Aroma-Tees: für Puristen eine abscheuliche Mode, außer Earl Grey und Jasmin

Noch bevor das heiße Wasser auf den Tee trifft, steigt aus der feinen Porzellantasse ein raffinierter Duft von würziger Süße hoch, ergänzt um sanfte vanillige Töne nebst einem Hauch von Karamell, etwas Gewürzen sowie dunklem Honig und einer erfrischenden Zitrus-Note. Das Auge hat sich bereits an der goldgelben Farbe mit dem Rosa-Schimmer erfreut. Das köstliche, Genuß verheißende Aroma entströmt einem Earl Grey, einem fein mit dem Öl der Bergamotte parfümierten Schwarztee aus Darjeeling von würziger Aromatik, samtiger Textur und zarter Süße. Das ist ein Tee, der kühlen Frühlingstagen etwas sonnengleiche Wärme zu geben vermag - und das rechte Getränk für melancholisch durchwobene Stunden.

Tee Earl_Grey_DarjeelingEarl Grey: die graue Eminenz des Tees

Es ist Lust und Last, über den Tee namens Earl Grey zu schreiben. Last, weil schätzungsweise 99 Prozent aller öffentlich servierten Earl Greys grobe Lackl sind, nämlich Blend genannte Mischungen aus Billigtees, die im Schnellverfahren mit dem chemisch hergestellten Aroma der Bergamotte parfümiert werden. Solcherart fabrizierter Earl Grey duftet nicht, er riecht nur. Das ist die leider unvermeidliche Grausamkeit beim Thema Earl Grey, dieser grauen Eminenz unter den Tees. Lust löst hingegen ein nach klassischer Methode hergestellter Earl Grey aus, was heißt: hochwertige Tees sind die Basis, angereichert mit dem Öl der echten Bergamotte (Citrus bergamia), deren einmaliges Aroma über geradezu herrische Intensität verfügt.

Noblesse hat ein Earl Grey, der beispielsweise kunstvoll wie eine Sauce mit folgenden Zutaten komponiert wird: aus feinblumigem Darjeeling, malzigem Assam, zitrusartigem Ceylon plus ein bißchen Jasmin nebst einem Hauch rauchigem Lapsong Souchong und etwas chinesischem Keemun. Und das charakteristische zitrusartige Aroma stammt nicht aus dem Laboratorium, sondern ist die Mitgift der Bergamotte, einer birnenförmigen, goldgelben Zitrusfrucht, aus deren Schalen der herbwürzige Extrakt gewonnen wird. Zu Hause ist die Bergamotte vor allem im süditalienischen Kalabrien. Solch ein Earl Grey ist eine Köstlichkeit und ein veritabler Partner bei Tisch zu würzigen Speisen wie auch jenen der asiatischen Küche.

Rainer Schmidt komponiert regelmäßig Earl Grey-Tees, darunter auch Raritäten aus grünem Tee zu Preisen zwischen fünf und zwölf Euro pro 100 Gramm. Er garantiert, daß die biologischen Tees für den Earl Grey am Versandtag frisch mit dem natürlichen Öl der Bergamotte getränkt werden.

Hanse-Tee, Dorfstraße 41, D-23857 Stexwig, www.teeverkostungen.com


Der wahre Teefreund, also der Kenner und Liebhaber feiner und feinster Sorten, mißbilligt sogenannte aromatisierte Tees, die mit fremden Aromen fabriziert werden, gleich ob synthetisch im Labor hergestellt oder natürlichen Ursprungs. Nur zwei Ausnahmen lassen diese Puristen freudig gelten: einen mit natürlichem Bergamotte-Öl geschaffenen Earl Grey und den mit Jasminblüten parfümierten Tee. Die geradezu explosiv zunehmenden Aroma-Tees, zumeist Mischungen billiger Basistees mit obskuren Anklängen an Kuchen, Limonaden und Kaffee, ja sogar an Saucen, Puddings und Hustenbonbons, werden hingegen verachtet. Ja, nichts, nicht einmal der Gebrauch der putzigen, gleichwohl überflüssigen Tee-Eier scheidet die Teetrinker schärfer als die Glaubensfrage: Wie hältst du es mit aromatisiertem Tee?!

Bergamotte FruchtEine klare Meinung hat Henrietta Lovell, die mit Tee-Raritäten handelnde Britin (www.rareteacompany.com), die unverblümt konstatiert: „Tee hat so unglaublich viele eigene Aromen, mancher schmeckt nach Maronen, ein anderer nach getrockneten Aprikosen, nach Malz oder Schokolade. Und was mich wirklich aufregt: Wenn Zucker in Form von kandierten Früchten zugegeben wird, aber nicht auf der Zutatenliste aufscheint, sondern nur als Frucht angegeben wird. In manchen Mischungen ist Zucker nach Tee die zweitbestimmende Zutat. Das ist absurd. Und dann: chemisches Erdbeeraroma, chemisches Vanillearoma. Lauter Aromen, die nichts mit Tee zu tun haben!“ Sie verurteilt solche Aroma-Tees als pervers, zumal sie weiß, daß wohl 98 Prozent aller aromatisierten Sorten aus billigsten Tees zubereitet werden.

