Coole Sommerdrinks für laue Stunden

Es beginnt am späten Nachmittag mit einem sehnsuchtsvollen Geschmack im Mund, wie ein Verlangen nach Liebe. Gleich danach ist ganz klar: Ein eleganter Longdrink muss her, und zwar sofort. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, dieses Verlangen zu befriedigen: selber mixen oder mixen lassen. Letzteres führt in eine Bar, eine American Bar, um genau zu sein, also eine jener Kammerbühnen des Abendlebens, in dem einem die gute Laune das Glas führt und die zarten Stückerln zu Zweit gespielt werden. Bei ersterem, also dem Drink zu Hause, ist die Kreativität des Kompositeurs gefragt oder der Griff ins Archiv mit den Cocktailrezepten angeraten, und sind Freunde angesagt, ist der Longdrink auch gleich der Willkommenstrunk für die heilige Stunde des Aperitifs.

Wie der Drink angelegt wird, ob flippig, klassisch, modisch, nur in einer Farbe, bunt, mit oder ohne Alkohol, süß, trocken, schlicht oder raffiniert, das entscheidet die Stimmung. Wesentliche Utensilien sind: Schnäpse und Liköre, ein hohes Glas, gestoßenes Eis, in der Barsprache „Crushed ice“ genannt (ist keine spezielle Maschine im Haus, werden Eiswürfel in ein Tuch gewickelt und mit Hammer oder anderem harten Gegenstand klein geschlagen), Selters, Sekt oder Champagner zum Auffüllen. Und die edle Mixerin oder der edle Mixer bedenke, dass der erste Drink des Tages der wichtigste ist, denn er wischt den Alltagsstaub von der Seele und stellt die Weichen für das Kommende.

Kiss me quick

Ein Rezept aus dem Mixologist“, eingeleitet mit der Empfehlung: „Gebrauche ein Barglas. Man fülle das Glas zur Hälfte mit feinem Eis und füge hinzu:
1 Likörglas Absinthe
¼ Likörglas Angostura-Bitters
½ Likörglas Curacao
Mische mit einem Barlöffel, seihe es in ein Glas mittlerer Größe und fülle es auf mit Selterswasser.

MojitoEine Umfrage unter Barkeepern hat ergeben, dass exotische Longdrinks à la „Planter’s Punch“ oder „Pina Colada“, auch Tropicals genannt, immer noch hoch in der Gunst der Gäste stehen, speziell der weiblichen. Also bitte, beginnen wir gleich mit dem „Mojito“, Mochito gesprochen: Eine reife, ungespritzte Limone in Achtel teilen, in ein Glas geben und mit einem Stößel zerdrücken. Braunen Rohrzucker, ein, zwei Esslöffel nach persönlichem Geschmack nebst acht Minzeblättern dazugeben, auf den Limonen noch einmal etwas zerdrücken. Sechs Centiliter (cl) Rum (weiß oder braun nach Gusto) dazugießen, das Glas mit Crushed ice auffüllen, Soda beifügen, mit einem Minzezweig dekorieren und mit Trinkhalm servieren. Es muß nicht langmächtig belegt werden, dass der Mojito mit echtem karibischem Rum besser schmeckt als mit einem „Rum“, der nur so heißt und chemisch gepanscht ist.

Als Trendgetränk dieses Sommers gilt der "Old Cuban". Eigentlich ist das, weil mit Champagner angereichert, eine Art Luxus-Version des Mojito: 2 cl Limettensaft werden mit 3 cl Zuckersirup und sechs Minzeblättern in einem Becher kräftig angedrückt. Dieser Brei wird mit 5 cl dunklem und vor allem echtem karibischem Rum plus zwei Spritzern Angostura
aufgegossen. Zerstoßenes Eis nach Belieben dazu geben, schütteln und sofort, bevor das Eis zu Wasser wird - es soll ja nur kühlen! - in ein Glas oder Schale abseihen und mit Champagner auffüllen. Der Drink, kreiert von Audrey Saunders im New Yorker Pegu-Club, ist zwar schon zehn Jahre alt, schmeckt aber immer noch lecker und ist erfrischend.

