Singapore Sling: der Klassiker ist 102 Jahre alt

Die „Wohltaten des Alkohols“, die ihn auch beim „Liebesakt sehr angenehm“ begleiteten, hat der Künstler gerne genossen, und wenn „die geheiligte Stunde des Aperitifs“ schlug und er versinken wollte in einen köstlichen „Zustand der Träumerei“, zelebrierte er jenes „subtile Ritual“, das “einen wohligen Rausch bewirkt“ und „einer leichten Droge gleicht“. Dann mixte sich Luis Bunuel, 1900-1983, der große Surrealist des Kinos, einen Cocktail. So ein Dry Martini beflügelte seine Phantasie und gebar die - leider nie verfilmte - Idee, eine Bar aufzumachen, in der nur exquisite Drinks gemixt werden. Sobald ein Gast tausend Dollar versoffen hatte, müßte eine Kanone Salut schießen. Bunuel malte sich dann in behaglicher Süffisanz aus, wie ein Spießer, durch den lauten Bumser im Schlaf gestört, mosert: „Wieder so ein Saukerl, der tausend Dollar auf den Kopf gehauen hat.“

Der erste Drink ist der wichtigste. Er wischt dir den Alltagsstaub von der Seele und stellt die Weichen für das Kommende. Die Rede ist freilich nicht von Fancy drinks mit so obskuren Namen wie „Yellow Fever“ oder „Chi Chi“. Solchen Nippes mögen gewisse Modefratzen und zu ewigem Loden verurteilter Landadel immer noch trinken, wer jedoch Stil hat und ein angeborenes Gefühl für Werte, der wird sich als Einstieg in den Abend einen klassischen Cocktail à la Dry Martini, Manhattan, Side Car, Daiquiri, Bronx, Alexander, Gimlet & Co genehmigen – oder gleich einen Singapore Sling, der zudem den Vorzug hat, daß es ihn seit genau 102 Jahren gibt. Jedenfalls besagt die Legende, daß ein chinesischer Barkeeper namens Ngiam Tong Boon 1915 im „Raffles“ erstmals die Mixtur komponierte, die Jahre danach als Singapore Sling weltberühmt geworden ist.

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Angeblich hatte eine Dame auf der Flucht vor der tropischen Hitze die Bar des Raffles geentert und um einen Drink gebeten. Ngiam Tong Boon, so lautet die Entstehungsgeschichte weiter, hatte sich gefragt, womit er die Lady bedienen könne. Whisky, Gin, Rum, Cognac schienen ihm unpassend, also schuf er einen fruchtig-süßlich-herben Drink von aparter Farbe. Das Ergebnis ist der Singapore Sling, von dem außer dem seligen Ngiam Tong Boon niemand weiß, wie das Original ausgesehen hat, denn der schöpferische Mixer hat nichts Schriftliches darüber hinterlassen. Erst Jahre später haben seine Nachfolger im „Raffles“ die Zutaten aus der Erinnerung rekonstruiert und folgende Daten niedergeschrieben: ½ Gin, ¼ Cherry Brandy, ¼ Orangen-, Ananas- und Limonensaft, ergänzt um einige Tropfen Cointreau, Bénédictine und Angostura nebst einer Kirsche als Garnitur obendrauf.

Die Slings

Darüber schreibt Harry Schraemli, der berühmte Mixologe und „Fachlehrer für moderne Getränkekunde“, in seinem 1943 in Luzern erstmals verlegten großen Lehrbuch der Bar: „Die Slings sind punschähnliche Getränke, die man kalt und warm zubereiten kann…Man serviert sie entweder in Ballongläsern oder in Groggläsern. Grundrezept für kalte Slings: In einem Ballonglas löst man 2-3 Barlöffel Zucker mit etwas kaltem Wasser auf, gibt dann einige kleine Stückchen Roheis,1 Barlöffel Grenadinesirup, den Saft von einer ½ Zitrone und 1 Glas (50 Gr.) der gewünschten alkoholischen Flüssigkeit hinzu. Recht gut umrühren und mit kaltem Wasser auffüllen.“

Singapur SilberbecherEiner anderen, glaubwürdigeren Quelle zufolge war der Drink anfangs nicht pinkfarben, sondern tiefrot, weil laut einer von 1922 überlieferten Anweisung der damals noch Straits Sling betitelte Drink wohl Gin, Kirschbrandy, Bénédictine, Angostura und Limettensaft enthalten habe, jedoch nicht den heute obligatorischen Ananassaft, auch keine Grenadine und keinen Spritzer Cointreau. Ananas und Grenadine, früher übrigens exklusiv ein Granatapfelsaft, kamen erst in den 1970ern hinzu, als die Modewelle der Fruchtcocktails durch die Bars wogte. Ebenso offen und unter Mixologen bis heute umstritten ist zudem, ob der Singapore Sling mit Soda, Wasser oder sonstiger Flüssigkeit aufgespritzt werden darf – im Raffles wird gottlob auf solche Verwässerung verzichtet, freilich wird beim Ananassaft nicht gespart und für die hübsche Schaumkrone sorgt der Shaker.

Was seit Jahren an der Long Bar im „Raffles“ als Singapore Sling mit Kirsche und Strohhalm serviert wird, ist ein Cocktail für Schleckermäuler, bestehend aus acht Zutaten: 3 cl Gin, 1,5 cl Cherry Brandy, 1 ½ Barlöffel Cointreau, 1 ½ Barlöffel Bénédictine, 1 cl Grenadine, 1,5 cl Limettensaft, 1 Spritzer (Dash) Angosturabitter und 12 cl Ananassaft, alles im Mixbecher auf Eis geschüttelt und in ein mit Eiswürfeln gefülltes Glas abgeseiht. Die Barkeeper produzieren den cirka 13 Euro teuren Sling millionenfach wie am Fließband; schon am Nachmittag nuckeln ihn Touristen in kurzen Hosen und T-Shirts in der im Plantagenstil dekorierten Bar, in der übrigens die Schalen der dazu gereichten Erdnüsse hemmungslos und ohne Sorge vor Strafe auf die Erde geworfen werden dürfen.

