Die Weste - ein Comeback

Mode-Kolumne: Die Weste oder Comeback des Gilets

Wie jeder weiß, der offen durch die Welt geht, beruht die Mode auf Differenzierung. Sie spaltet und bindet. Der Mann von Welt kleidet seine Frau mit Armani, die Geliebte hingegen mit Versace. Sich selbst zieht der Mann mit Geschmack ab sofort nach dem Motto „Simple Chic Clothes“ an. Nino Cerutti erklärt das ein bißchen kryptisch so: „Worauf es ankommt, ist die Treue des Kleidungsstücks für seinen Träger“. Das läßt sich ungefähr so deuten, daß nicht das Design im Vordergrund steht, sondern die Person und in jedem Fall individuell geprägte Eleganz. Für den Gentleman bedeutet dies auch, daß er 2004 Weste trägt, die selbstverständlich so perfekt geschnitten ist, daß selbst beim Sitzen kein Hemd aufblitzt und schon gar kein bißchen Bauch drunter hervor quillt.

Tatsächlich hat der Trend zum Gilet bereits vor einigen Jahren eingesetzt - freilich zaghaft, fast verschämt. Bannerträger waren vor allem die Yuppies an der Börse. Kenzo hatte die Weste folkloristisch designt, Gaultier trug sie kurz bis zum Nabel, Valentino stellte sie hochgeknöpft vor. Es gab sie in Samt und Loden, Leder, Wolle, Seide, Strick, Kaschmir, Tweed oder Jeansstoff, knallrot, gestreift, geblümt, gefältelt, gecruncht, kariert und selten unifarben. Große Karos, Blumenmotive, applizierte Dekornähte, leuchtende Farben und abstrakte Motive sorgten für gesteigerte Aufmerksamkeit, zumal das Stück auch gerne ohne Überteil getragen wurde.

Den allzu kecken Designer-Gilets war freilich nur ein kurzer Sommer beschieden. Mode ist ja laut Bernard Shaw, dem Spötter, so häßlich, daß sie alle halbe Jahre geändert werden muß. Zum sportlichen Sakko ist die Westen-Freiheit zwar nach wie vor ziemlich grenzenlos. Schön ist, was gefällt. So darf die Weste auch heute in allen Farben glänzen, mit oder ohne Revers geschnitten sein, zwei oder auch vier Taschen haben. Und unter dem trachtigen Lodenjanker sind raffiniert geblümte und gestickte Seidenwesten mit kostbaren Silberknöpfchen nicht nur erlaubt, sondern ein Muß. Aber beim klassischen Business-Anzug gilt das Prinzip von der diskreten Eleganz, was auch heißt, daß die Weste aus demselben Stoff gefertigt sein sollte wie Jacke und Hose.

Diesmal tritt die Weste also distinguierter auf, und so läßt sich jetzt schon jenseits aller modischen Effekte konstatieren, daß sie ihre Renaissance feiert – in der klassischen Form als vollwertiges Mitglied des Anzug-Ensembles: Hose, Sakko, Weste. Immerhin, seit der Ära barocker Staatsgewänder war die Weste unverzichtbares variationsreiches Element der Repräsentation mit durchaus nützlichem Nebeneffekt. Die Weste kleidete den Mann und wärmte ihn. Sie ließ beleibte Männer schlanker aussehen und dünne irgendwie vollständiger.

Die zugleich schmückende und schützende Funktion machen die Weste zum idealen Kleidungsstück. Die klassische Facon ist mit sechs Knöpfen gearbeitet. So trug sie der in Modefragen tonangebende Herzog von Windsor, der Dandy und spätere König Eduard VII., der übrigens quasi nebenbei und aus Gründen seiner Bequemlichkeit – er war korpulent, aß und trank gerne - die Mode erfand, den untersten Knopf offen zu lassen. Schick sind Westen mit Revers, und es gilt durchaus als comme il faut, sich zum Zweireiher eine zweireihige Weste schneidern zu lassen, auch wenn das einige Modeinterpreten anders sehen.

