Neun feinste Frühlingstees aus China: wie Champagner ohne Alkohol

Es gleicht einem prächtigen Schauspiel, wenn Rainer Schmidt in Ausübung seines Berufes den Tee irgendwie mehr inhaliert als trinkt. Er ist Händler und Tea-taster in einer Person, und wenn er in seinem hanseatischen Kontor die Muster probiert, die ihm Agenten aus der Teewelt rund um den Globus zuschicken, klingt es wie eine rustikale Sinfonie vom Lande. Der gewaltige Schmatz, mit dem Schmidt jeden Schluck in sich hineinzieht, ist mit schlürfen noch gnädig beschrieben; eher hören sich die Sauggeräusche, mit denen der Tea-taster jeden Schluck Tee aufsaugt, daran kurz und herrisch, doch sichtlich konzentriert herumschmatzt und gleich wieder zielsicher in einen Kupferbehälter ausspuckt, nach einem Luft japsenden Ferrari an, der vom zweiten auf den ersten Gang herunter geschaltet wird.

Eine feine Five o’clock-Gesellschaft würde es bei diesen gurgelnden Schlürfarien aus den Sesseln heben, doch Schmidt hat nicht etwa schlechte Manieren. Der Mann zieht beim Verkosten der diversen Tees - wie Winzer beim Wein - möglichst viel Luft ein, weil diese Sauerstoffdusche die Entwicklung der Aromen fördert. Der Tee öffnet sich und gelangt gleichzeitig auf alle jene Nervenzellen von Zunge und Gaumen, die für die geschmackliche Analyse zwischen süß, sauer, salzig und bitter verantwortlich sind. Das versetzt Rainer Schmidt in die Lage, jeden Tee im Detail zu verkosten, ihn sozusagen Schluck für Schluck sensorisch zu röntgen. Zuvor hat er bereits die Farbe, die Struktur und den Duft des Tees begutachtet. Von seinem Urteil hängt es schließlich ab, welche Tees eingekauft werden.

Good morning Sir, Tee?

Von der leisen Kraft und wärmenden Schönheit einer Tasse Tee zum Tagesbeginn zeugt auch der von Cecil Rhodes nacherzählte Dialog, der sich morgens in einem englischen Landschloß zwischen Diener und Gast entspann: „Good morning Sir, Tee, Kaffee oder Schokolade?“ – „Tee bitte.“ – „Indischen, Ceylon oder chinesischen, Sir?“ – „Indischen bitte.“ – „Mit Zitrone, Rahm oder Milch, Sir?“ – Der Gast, noch verschlafen und leicht unduldsam werdend mit knorriger Stimme: „Milch!“ – Worauf sich der Butler ungerührt nach der Rinderrasse erkundigt: „Jersey, Hereford oder Shorthorn, Sir?“ Diese Zeiten sind passé. Sie waren spleenig, liebenswert und stilvoll bis hinein ins Detail.

Dieses Mal hat Schmidt eine kleine Kollektion hochwertiger grüner und schwarzer China-Tees gekauft, ohne sie vorher getestet zu haben. Warum diese Ausnahme? Originalton Rainer Schmidt: „Diese Tees werden fast nie exportiert, da wir hier immer erst die Muster sehen und prüfen wollen und wenn dann unser Ergebnis feststeht, sind die Tees schon weg. Ich habe in diesem Jahr einem chinesischen Geschäftspartner, den ich schon recht lange kenne, mein Okay für einige Tees vorab gegeben – ohne zu probieren, ohne Analyse, ohne das übliche Brimborium.“ Das Vertrauen hat sich gelohnt, denn die Tees aus der Frühlingsernte sind in der Regel sofort vergriffen – und Liebhaber in China, Hongkong, Macao, Japan und Singapur bezahlen dafür horrend anmutende Preise von 1 000 US-Dollar und mehr pro Kilo wie beispielsweise für den Zhejiang Westlake Spring Lung Ching A.

Tee China_6

Der Meister empfiehlt folgende Sorten:

Tee China_3Fujian Zhu Ye Qing green Needle, Frühlingsernte ein grüner First flush. Der Tee glänzt in hellem Sonnengelb mit zartem Grünschimmer. Die Nase registriert ein hochfeines Aromenbündel, zart, fein und zugleich voller Tiefe mit Noten von Blüten, etwas Zuckerschote und einem aparten Muskat-Hauch. Ein Auslese-Tee von geschmeidiger Fülle und Eleganz, hocharomatisch mit einer diskreten Fleur-de-Sel-Note im lange anhaltenden Nachgeschmack. Rainer Schmidt: "Für mich ist das einer der besten Tees seit Jahren." 100 Gramm kosten Euro 36,10.

Sichuan White Meng Ding Gan Lu, Frühlingsernte, ein weißer First flush. Helles Sonnengelb mit Grünschimmer. Ein feine Würze umspielt die Nase, es finden sich Aromen wie Blüten, getrocknete Südfrüchte, weiße Schokolade, Vanille und ganz sanft angeröstete Mandel. Intensiver Geschmack, dabei leicht, finessig, wunderbar cremig. Am Gaumen sind Noten von Schokolade sowie Mandelcreme wahrnehmbar, ergänzt um eine zarte Zitrusfrische. Der Tee vereint Körper mit Finesse. Rainer Schmidt: "Ein besonders feiner weißer Tee, wie man ihn wirklich sehr selten findet." 100 Gramm kosten Euro 35,40.