Die Raffles-Variante ist, das kann mit Sicherheit angenommen werden, fruchtiger und süßer als die von Ngiam Tong Boon kreierte Version. Ob nun der Straits Sling die Ur-Mixtur ist, läßt sich kulturhistorisch allerdings nicht überprüfen. Dafür spricht, daß sie herber angelegt war als die heute süßlichen Variationen. Gewiß ist jedenfalls zweierlei: Erstens, daß Gin drin sein mußte und nicht zu knapp. Der wacholderige Kräuterschnaps entsprach vollkommen dem Bedürfnis der Briten, denen das „Raffles“ eine glanzvolle Bastion englischer Lebensart östlich von Dover war, Flüssigkeit zu sich zu nehmen und die mittels Gin genießbar zu machen. Zweitens muß der Sling den vielen Zelebritäten von Rudyard Kipling und William Somerset-Maugham bis hin zu Charles Chaplin, John Wayne und Ava Gardner gut gefallen haben, denn sie, allesamt Stammgäste im Raffles, beherzte Trinker und in den Bars der Welt zu Hause, verbreiteten die Kunde von diesem köstlichen Getränk.

Harry Craddock, der legendäre Barman des Londoner Kulthotels „Savoy“, war es schließlich, der dem Drink seinen Namen gab, ihn klassisch machte, sozusagen sakramental für alle Zeiten. In seinem elegant und stilrein im Art Deco gestalteten „Cocktail Book“ von 1930 hat er beide Sling-Varianten aufgeführt, den Straits Sling sowie den Singapore Sling. Letzteren mixte er als Salon-Variante (je ein Viertel Limonensaft und Gin werden mit zwei Viertel Cherry Brandy geschüttelt und mit Soda aufgefüllt), wohingegen der Straits Sling schon eher im Sinne des Erfinders beschaffen war: „Place in a shaker 4 glasses of Gin, 1 glass of Bénédictine, 1 glass of Cherry Brandy, the Juice of 2 Lemons, a teaspoonful of Angostura Bitters, and one of Orange Bitters – shake sufficiently, and serve in large glasses, filling up with Soda water.“

Cocktailbook CraddockDas Basisrezept ist klar erkennbar: Guter Gin soll sich mannhaft mit herbsüßlichem Kirschlikör sowie Bitter-Aromaten und einem frischen Fruchtsaft vermählen. Mittlerweile existieren rund um die Erdkugel derart viele Varianten von Singapore Sling, daß der Liebhaber einer herberen Rezeptur den Barkeeper zur Wahrheit hin führen muß. Charles Schumann von der gleichnamigen Bar in München stellt in seinem „American Bar“ betitelten Buch mit dem anspruchsvollen Untertitel „The Artistry of Mixing Drinks“ folgende Version vor: 2-3 cl Zitronensaft, 1cl Zuckersirup, 1 Barlöffel Puderzucker, 4 cl Gin, Soda, 1-2 cl Cherry Brandy, Stielkirsche: Im Shaker auf Eiswürfeln kräftig schütteln, in Longdrinkglas auf Eiswürfel abseihen, mit Soda auffüllen. Vorsichtig Cherry Brandy dazugießen, Stielkirsche dazugeben.

Franz Brandl, ein weiterer Großer unter den Mixologen, überrascht in seinem „Mix Guide“ mit gleich drei Rezepturen, die er „Singapore Sling“, „Raffles Sling“ und “Florida Sling“ betitelt – letzteren mixt er mit 8 cl Ananassaft (gegenüber 4 cl Gin), während er dem Raffles nur 4 cl Fruchtsaft zubilligt. Beide werden mit Kirsche nebst einem Stück Ananas dekoriert, der Raffles auch mit Soda aufgefüllt. Seinen Singapore hat Brandl näher am Straits Sling orientiert mit 4 cl Gin, 2 cl Cherry Brandy, 2 cl Zitronensaft, 1 cl Grenadine plus einem Spritzer Angostura sowie einigen Tropfen Bénédictine, aufgefüllt mit Soda und garniert mit Kirsche sowie einer halben Zitronenscheibe.

Bitte sehr, schön ist, was einem gefällt. Sehr gut trinkbar ist das private Rezept einer erfahrenen Mixologin, die 4 cl Gin mit 1 cl Cherry Brandy, 3 cl Limonensaft, 1 cl Grenadine und 1-2 Spritzer Angostura nebst einigen Tropfen Bénéctine auf klirrend kaltem Eis schüttelt – auf Cointreau und zumal Fruchtsäfte wird zugunsten eines herben Geschmacks verzichtet. Wie man seinen Cocktail anlegt, ob kurz oder lang, wild oder sanft, prächtig oder streng, mehr fruchtig oder eher hart, hängt allein vom persönlichen Geschmack ab und der aktuellen Stimmung. Es gibt simple Mischungen und raffinierte, heitere und dramatische. Der Phantasie sind beim Mixen also wenig Grenzen gesetzt, aber Hektik ist degoutant. Geschüttelt oder gerührt wird kräftig, doch kurz, denn der Cocktail soll ja nicht eingeschläfert, sondern erweckt werden. Und „shake the shaker, not yourself“, pflegte Craddock anzumerken, wenn ein Amateur meinte, die große Show inszenieren zu müssen. In jedem Fall soll der Cocktail schnell getrunken werden, nämlich solange er einen noch anlächelt.

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