Obwohl generell schlichter Schick en vogue ist, so sind im Rahmen des klassischen Regelkanons doch zahlreiche Interpretationen möglich und erlaubt. Reizvoll ist das Spiel mit Taschen und Revers, mit der Taille und dem Rhythmus der Knöpfe. Schal- oder Spitzkragen zeigen mehr oder weniger Brust, hochgesetzte Taschen eignen sich als Blickfang, verlaufender oder gerader Bund betonen oder reduzieren die optische Erscheinung. Und es zeugt von persönlicher Note, durch Farbkombinationen aparte Kontraste zu schaffen – etwa durch eine weinrote Kaschmirweste zum dunkelbraunen Tweed.

Die Dreieinigkeit von Jacke, Hose und Weste läßt sich geschichtlich übrigens nicht exakt nachweisen. Die erste Hochkonjunktur des Gilets sehen Kenner bereits um 1700. Damals trugen die Herren zu festlichen Anlässen ausgestellte Wämser, die den Blick unwillkürlich auf die Taille lenkten. Die geradlinig hochgeschlossenen Gilets, die etwa ab 1770 modern wurden, beeindruckten wiederum mit Szenen aus beliebten Theaterstücken wie Figaro’s Hochzeit oder Richard Löwenherz. Selbst im heutigen Sinne aktuell war jener Dandy, der eine Weste aus violettem Moiré zur Schau trug, auf der grüne Affen silberne Sonnenschirme schwenkten.

War die Weste als Teil des Anzugs durchaus modischen Schwankungen unterworfen – im frühen 19.Jahrhundert trugen die Pariser Gents gleich mehrere Westen übereinander - , so darf sie beim konservativsten Kleidungsstück in der Garderobe des Mannes bis heute nicht fehlen: dem Frack. Seit dem Biedermeier unverändert, läßt das knielange Abendkleid des Herrn nur zwei Varianten zu. Einknöpfig oder auch zweiknöpfig ausgeführt – speziell für Ordensträger –, muß die Weste aus weißem Piquet sein. Nur bei einem Anlaß darf Weiß mit Schwarz vertauscht werden, ohne daß man Gefahr läuft, mit dem Ober verwechselt zu werden, nämlich zur Audienz im Vatikan. Dort ist die schwarze Weste unerläßlich.

Ebenso als Must wie in der Verbindung zum Frack gehört die Weste zu einem Kleidungsstück, das vor allem in britischen Kulturkreisen sowie dem deutschen Adel bei Pferderennen und Hochzeiten geschätzt wird: Der Morning Coat oder Cut, wie man den Nachfolger des Gehrocks am Kontinent nennt, wird mit meist zweireihigen Westen in hellem Grau, zartem Elfenbein oder anderen dezenten Farben getragen und bricht damit den stringenten Repräsentationscharakter des abendlichen Fracks und seines Pendants, des Dinner Jackets, das gleichfalls durch eine Weste an Stil gewinnt. Für den Morning Coat ist die aufwendigste Weste geschaffen worden: fünfknöpfig, zu einem Dreieck verlaufend, mit breiten Spitzenrevers und tiefliegenden Taschen. In einer deutschen Variation des Cuts, auch Stresemann oder Bonner Anzug genannt (wird nur tagsüber getragen, zu Empfängen, Begräbnissen, Konferenzen, Trauungen etc.), empfiehlt sich eine hellgraue Weste (schwarz beim Gang zum Friedhof).

Von den festlichen Westen-Seiten zurück zum Alltag, da sind die Grenzen zwischen formell und leger sowieso schon lange verwischt. Romantiker können sich in der Westenmode austoben; sie finden Stoffe und Designs, von denen sie bis vor kurzem nur träumen konnten. Aber auch der harte Businessman sollte ausprobieren, ob die Entscheidungen ohne Jackett leichter fallen. In der Weste ist man angezogen, aber nicht eingezwängt. Nino Cerutti hat das gesagt, Lagerfeld hat dazu genickt, Armani hat es bestätigt: „In der Mode kommt es wie im gesamten Leben darauf an, die unverzichtbare kleine Note der Nonchalance zu entfalten.“

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