Riesling: weltweiter Triumph von Rasse und Eleganz

Es ist wie ein Schock des Glücks. Der Wein, ein 1920er Steinberger Riesling Cabinet aus dem Keller des Staatsweinguts Kloster Eberbach, hat die Sinne aufgewühlt und zugleich mit tiefer Genußseligkeit erfüllt. Altgolden, ja bronziert floß der damals noch als „naturrein“ etikettierte Wein ins Glas. Anfangs machte sich ein Duft nach Bohnerwachs bemerkbar, der sich jedoch im Glas rasch verlor und einem suggestiven Aromenmosaik Platz machte aus Blütenhonig, Quitte, Aprikosengelee und etwas Karamell nebst einem nun feinen Ton nach Bienenwachs. Der in Auslesequalität gefüllte Wein aus einem großen Jahrgang war der Star einer Weltraritätenprobe im Rahmen des Rheingau Gourmet & Weinfestivals 2011 im schönen Hotel Kronenschlößchen in Hattenheim. Der immerhin 91jährige Wein, von Gutschef Dieter Greiner mit berechtigtem Stolz präsentiert, verbesserte sich im Glas über Stunden hinweg und zeigte seine enorme Vitalität als rassiger, immer noch frischer Wein ohne Runzeln – allenfalls eine feine Firne war zu konstatieren. Das war und ist flüssige Geschichte.

Knoll KellerbergEin wesentliches Kriterium für die Größe eines Weins ist dessen Langlebigkeit. Gewiß vermögen auch junge Gewächse zu erfreuen, aber sobald deren Primärfruchtigkeit verblaßt, ist es mit der Freude auch vorbei. Für große Weine beginnt dann erst ihr eigentliches Leben. Zumal Rieslinge bester Herkunft erblühen nach ihrer pubertären Phase in reinster Schönheit. Am Anfang zeigen sich im Riesling prägnante Fruchtnoten von Apfel über Pfirsich und Aprikose bis hin zur Pampelmuse. Zwischen zwei und fünf Jahren nach seiner Geburt zieht sich der Riesling oft zurück, er sackt regelrecht ab, gibt sich spröde, unnahbar. Man meint, der Wein hat seine beste Zeit schon hinter sich. Was für ein Irrtum, jedenfalls gilt das für große Kreszenzen. Nach dieser Irritation setzt nämlich ein Reifeprozeß ein, in dem sich spezielle Aromen bilden, die den Wein aus seiner Schlafphase holen, ihn reicher machen, vielschichtiger und rüstig für ein langes Leben.

Keine andere Rebe wird denn auch hymnischer besungen. Beim Riesling falten Weinfreunde ihre Hände zum Gebet. Seine Majestät, der Riesling, das hohe C unter den Rebsorten! Über Wert und Bedeutung des Rieslings für die deutsche und auch die internationale Trinkkultur muß nicht mehr langmächtig geschrieben werden. Wein aus dieser Rebsorte ist ein deutsches Nationalheiligtum, Kult auch in Österreich sowie im Elsaß. Weltweit rühmen ihn Weinkritiker als besten Weißwein. Darüber läßt sich gewiß wohlfeil diskutieren, denn der Chardonnay gebiert an der Cote d’Or exzellente Gewächse und gleiches läßt sich vom Chenin blanc von der Loire sagen, speziell dem rassigen aus Savennières mit dem Clos de la Coulée de Serrant als Platzhirschen sowie den edelsüßen Kreszenzen aus Vouvray. Im Gegensatz zum Chardonnay, der ein Klassiker ist, aber auch modisch, ist der Riesling ein Erzklassiker: modern, nicht modisch. Aber Tatsache ist, daß Rieslinge bester Herkunft, seien sie trocken ausgebaut oder edelsüß brillierend, absolute vinologische Meisterwerke darstellen.

