Tee: Adventskalender mit 24 raren Köstlichkeiten

Es klingt wie eine rustikale Sinfonie, wenn Rainer Schmidt mit einem unheimlich lauten Schlürfer jeden Schluck Tee aufsaugt, daran kurz und herrisch, doch sichtlich konzentriert herumschmatzt und gleich wieder ausspuckt. Eine feine Five o’clock-Gesellschaft würde es bei diesen gurgelnden Sauggeräuschen, wie sie einem nach Luft japsenden Ferrari gleichen, aus den Sesseln heben, doch Schmidt hat nicht etwa schlechte Manieren. Beim Verkosten der diversen Tees zieht der Händler - wie Winzer beim Wein - möglichst viel Luft in die Geschmacksnerven, weil diese Sauerstoffdusche die Entwicklung der Aromen fördert. Der Mann ist ein Gerechter des Tees und als sein eigener Tea-Taster röntgt er sozusagen jeden Schluck geschmacklich, bevor er die Sorte in sein Programm aufnimmt.

An solchen Testtagen verkostet Schmidt bis zu 300 und mehr Muster aus aller Welt. Leicht vornübergebeugt steht er am Tresen, auf dem die teegefüllten Tassen soldatengleich in schnurgerader Linie aufgereiht sind. Nichts scheint ihn ablenken zu können. Erst wird die Farbe geprüft, dann mit hohem sittlichem Ernst an den prall aufgegangenen Teeblättern gerochen, die nach international gültigem Comment exakt fünf Minuten lang gezogen haben. Bei der einen Tasse legt sich sein Gesicht traurig in Falten. Der Tee schmeckt disharmonisch, er ist vielleicht zu bitter, dumpf, holzig, gar moderig, also wird er aussortiert, nichts für seinen „Hanse-Teehandel“. Doch plötzlich hellt sich die Miene des Tee-Mannes auf, seine Augen strahlen, er hat eine Spitzenqualität entdeckt, schwärmt von einem feinen Aromengewebe aus Rosen, Strauchblüten und Akazienhonig, rühmt er die grazile Geschmacksstruktur.

TeeAdvent17

Genau 24 solcher exquisiten Tees hat Rainer Schmidt für seinen Gourmet-Tee-Adventskalender ausgesucht: die Kostbarkeiten reichen vom Assam Halimari, einem der feinsten Assam-Tees der Saison (wunderbar malzig mit Noten von Honig und Orangenzesten), und einem Bio-Korean Woojeon (grün, finessig, langes Blatt) bis hin zu einem hocharomatischen Himalaya Earl Grey (Second-flush-Tee aus Darjeeling, aromatisiert mit echtem Bergamotte-Öl). Ein Beutel enthält einen edlen Oolong aus Formosa (mild, blumig, bittert nicht), ein anderer einen raren gelben Bio-Tee namens Huang Shan Man Feng aus China. Edle Aromen birgt der Bio-Frühlings white Shangri–La aus Nepal, inzwischen eine gesuchte Rarität ist der Darjeeling First Flush Teesta Valley (frisch, floral, herzhaft).
Jedes der 24 Päckchen enthält Tee für ungefähr acht Tassen, der apart gebundene Kalender kostet um die 68 Euro (zu beziehen bei Hanse-Teehandel: www.teeverkostungen.de).

Die Auswahl zeigt ebenso exemplarisch wie beeindruckend, daß Tee eben nicht gleich Tee ist. Tatsächlich sind die Unterschiede in Stil und Qualität, in Duft und Geschmack riesengroß, vergleichbar mit Wein vom simplen Bauerntrunk bis zum Grand Cru. Ein Earl Grey kann ein grober Lackl sein, zusammengemixt aus Billigtees und künstlich parfümiert. Noblesse hat er, wenn die Zutaten hochwertig sind, vielleicht eine Komposition aus feinblumigem Darjeeling, malzigem Assam, zitrusartigem Ceylon plus ein bißchen Jasmin, einem Hauch rauchigem Lapsong Souchong und etwas chinesischem Keemun. Und das charakteristische Aroma soll nicht aus der Chemie stammen, sondern das echte Öl der Bergamotte sein, einer birnenförmigen, goldgelben Zitrusfrucht, aus deren Schalen der herbwürzige Extrakt gewonnen wird. Solch ein Earl Grey ist eine Köstlichkeit, passend zu exotischen Speisen und ganz besonders zur Melancholie des Herbstes.

An nebligen Tagen mag die malzige Würze eines Assam passen oder ein halbgrüner Oolong mit seinem aparten Aroma nach Pfirsich nebst einem Hauch von Vanille. Fühlt man sich in Harmonie mit der Welt, wird ein Second flush aus Darjeeling, der rotgolden schimmert und in der Tasse leuchtet wie ein schöner Sonnenaufgang, mit seiner reich nuancierten Aromatik der rechte Partner sein. Und nie verkehrt ist ein Grüntee, je nach Herkunft und Qualität duftend nach Blüten, Honig, Limone und Steinobst, zuweilen auch zart wie Gewürze, Kräuter und grüne Mandeln. Jasmintee, der mit naturidentischen Aromen, also künstlich parfümiert wurde, verfügt niemals über die Delikatesse eines grünen Tees, der durch echte Jasminblüten sein zartes Flavour erhält. Und sogenannter Lagen- oder Gartentee, handgepflückt und in ganzen Blättern besonders sorgsam behandelt, wird mehr Charakter und Rasse haben als Billigmischungen. Letzteres ist Tee-Konfektion, ersteres mit der Haute Couture zu vergleichen.

