die Antwort auf das Warum ist einfach: Weil der Mensch auf der Suche nach der verlorenen Unschuld ist. Hinzu kommt. daß die Seele zumal in einer hochtechnologisierten Zeit wie der unseren staunen möchte. Der Mensch läßt zwar die elektronischen Chips tanzen, das Fax hat den Brief verdrängt und das Internet bedroht den persönlichen Dialog, aber die Kultur des Festes ist nun mal ein Fundament der Zivilisation; das Fest holt den Einzelnen aus sozialer Vereinsamung und Entfremdung, es tröstet alle. Es schafft Nähe und vermittelt Geborgenheit, auch Glücksgefühle. Das Fest verbindet den Menschen mit seinen animalischen Wurzeln und erinnert ihn gleichzeitig an seine göttliche Mission.

Friedrich Schiller meinte: „Der Mensch ist erst da ganz Mensch, wo er spielt.“ Festtage sind auch Spieltage – und es liegt an kreativen Gastgebern, seien es professionelle Hoteldirektoren, Restaurantchefs, sogenannte Eventmanager oder private Arrangeure, die Chance zu nutzen und ihren Gästen durch die Inszenierung von Festen ein Mehr an Erlebnis zu verschaffen.

In diesem Sinne schließe ich meine kleine weltliche Andacht über die Ästhetik des Festes mit der Empfehlung, lustvoll zu feiern. Gehen wir das Leben jeden Morgen mit Genuß an, betrachten wir die Welt auch heiter durch die Bratröhre, das Weinglas und den silbrigen Rauch einer Zigarre. So wie ein Steinhaufen aufhört, ein Steinhaufen zu sein, sobald er von einem Menschen betrachtet wird, der das Bildnis einer Kathedrale in sich trägt, so wird jeder Lebenstag zu einem Fest, sobald die Teilnehmer sich das Hingeben an den Augenblick gestatten und daran denken, daß der Mensch nur im Fest überlebt. Kultiviertes Feiern ist schließlich auch ein Ernstnehmen der Schöpfung.

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