Riesling Traube_komprimiertSeit einigen Jahren erlebt der Riesling eine weltweite Renaissance. Internationale Weinpublizisten und allen voran Robert M. Parker, der als Weinpapst betitelte US-Kritiker mit großem internationalen Einfluß, rühmen den Riesling als weltbesten Weißwein. Und Jancis Robinson, die britische Weinjournalistin, konstatiert freudig, daß der Riesling international noch nie so beliebt gewesen sei wie heute.

Den weltweiten Erfolg des Rieslings begründen zum einen die hochwertigen trockenen Spätlesen und edelsüßen Auslesen von Rhein und Mosel, ergänzt durch die konsequent trocken ausgebauten, markanten bis wuchtig strukturierten „Smaragde“ der niederösterreichischen und speziell der Wachauer Spitzenwinzer. Diese Gewächse genießen im Ausland, ob in den USA, Großbritannien, Japan, den Niederlanden oder Skandinavien den Status als „spotlight of fashion“. Das einflußreiche US-Magazin „Time“ berichtet über einen veritablen Riesling-Boom in der Spitzengastronomie von New York bis San Francisco; selbst in den luxuriösen Herbergen auf Hawai ist deutscher Riesling in den Weinkarten prominent vertreten. Gleiches gilt für führende Restaurants in London, Stockholm, Paris oder Hongkong – der Riesling ist zur internationalen Pretiose geworden.

Waren es vor zwanzig Jahren vorzugsweise noch lieblich gepanschte Allerweltsweine à la Liebfrauenmilch oder Black Tower, die den internationalen Markt überschwappten und den Ruf des deutschen Weins negativ prägten, sind es heute Spitzengewächse wie die von den Prädikatsweingütern unter dem Titel „Erste Lage“ oder „Große Gewächse“ erzeugten Kreszenzen, die als deutsche Grand Crus den Weinfreunden ein neues Trinkerlebnis bieten. Insbesondere die Amerikaner, ein seit längerem chardonnay-müde, haben den Riesling als eleganten Trinkgenuß schätzen gelernt.

Die Gründe für diese sensationelle Blüte sind vielfältig. In der Winzerschaft hat sukzessive ein Umdenken stattgefunden, es wird mehr auf Klasse als Masse gesetzt; eine jüngere Generation, gut ausgebildet, welterfahren und ehrgeizig, hat den Umschwung entscheidend mitgeprägt. Hatte man früher wie hypnotisiert auf die in Öchsle gemessenen Zuckerwerte der Trauben gestarrt, wird heute auf die sogenannte physiologische Reife geachtet, also auf die ideale Harmonie zwischen Frucht, Alkohol, Säure und Zucker. In diesem Sinne wird bei den Beeren auch mehr Wert auf Mineralität in Form terroirgerechter Mitgift gelegt als auf vordergründige Fruchtaromen. Unterstützt wird dieser Qualitätsprozeß durch die Natur in Form der Klimaerwärmung, in deren Folge die guten Jahrgänge deutlich zugenommen haben.

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Der Riesling, ampelographisch korrekt Weißer Riesling genannt, kommt weltweit vor. Er wird in Südafrika ebenso kultiviert wie in der Ukraine, Australien, Kanada oder Kalifornien, wo man ihn auch „Johannisberger“ nennt. Seine besten Eigenschaften entfaltet er an den sanfthügelig bis steil strukturierten Flusstälern in gemäßigten Klimazonen. Die Traube giert bis in den späten Herbst hinein nach jedem Sonnenstrahl. Andererseits sind es die kühlen Nächte in der Phase der Beerenreife, die dem Riesling seine Frische bewahren und in denen er die für ihn charakteristische Duftigkeit sowie das einmalige, von Rasse und Finesse geprägte Aromenspektrum entwickelt. Es ist, als wolle die Natur es der Rebe besonders lohnen, die an extrem steilen Hängen und gegen die Widrigkeiten des Wetters härter zu kämpfen hat als anderswo.

