Die Maibowle: ein glorioses Comeback des Klassikers

„Altmodisch“, zischelte es mir aus grell
geschminktem Mund entgegen,
als ich meine Liebe zur Maibowle bekannte.
Alt ist sie, das stimmt,
aber auch ein Klassiker,
somit zeitlos und unsterblich.

Maibowle Waldmeister_2Eine Zeitlang, als die beautiful people in den einschlägigen Szenelokalen tropische Longdrinks und ähnlichen Fummel, reich an Farbe und Zucker, doch arm an Alkohol, bevorzugten, standen Bowlen im Out. Sie waren ungefähr so zeitgeistig wie Fossile. Aber wie das halt so ist im Leben: Die wirklich guten Dinge überdauern alle modischen Berg- und Talfahrten. Zumal die mit Waldmeister parfümierte und nach Belieben mit Erdbeeren oder Orangenscheiben angereicherte Maibowle umgibt ein bestrickend altmodischer Charme und gleichzeitig die ewige Jugend des Frühlings. Die für ihre feine Lebensart gerühmten Franzosen nennen das Kraut nicht von ungefähr Reine des Bois, Königin des Waldes!

Die Maibowle ist eine klare Sache. Zucker hat nichts in ihr verloren und auch die Zugabe von Cognac, wie in manchen Rezepturen empfohlen, ist heikle Geschmackssache. Das gibt der Bowle einen strengen alkoholischen Touch – als würde man eine Sprinterin mit schweren Bergschuhen auf die Rennstrecke schicken. Schaumwein kann der Bowle zusätzlichen Esprit verleihen, muß aber nicht sein. Mineralwasser ist sowieso verpönt. Wasser zum Wein ist eine vernünftige Kombination, Wasser im Wein hingegen eine Versündigung wider den klaren Geschmack. Was den Reiz der Maibowle ausmacht, ist die Aromatisierung des Weins durch die leicht süßliche Würze des Waldmeisters, von dem der Mediziner Jacobi Th. Tabernaementani 1664 in seinem Kräuterbuch schwärmte: „Im Mayen, wenn das Kräutleyn noch frisch ist und blühet, pflegen es viele Leute in den Wein zu legen und darüber zu trincken; soll auch das Herz stärken und erfreuen.“

Die Erdbeerbowle, weiß oder rot

Eine charmante Variante der Waldmeisterbowle ist die Erdbeerbowle. Wie man sie anlegt, ob nur mit Wein, ob mit Sekt, einem Schuß Cognac, Likör, ob mit ganzen Erdbeeren oder halbierten, das ist eine rein persönliche Angelegenheit. Puristen mögen ihre Bowle klar, was heißt: ohne Sekt, Kräuter und dergleichen. Das Grundrezept sieht so aus: gut ein Pfund grob in Stücke geschnittene und ungezuckerte Erdbeeren eine Stunde bedeckt in trockenem Riesling vom Typ Kabinett (Mosel, Rheingau, Nahe, Rheinhessen, Pfalz, Sachsen) ziehen lassen. Danach mit zwei bis drei Flaschen desselben Weins auffüllen. Als Zugabe kann man ein paar frische Erdbeeren in die Gläser geben. Wem diese Mischung zu herb schmeckt, kann entweder der Erdbeermarinade etwas Zucker hinzufügen oder halbtrockenen Wein nehmen bzw. trockenen mit leicht lieblichem mischen. Apart ist die italienische Variante, die Beerenmarinade mit einigen kräftigen Spritzern Zitronensaft zu versehen – das hebt die Farbe sowie das Aroma. Rotweinfans können anstelle des Riesling selbstverständlich einen Bordeaux nehmen oder, noch finessiger, einen trockenen Spätburgunder von der Ahr, aus Baden, der Pfalz oder dem Rheingau.

