Cocktail-Klassiker

Mag schon sein, daß gewisse Modefratzen immer noch Fancy drinks mit so obskuren Namen wie „Yellow Fever“ oder „Chi Chi“ trinken. Wer jedoch Stil hat und ein angeborenes Gefühl für Werte, der war stets den klassischen Cocktails à la Dry Martini, Manhattan, Side Star, Daiquiri, Singapore Sling, Bronx, Alexander & Co treu. Die sind heute wieder so ritzy wie einst in den Zwanzigern. Im Gegensatz zum Drinkfummel wie den schrillen Longdrinks, die, bunt, süßlich und alkoholarm, eine Zeitlang in den Szenelokalen als modisch galten, erleben die Klassiker eine wunderbare Renaissance: sie sorgen für Schwung auf der Party, sie eröffnen und beenden den Abend, ob zu Hause oder unterwegs in einer American Bar, wo ein guter Keeper den Manhattan im Fox-Rhythmus mixen wird, den Dry Martini hingegen im Walzer-Takt.

Beim großen Klassiker namens „Dry Martini“ ( Hauch Noilly Prat, Gin nach Belieben, Olive mit Stein, eventuell ein Spritzer Angostura ) beginnen Liebesaffären und werden Geschäfte gemacht. Obenauf in der Lebensart ist, wer einen „Daiquiri“ (Limettensaft, Zuckersirup, weißer Rum) von einem „Papa Hemingway“ (Limettensaft, Zuckersirup, holzfaßgelagerter dunkler Rum) zu unterscheiden vermag und weiß, daß Harry Craddock, der legendäre Barman des Londoner Kulthotels „Savoy“, in seinem eleganten, stilrein im Art Deco gestalteten „Cocktail Book“ von 1930 den „Philomel Cocktail“ (2 ½ Glas Sherry, 1 Glas Rum, 1 ½ Glas Dubonnet, 1 ½ Glas Orange Juice plus einen Dreher aus der Pfeffermühle) mit der Bemerkung servierte, danach würde man singen wie eine Nachtigall.

Einer sommerlichen Brise gleichen Champagner-Cocktails. Das Basisrezept sieht so aus: Ein mit Angostura getränktes Stück Würfelzucker in ein Glas geben, mit Champagner auffüllen (exzellent der Brut Premier von Roederer) und zum Schluß unbehandelte Zitronenschale so herrisch drücken, daß deren Aroma auf den Drink gesprüht wird. Harry Schraemli, ein weiterer Großer unter den Mixologen, empfahl, dem Würfelzucker vor dem Campagnerfluß noch ein Stückchen Roheis beizugesellen. Bitte sehr, schön ist, was gefällt. In Schraemli’s „Lehrbuch der Bar“ werden 16 Drinks mit Champagner notiert, darunter der berühmte Champagner-Velvet: dunkles Bier à la Guiness halbehalbe gemischt mit Champagner. Das trinkt die britische Lady übrigens gerne zu Austern – oder morgens der Mann zur Bekämpfung des Katers.

Der Hausdrink in Venedigs „Harry’s Bar“ ist der „Bellini“: Pürierten weißen Pfirsich mit einem Spritzer Zitronensaft sowie etwas Pfirsichlikör verrühren und mit Champagner auffüllen. In der Billigvariante wird Prosecco genommen, aber mit Champagner stellt sich doch eher die erwünschte Leichtigkeit des Seins dar. Charles Schumann von der gleichnamigen Bar in München stellt in seinem „American Bar“ betitelten Buch, herausgegeben vom Heyne Verlag und mit dem anspruchsvollen Untertitel „The Artistry of Mixing Drinks“ versehen, gleich 34 Champagner-Cocktails vor. Da gibt es beispielsweise den harmlosen „Mimosa“, bei dem 4 cl frischer Orangensaft mit Champagner aufgefüllt wird. Raffinierter ist der „Ritz“: 2 cl Orangensaft mit 2 cl Cognac und 1 cl Cointreau auf Eiswürfeln im Shaker schütteln, ins Glas abseihen und „vorsichtig mit Champagner auffüllen“.