Steinberger 1920_5Was macht den Riesling so einzigartig, so unverwechselbar und in seinen besten Anlagen so groß? Bereits der erste Nasenzug verschafft Freude. Das Bukett ist – je nach geografischer Herkunft, Jahrgang, Typ und Reife - ein suggestiver Strauß aus Blüten, Pfirsich und Mineralien, ergänzt durch Äpfel, Mandeln, Nüsse, Rosen, Aprikosen und Honig. Der Riesling hat – hierin ähnlich dem Pinot noir - die Eigenschaft, ja das Genie, so sensibel wie authentisch das Terroir auszudrücken. Jeder Schluck gleicht quasi einem Zitat von Erde und Kleinklima. Geschmacklich entzücken die verführerisch köstliche, stets eher kühl und vertikal strukturierte als heiß und breit angelegte Frucht. Das nennt man nervige Brillanz! Hinzu kommt eine Langlebigkeit, die insbesondere die edelsüßen Gewächse nahezu unsterblich macht.

Woher die Rebe stammt, läßt sich nicht eindeutig klären; ihre Herkunft liegt im Dunkel der Geschichte. Es gibt die Vermutung, daß die Römer den Riesling beziehungsweise ein ähnliches Gewächs nach Germanien mitgebracht haben. Eine andere These besagt, er habe sich quasi von selber aus rheinischen Wildreben entwickelt. Neue genetische Untersuchungen scheinen zu belegen, daß der Riesling das Ergebnis einer Verbindung zwischen einer Heunisch-Kreuzung und einem Traminersämling ist. Urkundlich belegt ist der deutsche Hinweis auf den Riesling im Jahre 1435, und 1672 ist den Rheingauer Weinbauern bereits weitsichtig empfohlen worden, die roten Weinstöcke durch den „Rißling-Holz“ zu ersetzen. Die Beeren sind klein, rundlich geformt, punktiert, in der Vollreife bronzen schimmernd.

Vollrads 1964Besonders bemerkenswert ist, daß der Riesling seine Finesse im blumigen Kabinett ebenso klar ausspielt wie in der kraftvollen Spätlese, der vollfruchtigen Auslese und der Trockenbeerenauslese, dem aus faulig und rosinig geschrumpften Trauben gewonnenen edelsüßem Spitzenwein. Natürlich hängt es auch beim Riesling, der übrigens nirgendwo besser gedeiht als am Rhein, an Mosel, Saar, Ruwer, Main und Donau, von der jeweils aktuellen Stimmung und dem Anlaß ab, welcher Stil-Typ entkorkt wird: kraftvoll und elegant oder ziseliert und finessig. Der Rheingauer Riesling besticht durch Rasse, gepaart mit Finesse. Der Badener kommt gewichtig daher wie ein Großbauer mit Brokatweste, wohingegen die Rieslinge von Mosel, Saar und Ruwer einer Filigranarbeit der Natur gleichen mit ihrer blumigen Grazie. Das sind die Fred Astaires unter den Weinen. Selbstbewußt tritt der Pfälzer auf, mitunter auch wuchtig wie der Elsässer, erdig gepolt ist der Franke. Die Wachauer, Langenloiser, Kremstaler und Kamptaler bestechen wiederum durch fruchtige Tiefe in Verbindung mit weltmännischer Eleganz.

Trotz aller regionaler Besonderheiten ist ein Riesling an seinem prägnanten Charakter ziemlich leicht zu identifizieren. In jungen Jahren hat der Wein einen hübschen grünen Schimmer. Er duftet nach Blüten, Äpfeln, Steinobst und Mineralien als Mitgift des Bodens. Seine Säure ist markant, das Wesen erfüllt von heiterem Temperament. Ein Riesling guter Herkunft benötigt in der Regel vier bis sieben Jahre, ehe er geschmacklich den Kindesschuhen entwachsen ist. Reife Weine haben eine hellgoldene Farbe und einen Duft, der an Rosenblüten, Ananas, Aprikosen und Rosinen nebst etwas Honig erinnert. Geschmacklich brillieren sie durch ihre aromatische Komplexität und ein ungemein elegantes, harmonisches Wechselspiel zwischen Frucht und Säure, das zehn bis zwanzig Jahre halten kann. Große Auslesen werden mühelos und ohne Runzeln fünfzig und mehr Jahre alt, ohne an Grazie einzubüßen.

