Sieben Frühlingstees aus China: wie Champagner ohne Alkohol

Es gleicht einem prächtigen Schauspiel, wenn Rainer Schmidt in Ausübung seines Berufes den Tee irgendwie mehr inhaliert als trinkt. Er ist Händler und Tea-taster in einer Person, und wenn er in seinem hanseatischen Kontor die Muster probiert, die ihm Agenten aus der Teewelt rund um den Globus zuschicken, klingt es wie eine rustikale Sinfonie vom Lande. Der gewaltige Schmatz, mit dem Schmidt jeden Schluck in sich hineinzieht, ist mit schlürfen noch gnädig beschrieben; eher hören sich die Sauggeräusche, mit denen der Tea-taster jeden Schluck Tee aufsaugt, daran kurz und herrisch, doch sichtlich konzentriert herumschmatzt und gleich wieder zielsicher in einen Kupferbehälter ausspuckt, nach einem Luft japsenden Ferrari an, der vom fünften auf den vierten Gang herunter geschaltet wird.

F Tee_SchmidtEine feine Five o’clock-Gesellschaft würde es bei diesen gurgelnden Schlürfarien aus den Sesseln heben, doch Schmidt hat nicht etwa schlechte Manieren. Der Mann zieht beim Verkosten der diversen Tees - wie Winzer beim Wein - möglichst viel Luft ein, weil diese Sauerstoffdusche die Entwicklung der Aromen fördert. Der Tee öffnet sich und gelangt gleichzeitig auf alle jene Nervenzellen von Zunge und Gaumen, die für die geschmackliche Analyse zwischen süß, sauer, salzig und bitter verantwortlich sind. Das versetzt Rainer Schmidt in die Lage, jeden Tee im Detail zu verkosten, ihn sozusagen Schluck für Schluck sensorisch zu röntgen. Zuvor hat er bereits die Farbe, die Struktur und den Duft des Tees begutachtet. Von seinem Urteil hängt es schließlich ab, welche Tees eingekauft werden.

Dieses Mal hat Schmidt eine kleine Kollektion hochwertiger grüner und schwarzer Tees gekauft, ohne sie vorher getestet zu haben. Warum diese Ausnahme? Originalton Rainer Schmidt: „Diese Tees werden fast nie exportiert, da wir hier immer erst die Muster sehen und prüfen wollen und wenn dann unser Ergebnis feststeht, sind die Tees schon weg. Ich habe in diesem Jahr einem chinesischen Geschäftspartner, den ich schon recht lange kenne, mein Okay für einige Tees vorab gegeben – ohne zu probieren, ohne Analyse, ohne das übliche Brimborium.“ Das Vertrauen hat sich gelohnt, denn die Tees aus der Frühlingsernte sind in der Regel sofort vergriffen – und Liebhaber in China, Hongkong, Macao, Japan und Singapur bezahlen dafür horrend anmutende Preise von 1 000 US-Dollar und mehr pro Kilo wie für den Westlake Spring Lung Ching.

Parade feiner Tees:

Tee Golden BudsWestlake Spring Lung Ching, geerntet in der ersten Aprilwoche in Zhesiang am Westlake, also eine grüne First flush-Pflückung. Der Tee hat einen seidigen Glanz von hellgelber Farbe mit leichtem Aprikot-Schimmer. Schon der erste Nasenzug kündet von einer außergewöhnlichen Finesse. Das Bukett vereint, so widersprüchlich das klingen mag, puristische Klarheit mit hedonistischer Vielschichtigkeit; es findet sich ein Aromen-Mix aus Strauchblüten, Mandeln und Malzhonig nebst ein wenig Zuckerschoten, Vanille und einem Hauch von weißer Schokolade. Auch geschmacklich besticht der Tee durch Dichte und Tiefe, aber um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: nichts ist laut, alles fein geflochten, ja ziseliert von der weichen Fülle bis zum zartherb durchwobenen Nachklang. Das ist Frühlingspoesie in der Tasse, ein Tee für den Kenner und Liebhaber. 100 Gramm kosten Euro 29,50.

Spring An Hua Song Zhen, geerntet in der ersten Aprilwoche in den Huabergen Hunans, auch ein echter grüner First flush mit feinen grünen Nadeln. Die Farbe: helles Grün. Das Bukett ist komplex und verheißungsvoll mit Noten von Südfrüchten à la Maracuja und Passionsfrucht, ergänzt um Weinbergspfirsich, etwas Zuckererbsen und Süßholz sowie einem erfrischenden Hauch von Limonenzesten. Kraftvoll am Gaumen, dicht gewoben mit zartwürzigem Hintergrund und einer herbsüßlichen, an Nektar erinnernden Note im langen Nachklang. 100 Gramm kosten Euro 18,80.

White Moon Pai Mu Tan, geerntet in der letzten Märzwoche in Yunnan, ein weißer First flush. Der Tee schimmert in hellem Orange. Große Blätter. Duftig mit süßlichem Anklang, erinnert an Honig und braunen Rohrzucker neben Nuß, ein wenig Süßholz und einem Hauch von weißer Schokolade. Geschmacklich besticht dieser weiße Tee durch seine sanft-herbe Finesse, er hat Länge, bleibt rund und weich mit Tönen von weißer Schokolade nebst einer erfrischenden Zitrusnote. 100 Gramm kosten Euro 13,80.