Die Zubereitung ist unkompliziert, aber eine Charaktersache. Empfehlenswert sind herbe, temperamentvolle Rieslinge von Mosel, Saar und Ruwer. Das sind die Fred Astaires unter den Weißweinen, spritzig und von schwereloser Eleganz. Will man die Bowle von Haus aus etwas kräftiger anlegen, sind rassig-würzige Rieslinge aus der Wachau, vom Rheingau, aus der Pfalz, der Nahe oder dem Elsaß passend. Auch ein herber Muskateller und geschmeidiger Weißburgunder eignen sich als Grundwein, doch der Königswein in dieser Bowlendisziplin ist nun mal der Riesling, sozusagen das hohe C unter den Rebsorten.

Wie lange man den grünen Waldmeister, der übrigens noch nicht geblüht haben soll, im Wein ziehen läßt, hängt vom persönlichen Geschmack ab. Zehn bis zwanzig Minuten reichen in der Regel. Dazu schrieb ein englischer Autor: „Der ‚wood-ruff’ ähnelt einem reichen Mann. Sein Vermögen beschert anderen erst Vergnügen, wenn er tot ist.“ Frisch gepflücktes Kraut – die Wälder sind zur Zeit voll davon, unter schattigen Buchen sprießt der grüne Meister mit den zartweißen Blütensternen am liebsten – gibt übrigens weniger Parfum ab als dezent angewelktes. Zu beachten ist, daß die unteren Teile der Stiele möglichst nicht mit dem Wein in Berührung kommen. Um das zu vermeiden, wird der Waldmeister gebündelt und mittels eines Bindfadens mit den Köpfchen nach unten in die Bowlenkaraffe gehängt. Schlägt das Aroma der lindgrünen, hübsch lanzettartig geformten Blätter geschmacklich zu stark durch, gießt man einfach etwas vom neutralen Wein nach.

Der Genuß der Waldmeisterbowle ist übrigens einem Benediktinermönch zu verdanken. Bruder Wandalbertius aus Prüm in der Eifel soll im 9. Jahrhundert die Talente des Waldmeisters entdeckt und in einer Schrift gewürdigt haben; der fromme Mann nannte das Kräutlein sinnig „Herzensfreund“. Das war es auch für Theodor Fontane, den Dichter und Chronisten edler Getränke und Speisen. In seinem Roman „Schach von Wutenow“ befiehlt Herr von Sander dem Junker Fritz: „Also, Waldmeister, frisch gepflückt und gefälligst nicht lange ziehen lassen, ist schließlich kein Kamillentee. Der Mosel, sagen wir ein Zeltinger oder ein Brauneberger, wird langsam über die Büschel gegossen, das genügt. Und nur nicht zu süß. Und eine Flasche Champagner extra.“

Waldmeister Wald Der Waldmeister hat viele hübsche Namen wie Maikraut, Sternleberkraut, Schöner Stern oder Königin des Waldes, Reine des Bois in Frankreich. Das Besondere an diesem Kräutlein ist, daß nicht die Blüten, sondern die Blättchen einen hocharomatischen Duft verströmen.

Das Geheimnis des Waldmeisters liegt im Wirkstoff namens Asperulosid-Cumarin. Der hat schizophrene Eigenschaften. Zum einen vermag er Erregungszustände im Organismus zu dämpfen bis hin zur Förderung des Schlafs, andererseits belebt Cumarin den Kreislauf wie ein Stimulans. Als Tee steht er im Ruf, Krämpfe zu lösen und die Nerven zu beruhigen. Im Übermaß genossen, vermag das Kraut freilich Schwindelgefühle und Kopfschmerz auszulösen. Auf die Dosis kommt es an, doch keine Sorge: von einem Büschel Waldmeister gehen keinerlei Gefahren aus. Neue Untersuchungen haben übrigens ergeben, daß sorglos seine Bowle trinken kann, wer nicht gerade jeden Tag kübelweise Waldmeisteraufgüsse konsumiert.

Unerläßlich fürs Gelingen der Maibowle ist, daß Wein von bester Herkunft genommen wird. Wer sich mit mäßiger Qualität begnügt, darf nicht überrascht sein, wenn auch die Bowle nichts taugt nach dem Motto, daß aus einem Ackergaul nie ein edles Rennpferd werden kann.daise was Wunderbares ist, aber über solche Klassik hinaus reizte es den Mann, den Spargel mal anders zu würdigen.

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