Champagner-Cocktails: Mix den Prince of Wales

Es beginnt am späten Nachmittag mit einem sehnsuchtsvollen Geschmack im Mund wie ein Verlangen nach Liebe. Gleich danach ist klar, ein eleganter Longdrink muß her, und zwar sofort. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, dieses Verlangen zu befriedigen: selber mixen oder mixen lassen. Letzteres führt in eine Bar, eine American Bar, um genau zu sein, also eine jener Kammerbühnen des Abendlebens, in dem einem die gute Laune das Glas führt und die zarten Stückerln zu zweit gespielt werden. Beim Drink zu Hause kann man sich je nach Stimmung entspannen, mit Musik, einem Buch, auf der Terrasse oder im Bad. Sind Freunde angesagt, ist der Longdrink auch gleich der Willkommenstrunk für die heilige Stunde des Aperitifs.

Wer also Stil hat und ein angeborenes Gefühl für saisonale Stimmungen, weiß, dass es jetzt im Frühsommer ein wirklich exquisites Getränk gibt, das dem Tag neben Heiterkeit auch Farbe zu verleihen vermag: den Champagner-Cocktail. Er schäumt ideal, löst Ärger auf wie nichts und klingt verführerisch wie Mozart im Mai. Die klassische Rezeptur sieht so aus: Ein mit Angostura gut getränktes Stück Würfelzucker in ein Glas geben, mit Champagner auffüllen und zum Schluss etwas unbehandelte Zitronenschale so kurz und energisch drücken, dass deren Aroma auf den Drink gesprüht wird. So hat der große Harry Craddock einst im Londoner Savoy diesen genial einfachen und übergenial köstlichen Cocktail zubereitet, während Harry Schraemli, ein anderer Großer unter den Mixologen, empfahl, dem Würfelzucker vor dem Champagnerfluss noch ein Stückchen Roheis beizugesellen. Bitte sehr, schön ist, was gefällt.

Cocktails Marilyn

Der Hausdrink in Venedigs „Harry’s Bar“ ist der “Bellini“: Pürierten weißen Pfirsich mit einem Spritzer Zitronensaft sowie etwas Pfirsichlikör verrühren und mit Champagner auffüllen. In der Billigvariante wird Prosecco genommen, aber mit Champagner stellt sich doch eher die erwünschte Leichtigkeit des Seins ein. Eine spezielle Mixtur ist Ernest “Papa“ Hemingway gewidmet, der bekanntlich die eine Hälfte seines Lebens in Bars verbracht hatte und die andere mit trinken. Der “Hemingway“ ist eine schlichte Mischung aus Pernod und Champagner, wobei erstere Zutat dosismäßig individuell bestimmt werden kann. „Royal Port“ hat Jürgen Prill, berühmt als Barmann im Hamburger Hotel „Vier Jahreszeiten“, seine Mixtur aus 2cl weißem Port, einem Spritzer Angostura und 10 cl Champagner, garniert mit einer Brombeere und einer Zitronenschale, genannt.

Mixen im Rhythmus:

„Das Allerwichtigste beim Mixen ist der Rhythmus. Ein Manhattan wird natürlich im Fox-Rhythmus gemixt, Bronx im Two-Step und Dry Martini im langsamen Walzer-Tempo.“ Das dekretierte William Powell in den Salon-Krimis „Der dürre Mann“. Man darf wohl hinzufügen, daß ein Champagnercocktail im Swing-Rhythmus gerührt wird.

Cocktailbook CraddockIm Lehrbuch der Bar, geschrieben von Harry Schraemli, 1943 vom Schweizer Union Helvetia Verlag veröffentlicht, werden 16 Drinks mit Champagner notiert, darunter der nicht ganz jugendfreie “Pick-me-up“: Man gebe mehrere kleine Stücke Roheis in den Shaker sowie einen Barlöffel Zucker, je zwei große Löffel franz. Vermouth - damit ist Noilly Prat gemeint - und Cognac. Das Ganze sehr gut schütteln, in einen Champagnerkelch seihen und auffüllen mit Champagner. Mit Saughalm servieren. Soweit der Originalton Schraemli, in dessen Sammlung auch der berühmte Champagner-Velvet gehört: dunkles Bier à la Guiness halbehalbe gemischt mit Champagner. Das trinkt die britische Lady übrigens gerne zu Austern - oder morgens der Mann zur Abwehr eines Katers.

Charles Schumann von der gleichnamigen Bar in München stellt in seinem “American Bar“ betitelten Buch, herausgegeben vom Heyne Verlag und mit dem anspruchsvollen Untertitel “The Artistry of Mixing Drinks“ versehen, gleich 34 Champagner-Cocktails vor. Da gibt es beispielsweise den harmlosen „Mimosa“, bei dem vier Centiliter (cl) frischer Orangensaft mit Champagner aufgefüllt wird. Raffinierter ist der “Ritz“: zwei cl Orangensaft mit zwei cl Cognac und einem cl Cointreau auf Eiswürfeln im Shaker schütteln, ins Glas abseihen und “vorsichtig mit Champagner auffüllen“. „C.C“ heißt folgende Kreation: drei bis vier cl Campari in ein Glas gießen, mit Champagner auffüllen und mit Zitronenschale abspritzen. In diesem Referenz-Werk aktueller Cocktailkultur steht natürlich auch der „Prince of Wales“, der große Klassiker unter den Champagner-Cocktails.