Wie man den Cocktail anlegt, ob kurz oder lang, wild oder sanft, prächtig oder streng, mehr fruchtig oder eher hart, hängt allein vom persönlichen Geschmack ab und der aktuellen Stimmung. Es gibt simple Mischungen und raffinierte, heitere und dramatische. Die einen helfen dir auf die Beine (wie der „Morningafter“: je ein Viertel Fernet Branca und Wermut mit zwei Viertel Gin gut schütteln, bei geschlossenen Augen trinken und an die Wiederbelebung glauben), andere hauen einen gnadenlos vom Hocker wie Craddock’s „Thunderclap“ aus je zwei Glas Cognac, Gin und Whisky.

Der Phantasie sind beim Mixen also wenig Grenzen gesetzt. An den Rezepturen der Klassiker sollte man sich dennoch nicht versündigen. Die sind perfekt komponiert, bewährt und nicht mehr zu verbessern, allenfalls zu verändern. Schlimm, schlimm, wenn einem beim Dry Martini eine gefüllte Olive ins Glas gelegt oder der „Mojito“ mit Billigrum zur Karikatur gemacht wird. Aber rechts und links der rund hundert internationalen Standardrezepte kann sich die Lust am Experimentieren unbändig entfalten. Hektik ist freilich degoutant. Geschüttelt oder gerührt wird kräftig, doch kurz, denn der Cocktail soll ja nicht eingeschläfert, sondern erweckt werden. Und „shake the shaker, not yourself“, pflegte Craddock anzumerken, wenn ein Amateur meinte, die große Show inszenieren zu müssen. In jedem Fall soll der Cocktail schnell getrunken werden, nämlich solange er einen noch anlächelt.

Entstanden sind diese herrlichen Mixturen in Amerika. Wann und wo, das weiß niemand genau, dafür wuchern die Spekulationen und Anekdoten umso wilder. Da heißt es, das Barmädchen Sally habe in ihrem Saloon die Getränke mit einer Hahnenfeder umgerührt. Eher plausibel ist das Histörchen vom Franzosen Antoine Amadé Peychaud, der in New Orleans eine Apotheke betrieb und einen hausgemachten Magenbitter, gemischt mit Brandy, in Eierbechern als „Coquetier“ ausschenkte. Es dauerte nicht lange, da hatte man daraus den Cocktail gemacht. Tatasache ist, daß die Amerikaner im späten 19. Jahrhundert das Mixen von Getränken zur Kunstform erhoben haben.

Für Luis Bunuel, den grandiosen Regisseur, der Bars als ein Stück Heimat betrachtete, waren die Cocktails gar „eine leichte Droge“, die er liebte und begehrte bis zum heiteren Rausch. Von ihm stammt auch die köstliche, leider nie verfilmte Idee, eine Bar aufzumachen, in der nur exquisite Drinks gemixt werden. Sobald ein Gast tausend Dollar versoffen hatte, müßte eine Kanone Salut schießen. Bunuel malte sich dann in behaglicher Süffisanz aus, wie ein Spießer, durch den lauten Bumser im Schlaf gestört, mosert: „Wieder so ein Saukerl, der tausend Dollar auf den Kopf gehauen hat.“

Die zehn besten Cocktail-Klassiker:

Dry Martini: Hauch Noilly Prat, Gin nach Belieben, Olive mit Stein, eventuell ein Spritzer Angostura
Manhattan: Vermouth rosso. Vermouth dry, Bourbon Whiskey, Spritzer Angostura, Cocktailkirsche
Side Car: Zitronensaft, Cointreau, Cognac
White Lady: Zitronensaft, Cointreau, Gin
Daiquiri: Zucker, Zitronensaft, RumBronx: Orangensaft, Vermouth rosso, Gin
Gimlet: Gin , Lime Juice
Alexander: Cognac, Créme de Cacao, süße Sahne
Singapore Sling: Gin, Sherry Brandy, Zitronensaft
Mojito: Rum, Zucker, Limonen, Pfefferminze

BloodyMary: Wodka, Tomatensaft, Worcestershiresauce, Pfeffer, Salz, Tabasco

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