Es gibt nun mal Massenware und Auslesequalität. Wirklich erstklassige Tees sind zur Rarität geworden und entsprechend teuer. Traurige Marktrealität ist, daß viele der von Importeuren und Händlern so blumig angepriesenen Sorten nur fade Aufgüsse sind. Das liegt zum einen an stark gestiegenen Preisen für erstklassige Ware und, damit korrespondierend, an der geringen Bereitschaft der Konsumenten, für feine Tees auch mehr zu bezahlen. Wie Wein ist Tee eine Vertrauenssache, aber von weit mehr Geheimnissen umgeben und schwieriger zu verstehen. Es fällt leichter, sich in der Weinwelt zurechtzufinden als guten von schlechtem Tee zu unterscheiden. Nur wenige Teetrinker genießen bewußt und kritisch, es mangelt an Erfahrung und somit an präzisem Urteilsvermögen. Selbst Frauen und Männer von ansonsten gepflegter Lebensart zeigen beim Tee deutliche Blößen und begnügen sich mit Mittelmaß, greifen sie zum nächstbesten Beutel mit irgendeinem Tee – und das Unheil nimmt seinen Lauf. Wer das tut, wird nie das Genie eines feinen Tees begreifen. Schutz vor Enttäuschungen bietet nur ein seriöser Händler.

Für jeden Anlaß, für jede Stimmung lässt sich ein spezieller Tee aufbrühen. Es gibt Frühstückstees und Abendtees. Der eine passt zu Sonnenstunden, ein anderer zu Nebel und Regen, den einen trinkt man bei der Arbeit, den anderen in Muße, doch eines gilt universal: Guter Tee ist wie Champagner ohne Alkohol! Darüber hinaus ist Tee ein reizvoller Begleiter vieler Speisen. Kräftiger Assam harmoniert mit Hartkäse (speziell altem Bauerngouda und Bergkäse). Der rauchige Lapsong-Souchong trinkt sich bestens zu Emmentaler, Schinken, Räucherlachs und Gerichten der feurigen Tex-Mex-Küche, während Grüntees (inklusive Jasmin) ideale Partner der würzig-pikanten asiatischen Küche sind. Cremige Torten gewinnen an Leichtigkeit durch einen Darjeeling. Ein schwarzer Ceylon oder der wunderbar cremige Keemun schmecken zu fein marinierten Sülzen sowie Salaten. Und Gaumenwonnen vermittelt ein Teeparfait mit Dörrpflaumen, flankiert von einem mit Kandis subtil gesüßtem Assam.

Jedenfalls ist Tee als Stimulans jederzeit willkommen. Zwei, drei Tassen starken Tees, ob schwarz oder grün, haben durchaus eine affektreinigende Wirkung. Notorische Teefexe können das bezeugen. Eine ganze Kanne macht dich angenehm high, hochsensibel und fähig, die Einstein’sche Relativitätstheorie spontan zu begreifen. Tee ist nun mal eine wunderbare Droge für den Geist. Tests haben ergeben, daß Mathematiker mit Tee schneller Aufgaben lösen als nach Kaffee. Tee schärft nicht nur die Sinne, er beflügelt auch die Phantasie, animiert zu kühnen Gedanken abseits unserer Alltagswelt und beschert Schluck für Schluck immer wieder neuen Genuß. Außerdem ist Tee ein wahrer Jungbrunnen; Wissenschaftler entdecken immer wieder neue Tugenden zum Frommen unserer Gesundheit. Tee soll Cholesterin abbauen, die Verdauung fördern, das Infarktrisiko senken, Karies vorbeugen, krebshemmend wirken und noch einiges mehr.

Von der leisen Kraft und wärmenden Schönheit einer Tasse Tee zum Tagesbeginn zeugt der von Cecil Rhodes nacherzählte Dialog, der sich morgens in einem englischen Landschloß zwischen Diener und Gast entspann: „Good morning Sir, Tee, Kaffee oder Schokolade?“ – „Tee bitte.“ – „Indischen, Ceylon oder chinesischen, Sir?“ – „Indischen bitte.“ – „Mit Zitrone, Rahm oder Milch, Sir?“ – Der Gast, noch verschlafen und leicht unduldsam werdend mit knorriger Stimme: „Milch!“ – Worauf sich der Butler ungerührt nach der Rinderrasse erkundigt: „Jersey, Hereford oder Shorthorn, Sir?“ Diese Zeiten sind passé. Sie waren spleenig, liebenswert und stilvoll bis hinein ins Detail. Wenn Queen Elizabeth sich nachmittags den Teewagen ins Arbeitszimmer rollen läßt, der Butler den Darjeeling einem kostbaren, holzintarsierten teacaddy entnimmt und die Milch dem geliebten Kännchen in der Form einer silbernen Kuh, einem Erbstück seit Generationen, dann ist das Kultur, faxenlos genossen aus feinem Crown-Derby-Porzellan.

Tatsächlich gibt es kein größeres Mißverständnis als die Annahme, Tee müsse zelebriert werden. Es bedarf keines Tamtams, weder poetischer Sprüche noch graziler Gesten, um einen Tee gut in die Tasse zu bringen. Außer Wasser, das möglichst weich sein soll, damit sich die feinen Aromen eines eleganten Darjeelings, blumigen Jasmins, malzigen Assams oder nach Honig und exotischen Früchten duftenden Grüntees auch richtig entfalten können, benötigt man nur Tee, notabene den möglichst besten in seiner Klasse. Und hier beginnt, zumal für den Tee-Eleven, die Crux, nämlich die Schwierigkeit, unter den Tausenden von Teesorten, die der Handel feilbietet und phantasiereich beschreibt, wirklich die Spitzentees herauszufinden. Das ist – wie die Kunst, für jeden Anlaß den genau passenden Tee auszusuchen - , ein modernes Abenteuer, das man Teekultur nennt.

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