Legendär umwoben ist der obendrein, denn als sein Erfinder gilt Albert Edward von Sachsen-Coburg und Gotha (1841-1910), der Prince of Wales und spätere König Edward VII, den seine Mutter, die sittenstrenge Victoria, freilich sehr spät auf den Thron ließ. „Bertie“ war da schon knappe 60 Jahre alt. Der lebenslustige Bonvivant trieb sich viel in Pariser Bars herum, stellte unentwegt Ballerinen nach, erfand nebenbei die Bügelfalte, eher zufällig die Mode, den untersten Westenknopf offen zu lassen und, so heißt es, um 1860 herum mit einem Barkeeper, dessen Namen keiner mehr kennt, den nach seinem Titel benannten Cocktail. Einigermaßen gesichert ist das Ur-Rezept, und das bestand im Kern nebst Champagner, einem Spritzer Angostura und einem Hauch von Maraschino-Likör aus Rye-Whiskey.

In manchen, zumal überseeischen Bars wird einem der „Prince of Wales“ noch mit diesem amerikanischen Roggenwhiskey gemixt, auch die Zugabe von Madeira oder Portwein kommt vor, aber im heute gültigen internationalen Kanon der Cocktails hat sich eine Komposition aus Champagner, Cognac, Orangenlikör, Angostura, Zucker und einer Scheibe Zitrone oder Orange etabliert. Die Mengen sind individuell zu handhaben, das Rezept von Charles Schumann dürfte die vom Ideal eines Cocktails kündende Harmonie von bitter, süß und sauer erfüllen: In einem Silberbecher einen Würfelzucker mit einem Spritzer Angostura tränken, Eiswürfel dazugeben, 2 cl Cognac darüber gießen, ein Orangenviertel und eine Stielkirsche dazugeben, mit Champagner auffüllen und „dann 1 cl Bénédictine langsam darüber fließen lassen“.

Prince of_Wales_Becher

Bei Franz Brandl, einem anderen Cocktail-Meister, klingt das ähnlich: „In Silberbecher einige Eiswürfel geben, 2 Spritzer Angostura, 2 cl Cognac, 1cl Dry Orange Curacao dazu gießen, mit Champagner auffüllen. Zwei Cocktailkirschen und eine halbe Orangenscheibe dazugeben.“ Er rühmt den „POW“ als „einen Partydrink vom Feinsten“. Es ist nicht überliefert, ob Prince Albert seinen Cocktail aus Glas oder Silber genoß. Der Silberbecher ist jedenfalls zur unabdingbaren Voraussetzung für einen perfekten „Prince of Wales“ geworden; er sieht nicht nur edel aus, sondern kühlt das Getränk auch bestens. In der Bar des eleganten „Sheraton“ in Salzburg wird er – dank des allgegenwärtigen Direktors Herbert Mosbruck - ebenso auf solche royale Weise serviert wie im Hotel „Traube Tonbach“ in Baiersbronn.

Ein anderer, dem Frühling geweihter Drink ist der Champagner-Julep. Juleps heißen jene Longdrinks, die mit Minzeblättern und Zuckersirup sowie Alkohol nach Belieben angerichtet werden. In ein Barglas gibt man zwei Teelöffel Zuckersirup nebst zwei kleinen Zweiglein frischer Pfefferminze. Beides wird gut mit dem Löffel zerdrückt. Den solcherart aromatisierten Zuckersirup in ein Champagnerglas seihen, das erst einmal zur Hälfte mit feingeschlagenem Eis und danach mit kaltem Champagner voll aufgefüllt wird. Nun kann man Früchte nach Wahl dazugeben; serviert wird mit Saughalm und Barlöffel. Im Pariser „Ritz“ hat Barchef Colin P.Field folgende Mixtur kreiert: Einen Schuß Ingweressenz in ein vorgekühltes Glas geben, mit Champagner auffüllen und mit einer Orangenzeste garnieren (Ingweressenz erhält man, indem geschälter, fein geschnittener Ingwer für einige Wochen in Gin oder Wodka eingelegt wird).

Edward VII Briten-König Edward VII., langjähriger Prince of Wales und als „Bertie“ ein Lebemann und Freund hochgeistiger Getränke, gilt als einer der Mit-Erfinder des nach ihm benannten Cocktails

Zum Seelendoping wird ein Champagnercocktail freilich nur, wenn auch guter Champagner verwendet wird. Der Hinweis auf die Güte ist notwendig, weil der Markt leider voll ist mit Billigchampagner, der auch so schmeckt: fade bis derb, seltsam süßlich-säuerlich und einem Duft, der nicht an Blüten, Brioche, Zitrusfrüchte und Nüsse erinnert, sondern eher an Molke, feuchtes Papier, Stroh, Gras und altes Brot. Solcher Schampus verschandelt jeden Drink, statt ihn zu adeln. Ist kein achtbarer Champagner zur Hand, empfiehlt sich erstklassiger Sekt. Was ist achtbarer Champagner? Ein Dom Perignon wird es fürs Mixen nicht sein müssen, ideal geeignet sind Champagner von frischer Aromatik und klarer Struktur wie beispielsweise: Brut Premier Roederer, Deutz, Pol Roger, Laurent-Perrier, Ayala, Gosset, Bollinger, Joseph Perrier. Und natürlich hat es einen Hauch von rosa Dekadenz, wenn der Campari-Champagner mit einem Rosé aufgefüllt wird (sehr gut: Deutz, Laurent-Perrier, Billecart-Salmon). Das ist ein besonders aparter Drink am späten Nachmittag - und außerdem ist Pink eine der Modefarben der Saison.

Wie solche kühlen Drinks, seien sie klassisch oder avantgardistisch angelegt, schrill oder einfach inszeniert, getrunken werden sollen, das hat Harry Craddock in seinem unerreicht schön in reinem Art Deco illustrierten „The Savoy Cocktail Book“ gesagt: „Schnell, solange sie dich anlächeln.“

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