Das Genußatelier: Lebensart versus Lifestyle

was ist der beste Champagner, was der feinste Wein, was die köstlichste Speise, der größte Koch, das ultimative Restaurant? Das sind Fragen von hollywoodesquem Format, in unserer expressiven, dem Superlativ huldigenden Zeit oft gestellt, doch niemals zu beantworten und deshalb so ermüdend wie überflüssig.

Der Schafhirte, der zu seinem Käse einen schlichten roten Landwein trinkt, ist glücklicher als ein Protz mit dem 1971er Pétrus aus der Magnum. Dem Göttlichen im Wein, wenn diese Frömmelei gestattet ist, kommt man sowieso nur mit dem Herzen nahe. Selbstverständlich liebe ich große Weine und gehe ihnen weit entgegen, aber ich weiß, daß man auch einfache Weine trinken muß, um die Gloriosen besser zu verstehen. Gleiches gilt für die Küche: ein Bauernbrot, beschmiert mit bester Almbutter und vielleicht geschmückt mit etwas Schnittlauch, ist nicht weniger delikat – und achtenswert - wie ein im Ganzen gedünsteter Steinbutt mit einer Sauce Béarnaise.

Die Andacht dem Kleinen wie dem Großen gegenüber, das ist angewandte Lebensart.

Lebensart! Der Begriff gehört zum Alltagsdeutsch und ist doch schillernd wie ein Chamäleon: Lebensart. Zerlegt man das Wort in „Leben“ und „Art“, so beschreibt es eigentlich nichts anderes wie die Art, in der ein bestimmter Mensch lebt. Die kann rustikal sein, ländlich, städtisch oder weltbürgerlich, schlicht oder raffiniert, gemein oder edel, primitiv oder kultiviert, intro- oder extrovertiert oder sonstwie, egal, jeder Mensch hat seine Art des Lebens.

Schaut man in Knaurs Wörterbuch, auch der große Störig genannt, so steht unter Lebensart folgendes: „Kultivierte Umgangsformen. Kunst, sich das Leben mit kleinen Dingen schön zu gestalten.“ Das klingt nach Anmut und definiert die kultivierte Art, in der ein Mensch sein Leben inszeniert. Lebensart ist in diesem Sinne mehr als Lifestyle. Unter Lifestyle läßt sich eine Verengung aufs Modische verstehen. Lifestyle haben heißt auch, stets „up to date“ zu sein. Das kann ausarten, gipfelnd in der Manie, jeden Trend – und sei der noch so schrill oder infantil – mitmachen zu müssen. Lifestyle ist oft nur die Seele frikassierender Schein.

Lebensart hingegen ist die Ästhetisierung des Seins, also die Kunst, sich das Leben auf kultivierte Weise mit schönen Dingen zu möblieren, von der Literatur über die Musik und das Theater bis hin zu Reisen sowie das Essen und das Trinken. Dazu gehört das Talent, sich begeistern zu können ebenso wie Humor und Genußfähigkeit.

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