Green Curl, geerntet in der ersten Aprilwoche in Yunnan, ein grüner First flush. Helles Gelbgrün. Große Nadeln mit schönem Grün, einige mit bronzenem Einschlag. Gewürzige Aromatik mit Noten von Koriander, Kardamom und Vanille. Kraftvoller Tee, füllige Geschmeidigkeit. Anhaltend, mit zarter Süße im Sinne von Honigmalz. Ein Tee für den ganzen Tag. 100 Gramm kosten Euro 10,50.

China golden Jin Jun Mei, geerntet in der ersten Aprilwoche in den Wu Yi –Bergen Fujians. Einer der feinsten chinesischen Schwarztees. Er schimmert mahagonifarben, die Blätter sind von dunkler Bronze. Im ersten Anklang dominiert eine sanfte Malzsüße, gefolgt von etwas Kakao, Vanille und einem Hauch von Apfelgelee. Kraftvoll im Geschmack, geradezu opulent. Auch am Gaumen ist das Blockmalz dominant, der Tee verharrt lange. Intensive Aromatik, universal geeignet fürs Frühstück sowie als Abendbrot-Tee mit Leberwurst, Schinken, Käse, Krustentieren, Räucherlachs und Forelle Müllerin. 100 Gramm kosten Euro 18,80.

Golden Spring Buds, geerntet in der der letzten Märzwoche in Yunnan, ein schwarzer First flush. Mittelgroße, breite Nadeln, bronzefarben – der Tee glänzt in Walnußbraun. Das Bukett ist ein süßlich-fruchtiges Bündel mit Tönen von Akazienhonig und reifer Banane. Er füllt den Gaumen, ja lullt ihn geradezu ein. Bleibt mild bis in den langen Abgang hinein ohne die Spur einer Bitternote. Rainer Schmidt schwärmt in hanseatischer Kürze: „mild, süß, malzig - ein Genuß.“ Das ist ein Schwarztee, an dem auch notorische Kaffeetrinker ihren Gefallen haben. 100 Gramm kosten Euro 29,50.

Golden Pi Lo Chun Black Curl, geerntet in der ersten Aprilwoche in Yunnan, ein schwarzer First flush. Sehr dunkles Mahagoni. Lange Blätter, bronziert. Vielschichtiges Aroma, süßlich-gewürzig mit Noten von Honig, eingelegten schwarzen Nüssen, Vanille und einer frischen Zitrusnote à la Limonenblätter. Kräftig im Geschmack mit dichter Aromatik nach dunkler Schokolade und Nuß. Mild, weich vom ersten Schluck bis zum nachhaltigen Abgang, in dem eine zarte Zitrusnote für frischen Klang sorgt. 100 Gramm kosten Euro 10,50.

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Bezug: Hanse Tee, Dorfstraße 41, D-24857 Stexwig, www.teeverkostungen.com

Grüne Tees sind laut Rainer Schmidt stark im Trend, so etwas wie das Kultgetränk für den fortgeschrittenen Teefreund. Diese Tees entstammen der gleichen Urpflanze wie schwarzer Tee. Aber beim Grüntee werden die Blätter nur gedämpft und getrocknet, nicht jedoch der Fermentation ausgesetzt, einem Gärprozeß, der den Tee verändert, ihn anreichert, ihm das geröstet wirkende Aroma sowie die dunkle, kupferrote Farbe gibt, die man als schwarz bezeichnet. Grüner Tee ist sozusagen konservierte Natur.

Allerdings muss sehr auf Qualität geachtet werden. Billigsorten schmecken derb wie getrocknetes Heu oder feuchtes Stroh. Nur hochwertige grüne Tees und ihre Verwandten, die halbfermentierten Oolongs, entfalten eine reich nuancierte Aromatik. Jedenfalls ist Tee als Stimulans jederzeit herzlich willkommen. Er schärft nicht nur die Sinne. Er beflügelt auch die Phantasie, animiert zu kühnen Gedanken abseits unserer Alltagswelt und beschert Schluck für Schluck immer wieder neuen Genuß. Außerdem ist Tee ein wahrer Jungbrunnen; Wissenschaftler entdecken immer wieder neue Tugenden zum Frommen unserer Gesundheit. Tee soll Cholesterin abbauen, die Verdauung fördern, das Infarktrisiko senken, Karies vorbeugen, krebshemmend wirken und noch einiges mehr.

Tee 074_China_Westlake_Spring

Die Wahl der Sorte hängt naturgemäß vom Anlaß ab. Für jede Stimmung läßt sich ein spezieller Tee aufbrühen. Den einen Tee trinkt man bei der Arbeit, den anderen in der Mußestunde, nach der Liebe oder zur Zigarre. Es gibt Frühstückstees und Abendtees. Der eine passt zu Sonnenstunden, ein anderer zu Nebel und Regen. Die Kunst, für jede Stimmung den rechten Tee auszusuchen, ist ein Abenteuer, das man Teekultur nennt, doch eines gilt für jede Sorte, ob weiß, grün, schwarz oder mittendrin: Guter Tee ist wie Champagner ohne Alkohol.

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