Weil Kaiserliche_Mittagstafel_tbGroß ist auch die kulinarische Macht eines Rieslings. Sie zeigt sich darin, daß er im Solo ebenso gut schmeckt wie zum Essen. Ist er jung, paßt er bestens zu leichten Salaten, Sülzen, Muscheln, Spargel und Krautgerichten. Reifere Gewächse harmonieren mit gedünsteten und gesottenen Fischen a la Forelle Müllerin, mit Austern, gekochtem Rindfleisch, Pasteten sowie Kalbsbraten und Speckpfannekuchen. Kapitale Spätlesen – wie beispielsweise gehobene Kreszenzen aus dem Elsaß oder die Smaragde aus der Wachau – machen auch Geflügel in cremigen Saucen, sogar Lammkeulen, gebratenes Kaninchen, pochierte Gänseleber, Schweinefilet und kräftige Käsesorten zu einem Gesamtgenußwerk. Edelsüße Weine lassen bei Obsttorten, Käsekuchen und Sorbets mit Mango, Zitrone, Passionsfrucht, Pfirsich & Co die Sinne vergnügt tänzeln, harmonieren auf spannende Weise aber auch mit handfesteren Speisen à la kroß gerösteter Blutwurst, Wildpasteten, gebratenem Fasan mit Weinkraut und karamellisierten Trauben, Wiener Schnitzel, einem fein panierten Kalbsbries, Hummer l’armoricaine, souffliertem Steinbutt in Sauternes oder gebratener Forelle mit Mandelsplittern.

Ein klassisches Riesling-Menü kann so aussehen: Tafelspitzsülze mit Bratkartoffeln. Klare Rindssuppe mit Griesnockerln. Gebratener Zander mit Kartoffelgratin und Spinat. Im Rohr gebratene Poularde mit jungem Knoblauch, Rosmarinkartoffeln und Schalottenkompott. Hartkäse und milder Rotschimmelkäse. Quarkpalatschinke. Gibt es Blauschimmelkäse und süße Desserts wie beispielsweise Apfeltarte, Gugelhupf oder Sorbets aus Mango, Quitte, Apfel, Birne, Zitrone, Passionsfrucht, Aprikose, Pfirsich und Holunder, so wird ein edelsüßer Riesling die ideale Wahl sein und die Sinne aufs Feinste charmieren.

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Es ist schon so, daß Gott in einem Wein sein kann. Aber es ist auch so, daß über jedem Altwein, sobald er entkorkt wird, die bange, Adrenalin fördernde Frage drohend wie ein Damoklesschwert hängt, ob der alte Bursche noch was taugt oder nicht, ob er dich vor Freude singen läßt oder du ihn wegschütten mußt, weil selbst die großmütige, kleine Fehler tolerierende Barmherzigkeit des Liebhabers vor der glanzlosen Flüssigkeit, die nur noch Vergangenheit ist, kapitulieren muß. Sollte es jedoch ein Wein von leuchtender Farbe sein, mit Tiefe, Finesse und einem Duft, daß man seine Nase wie unter Zwang immer wieder steil ins Glas reckt, dann, ja dann rutscht auch ein 2017er-Mensch zwischen Demut vor diesem Geniestreich der Natur und dem Hochmut, zu wissen, jetzt weltweit der einzige zu sein, der dies trinkt, glücklich hin und her wie ein Stück Butter auf einer heißen Kartoffel.

Jeder Schluck löst dann das aus, was Goethe unübertrefflich so formuliert hat: „Freue dich Seele, jetzt kommt ein Platzregen!“ Die mehr als 500 Jahre, die der Riesling als deutsche Edelrebe nachweisbar ist, erlauben also auch 500 fröhliche Hallelujas auf einen Wein, dem an rassiger Eleganz kein anderer gleicht. Außerdem stärken große Rieslinge auf natürliche Weise Herz und Seele, was der Herr von Goethe, der passionierte Feintrinker, so interpretiert hat: Gott ist auch in einem schönen Wein.

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