Cocktailbook CraddockEin knapp 70jähriger Klassiker, erfunden in San Francisco von Victor Jules Bergeron, besser bekannt unter seinem Spitznamen Traders Vic, ist der "Mai Tai". Zwar machte ihm Don the Beachcomber die Urheberschaft mit dem Verweis streitig, in seiner Bar bereits Jahre davor den Mai Tai kreiert zu haben, damals "Mai Tai Swizzle" genannt. Aber die beiden Kontrahenten haben sich außergerichtlich geeinigt. Das historische Rezept sah folgende Mixtur vor: 6 cl alter Jamaika Rum sind mit 1,5 cl Curaçao Orange, 0,75 cl Orgeat (ein milchig-trüber Sirup mit Mandelaroma), 0,75 cl Zuckersirup und 2 cl frisch gepresstem Limettensaft mit Eiswürfel geschüttelt, in ein Glas mit zerstoßenem Eis abgeseiht und mit einem Zweig Minze garniert worden. Moderne Varianten enthalten in der Regel viel tropischen Obstsaft.

Ein international rezeptierter Sommerdrink, also einer, der in Wien so schmecken muß wie in München, Madrid oder Tokio, ist der „Caruso“: je ein Drittel Gin, Noilly Prat und Crème de Menthe (grün) mit reichlich Eis im Shaker kurz und herrisch schütteln und abseihen – ein Drink für jede Tageszeit. Pur oder on the rocks läßt sich der „Derby New Fashion“ servieren: vier cl Gin, ein cl Crème de Menthe (grün) werden plus einem Spritzer Blue Curacao ordentlich geschüttelt, ins Glas geseiht und mit einem Minzeblatt garniert. Ebenso ästhetisch wie raffiniert ist die Champagner-Rose: zwei cl Rosensirup mit einem cl chinesischen Rosenschnaps auf Eis im Rührglas mischen, in ein kelchförmiges Glas abseihen, mit Champagner auffüllen und mit frisch gepflückten Blättern einer Freilandrose schmücken!

Mai TaiAus Irland stammt der „Parrot“. Das ist ein Teil Pernod, gemischt mit fünf Teilen Eiswasser und angehübscht mit einigen Tropfen Minzlikör. Als „Appetiser“ vor dem Essen empfiehlt sich ein Cocktail aus einem Spritzer Anis plus je 2,5 cl Noilly Prat sowie Gin, zubereitet im Shaker und serviert mit etwas Zitronenschale. „Shaken“ heißt übrigens, dass die Zutaten auf Eis kurz und kräftig in einem geschlossenen Becher, eben dem „Shaker“, geschüttelt werden. Wer keinen Shaker zur Hand hat, kann auch ein leeres Gurkenglas mit Deckel verwenden, wichtig ist nur, dass bei der Prozedur, deren Funktion das Mischen und Kühlen der Ingredienzien ist, die Parole von Harry Craddock beherzigt wird, der in den Zwanzigern im Londoner “Savoy“ der swingenden Gesellschaft die Cocktails servierte: „Schüttle den Becher, nicht dich selbst.“

Zu den weltweit populärsten tropischen Longdrinks gehört übrigens der „Cuba Libre“ (sechs cl weißen Rum in ein Glas über Eiswürfel gießen, darüber eine geviertelte Limone auspressen, mit Coca Cola auffüllen und kurz verrühren). Brasilianisch ist der „Caipirinha“: Eine Limette achteln und im Glas mit Rohrzucker (weiß oder braun) zerstampfen. In Bars, wo Schlamper hinter dem Tresen stehen, wird anstelle des körnigen Rohrzuckers oft Zuckersirup aus der Flasche genommen. Das ist eine Schande, denn der Drink bekommt nur dann sein apartes Aroma, wenn durch das Zerstampfen der rauen Zuckerkörner auf den Limetten die in der Haut sitzenden ätherischen Öle freigesetzt werden. Wenn sich Saft, Fruchtfleisch, Schalen und Zucker gut vermengt haben, cirka fünf cl Cachaca (Zuckerrohrschnaps) dazugeben, kräftig umrühren, das Glas mit Crushed ice auffüllen, nochmals umrühren und mit dicken Trinkhalmen anbieten.