Zhejiang Westlake Spring Lung Ching A, geerntet in der ersten Aprilwoche, also eine grüne First flush-Pflückung. Der Tee hat einen seidigen Glanz von hellgelber Farbe. Schon der erste Nasenzug kündet von einer außergewöhnlichen Finesse. Das Bukett vereint, so widersprüchlich das klingen mag, puristische Klarheit mit hedonistischer Vielschichtigkeit; es findet sich ein filigranes Aromen-Mix aus getrockneter Feige, Mandeln und weißer Schokolade nebst Vanille. Auch geschmacklich besticht der Tee durch Dichte und Tiefe, aber um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: nichts ist laut, alles fein geflochten, ja ziseliert von der weichen Fülle bis zum herbsüßlich geprägten Nachklang. Das ist Poesie in der Tasse, ein Tee für den Kenner und Liebhaber. Für Rainer Schmidt ist das "der König aller Drachenbrunnentees". 100 Gramm kosten Euro 29,50.

Spring An Hua Song Zhen, ebenfalls ein echter grüner First flush mit feinen grünen Nadeln. Die Farbe: helles Grün. Das Bukett ist komplex und verheißungsvoll mit Noten von Blüten, und Lychee, ergänzt um weiße Pflaume und Süßholz sowie einem erfrischenden Hauch von Limonenzesten. Kraftvoll am Gaumen, dicht gewoben mit leicht rauchigem Hintergrund und einer herbsüßlichen, an Nektar und Würzhonig erinnernden Note im langen Nachklang. Da paart sich Frucht mit Raffinesse. 100 Gramm kosten Euro 18,80.

White Moon Pai Mu Tan, geerntet in Yunnan, ein weißer First flush. Der Tee schimmert in hellem Orange. Große Blätter. Duftig mit süßlichem Anklang, erinnert an Honig und braunen Rohrzucker neben Nuß, ein wenig Süßholz und einem Hauch von weißer Schokolade. Geschmacklich besticht dieser weiße Tee durch seine florale Note, die sanft-herbe Finesse; er hat Länge, bleibt rund und weich mit Tönen von weißer Mandel und Blütenhonig sowie dem Hauch einer erfrischenden Zitrusnote. 100 Gramm kosten Euro 13,80.

Yunnan Green Curl, geerntet in in Yunnan, ein grüner First flush. Helles Gelbgrün. Große Nadeln mit schönem Grün, einige mit bronzenem Einschlag. Blumige und gewürzige Aromatik mit Noten von Koriander und Vanille. Kraftvoller Tee, füllige Geschmeidigkeit. Anhaltend, mit zarter Süße im Sinne von Honigmalz. Ein Tee für den ganzen Tag. 100 Gramm kosten Euro 10,50.

Fujian golden Jin Jun Mei, geerntet in den Bergen Fujians. Einer der feinsten chinesischen Schwarztees, ein echter First flush. Er schimmert mahagonifarben, die Blätter sind von dunkler Bronze. Im ersten Anklang dominiert eine sanfte Malzsüße nebst Orangenzesten, gefolgt von getrockneten Früchten (wie Pflaume) sowie einem zarten Anflug von Gewürznelke und Vanille. Kraftvoll im Geschmack, geradezu opulent. Auch am Gaumen ist das Blockmalz dominant, ergänzt um Aromen wie Honig und Karamell. Der Tee verharrt lange am Gaumen. Intensive Aromatik, universal geeignet fürs Frühstück sowie als Abendbrot-Tee mit Leberwurst, Schinken, Käse, Krustentieren, Räucherlachs und Forelle Müllerin. Ein wunderbarer Schmeichler, weich und voller geschmeidiger Kraft. 100 Gramm kosten Euro 18,80.

Yunnan Golden Spring Buds, geerntet und handverlesen in Yunnan, ein schwarzer First flush. Mittelgroße, breite Nadeln, bronzefarben – der Tee glänzt in Walnußbraun. Das Bukett ist ein süßlich-fruchtiges Bündel mit Tönen von Akazienhonig und reifer Banane. Er füllt den Gaumen, ja lullt ihn geradezu ein. Bleibt mild bis in den langen Abgang hinein ohne die Spur einer Bitternote. Rainer Schmidt schwärmt in hanseatischer Kürze: „mild, süß, malzig, brotig - ein Genuß.“ Das ist ein Schwarztee, an dem auch notorische Kaffeetrinker ihren Gefallen haben. 100 Gramm kosten Euro 29,50.

China golden Pi Lo Chun Black Curl, geerntet in Yunnan, ein schwarzer First flush. Farbe: glänzendes Kastanienbraun bis Mahagoni. Lange Blätter, bronziert. Vielschichtiges Aroma, süßlich-gewürzig mit Noten von Malz, Honig, eingelegten schwarzen Nüssen, Vanille und einer frischen Zitrusnote à la Limonenblätter. Kräftig im Geschmack mit dichter Aromatik nach dunkler Schokolade, Malz, Blütenhonig und Nuß. Weich vom ersten Schluck bis zum nachhaltigen Abgang, in dem eine zarte Zitrusnote für frischen Klang sorgt. 100 Gramm kosten Euro 10,50.

Bezug: Hanse Tee, Dorfstraße 41, D-24857 Stexwig, www.teeverkostungen.com

Für jede Stimmung läßt sich ein spezieller Tee aufbrühen. Den einen Tee trinkt man bei der Arbeit, den anderen in der Mußestunde, nach der Liebe oder zur Zigarre. Es gibt Frühstückstees und Abendtees. Der eine passt zu Sonnenstunden, ein anderer zu Nebel und Regen. Die Kunst, für jede Stimmung den rechten Tee auszusuchen, ist ein Abenteuer, das man Teekultur nennt, doch eines gilt für jede Sorte, ob weiß, grün, schwarz oder mittendrin: Guter Tee ist wie Champagner ohne Alkohol

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