In die gleiche Kerbe wider aromatisierte Tees schlägt Flora Jumeau Lafond, Chefin im renommierten Pariser Teehaus Dammann: „Viele Tees in Deutschland, die übrigens fast alle im Hamburger Hafen entstehen, wirken zugedröhnt, aufdringlich, billig. Welcher Grundtee für die Kompositionen verwendet wird, ist oft egal, weil das Aroma ohnehin darüberfährt und alles zudeckt.“ Auch Rainer Schmidt, der hanseatische Teehändler und einer der wenigen, wenn nicht der einzige Teemann, der in Deutschland wirklich hochwertigen Earl Grey komponiert, ist alles andere als entzückt, spricht man ihn auf Aroma-Tees an. Mittlerweile, so staunt dieser Gerechte des Tees, „gibt es über 100 verschiedene Aromen, die in Tees gespritzt werden. Es kommen Blüten und Blätter oder Schalen hinzu, getrocknete Fruchtstücke und neuerdings sogar Borkenschokolade oder Bonbons, die nahezu allesamt nur der Optik sowie dem Duft dienen“.

Ein Angebot für einen Earl Grey superior:

Für die Leser der „Feinschmeckerey“ hält Rainer Schmidt exklusiv einen Earl Grey der Sonderklasse bereit - unter der Voraussetzung, daß insgesamt mindestens drei Kilo an Bestellungen eingehen. Sollte dies der Fall sein, würde er frisch einen klassischen Earl Grey mit besonders feinen Tees komponieren, bestehend aus 1st flush Darjeeling, Assam, Keemun, Lapsang Souchong, Jasmintee, Ceylon und etwas Assam sowie einem Touch Grüntee.

Schmidt: „Ich werde Löschblattpapier mit dem Bergamotteöl befeuchten und die Teesorten darauf verteilen. Morgens, mittags und abends werde ich das Löschblatt jedes Mal wieder mit frischem Bergamotteöl beträufeln und die Tees durchmischen – dies sieben Tage lang, bis der Tee das Aroma aufgenommen hat. Man wird das Blumige des Darjeelings schmecken, das Würzige des Assams, die nussige Milde des Keemuns, gelegentlich einmal einen Hauch Lapsang Souchong oder Jasmintee, immer dezent im Hintergrund begleitet vom Duft des Bergamotteöls. Das ist ein Wahnsinnsaufwand, aber ich würde das für die Leser der ‚Feinschmeckerey’ machen.“

Der Preis: 100 g € 17,50, 250g € 41,60, 500 g € 79,20, 1 kg € 150 frei Haus Deutschland,
€ 155 frei Haus Österreich/Schweiz/Lichtenstein. Hanse-Tee, Dorfstraße 41, D-23857 Stexwig,

www.teeverkostungen.com, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Weiter im Originalton Schmidt: „Bei der Durchsicht von Katalogen, beim Betrachten der Fenster der Teegeschäfte, aber auch in der Gastronomie stelle ich fest, dass die Anzahl der aromatisierten Teesorten zunimmt. Man erfindet neue Bezeichnungen, man mischt Dinge zusammen, die normalerweise überhaupt nicht zusammen passen und in ihrer Kombination schon gar nicht schmecken, aber man gibt ihnen wohlklingende Namen und spritzt, um die Mixtur abzurunden, dann noch ein Aroma hinzu, hin und wieder ein natürliches, meist allerdings ein naturidentisches. Optik einerseits, ein exotischer Duft andererseits - und schon ist der Kunde zufrieden, nur: qualitativ hochwertiger Tee, insbesondere Tee ausgesuchter Provenienz, benötigt kein zusätzliches Aroma!

In meiner langen Tätigkeit im Teehandel habe ich es nicht erlebt, dass man einen Tee wirklich durch das Mischen verbessert. Besonders schlimm sind aromatisierte Tees in den Beuteln –wird mir so etwas angeboten, wechsle ich lieber zum Kaffee. Aber die Industrie ist recht erfinderisch, Sorten wie ‚Ich fühle mich wohl’, ‚Seelenbalance’ oder ähnliche suggestiv wirkende Titel beinhalten mittlerweile auch Kräuter wie Pfefferminze oder Zitronenverbene. Diese geben dem Getränk natürlich eine neue Geschmacksrichtung, haben jedoch nichts mit unverfälschtem Teegenuss zu tun. Auf Weinmessen erlebe ich immer wieder, wie Teilnehmer die Herkunft des Weines hinterfragen, die Qualitäten aussuchen, probieren, verkosten, beschnuppern, prüfen und sich dann ein Bild machen. Viele dieser Besucher kaufen dann auch ‚100 g Tee – möglichst nicht teuer als € .4,00’. Denen ist leider völlig egal, wo der Tee herkommt, wann er geerntet wurde, aus welchem Jahr er stammt, ob und welche Eigenschaften er besitzt.“

Tee der_Woche_Jade_JasminJasmintee: die duftige Finesse

Nach der Ernte werden die getrockneten Blätter vorzugsweise grüner Sorten mehrfach mit frisch geernteten Jasminblüten bedeckt, bis der wunderbare Duft in den Tee eingedrungen ist. So sieht das Ideal aus. Das Gros der im Handel angebotenen Jasmintees wird freilich mit weit geringerem Aufwand hergestellt, nämlich dergestalt, daß der begehrte Jasminduft den Tees – überwiegend Billigware - kurzerhand mittels künstlich produzierter Aromen injiziert wird. Zur Täuschung des Verbrauchers werden den Tees gerne und infamerweise weiße Blütenreste beigemischt, um Echtheit vorzugaukeln. Tatsache ist allerdings, daß Jasminblüten rasch ihre Duftkraft verlieren – schon cirka 27 Stunden nach der Ernte haben sie ihr Potenzial eingebüßt und sind sozusagen geschmacksneutral geworden.

Rainer Schmidt bietet originale Jasmintees an wie beispielsweise: China Jade Jasmin Pi Lo Chun weißer Tee (50 Gramm für € 12,90); China King of Yunnan, weißer Jasmintee (50 Gramm für € 7,50); China Jade Jasmin Dragon Pearls (50 Gramm für € 8,80). Hanse-Tee, Dorfstraße 41, D-23857 Stexwig,

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