Eine gloriose Wiederkehr feiert der “Tom Collins“: fünf cl Gin (sehr gut sind beispielsweise der „Sapphire“ von „Bombay‘s“, Hendricks, Tanqueray, besonders edel ist der leicht bläulich-türkis schimmernde London N° 1), drei cl frisch gepressten Zitronensaft, einen halben Esslöffel Puderzucker mit Eiswürfeln im Shaker gut schütteln, auf Eis in ein Glas seihen, mit Soda auffüllen, nach Belieben mit einer Zitronenscheibe garnieren. Delikat schmeckt der auf Gin-Basis gerührte "Gimlet": 4 cl Gin werden mit 2 cl Limettensirup (wie z.B. Rose`s Lime Juice) vermischt und mit einer Scheibe Limette garniert. Von Craddock, dem weltberühmten Barman, stammt der „Apricot Cooler“: Saft einer halben Zitrone mit zwei Spritzern Grenadine und einem Likörglas Apricot Brandy gut schütteln, in ein hohes Glas seihen und mit Soda auffüllen.

Cocktails Mixologist derBestrickend altmodisch und immerwährend erfrischend ist der “Pimm’s No 1 Cup“: In ein großes Glas oder Krügel einige Eiswürfel geben, dazu fünf cl Pimm’s, je eine Scheibe Zitrone sowie Orange und eine spiralig geschnittene Gurke (ersatzweise eine Apfelspalte). Mit Ginger Ale randvoll auffüllen – sieht fröhlich aus und schmeckt auch so. Spanisch angehaucht ist der “Miß Sungaree“: fünf cl trockenen Sherry (kann ein Fino ebenso sein wie ein besonders herber Manzanilla oder üppigerer Oloroso; beste Qualität garantiert Emilio Lustau) mit zwei Teelöffel Zucker in ein Glas über Crushed ice geben, mit Selters auffüllen, umrühren, etwas Muskat darüber reiben und sofort trinken. Herrliche Sommerdrinks lassen sich mit Holundersirup zubereiten: vier cl mit zwei cl frisch gepresstem Zitronensaft und vier cl trockenem Weißwein mit Eiswürfeln im Glas kurz verrühren und mit Schäumendem auffüllen, entweder Prosecco, Sekt oder Champagner. Schlicht „Bismarck“ nannte Harry Schraemli, ein Oberguru der Cocktailzunft, die in einem hohen Sektkelch servierte Melange aus dunklem Bier mit Champagner. Diese Mischung ist regional auch als „Herrengedeck“ geläufig, Engländer sowie Iren trinken sie zu Austern.

Noch ein bißchen ein Geheimtipp ist der „White Port Special“, ein unkomplizierter und dabei köstlicher Drink auf der Basis von trockenem weißen Portwein: Port mit einem kräftigen Schuss Zitronensaft auf Crushed ice verrühren und mit Selters oder Champagner auffüllen. Das Mischungsverhältnis ist eine Frage des Temperaments; halbehalbe Port und Selters ist keine schlechte Relation. Der Drink kann mit einer dunklen Beerenfrucht garniert werden - wie Brombeere, Erdbeere etc. Überraschte Oh-Laute sind garantiert, wenn in die Eiswürfel frische Rosenblüten eingefroren sind, die im Glas auftauen, das Auge erfreuen, auch duften und vernascht werden können.

Wie solche coolen Drinks, seien sie klassisch oder avantgardistisch angelegt, schrill oder einfach inszeniert, getrunken werden sollen, das hat Harry Craddock, der legendäre Savoy-Barchef, gesagt: “Schnell, solange sie dich anlächeln.“

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