Angewandte Trinkkultur zwischen Kathedralen und Kapellen

Es gibt Kathedralen von derart grandiose Schönheit und Pracht, daß man den Atem anhält und den lieben Gott siezt. Dieses Gefühl von Erhabenheit strengt freilich an, und so sucht man nach Entspannung – vielleicht in einer Bergkapelle von schlichter Würde.

Gleiches gilt für Weine. Natürlich ist es ein Vergnügen, sogenannt große Weine zu trinken, etwa den 1983er Le Montrachet von Ramonet aus Burgund; in den 80ern zählte das Gut noch zur Weltklasse. Oder den 1961er Château Margaux oder den 1990er Grünen Veltliner Vinotheksfüllung von Emmerich Knoll aus der Wachau. Solche Kreszenzen lassen die Sinne naturgemäß stärker erzittern als ein Landwein. Das ist nun mal der Kathedralen-Effekt. Andererseits sind Leute zu bedauern, die nur trinken, was man so „vom Feinsten“ nennt, Rothschild, Pétrus und eh schon wissen. Denen entgeht nämlich die bunte Welt der vielen adretten Kapellen-Weine in der Preiskategorie zwischen 10 und 20 Euro. Man kann sie auch mit Respekt die Jausenweine des Gentleman und seiner Lady nennen.

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Niemals werde ich einen kleinen Bauernwein vergessen, den ich an einem schönen Apriltag in einem schlichten Bistro im Beaujolais trank. Ich kam vom Skilaufen in Val d’Isere und hatte mich in dem Weindorf, dessen Name mir längst entfallen ist, mit Freunden zu einem nachmittäglichen Imbiß getroffen. Wir delektierten uns an Baguette und Schinken, Oliven und Wildschweinpastete. Dazu tranken wir einen einfachen Roten, den die Wirtin – ihre Nylonstrümpfe hatte sie bis auf die Knöchel heruntergerollt, grotesk, doch irgendwie auch lieb – im Keller direkt vom Faß in die Flasche gezapft hatte. Ein Weinchen, nicht mehr, aber welche Wonne in dieser Atmosphäre!

Der Durst ist nun mal eine Weltmacht und neben dem Hunger der getreueste Begleiter des Menschen. Er überlebt jede Sättigung und das ist von der Natur genial eingerichtet, denn ewige Sattheit wäre nicht nur das Ende aller Hoffnung, sondern auch der Tod für eine der beglückendsten Weisen des Genießens: das Stillen des heiligen Durstes. Im Gegensatz zum banalen Durst, der alltäglich mit Wasser, Tee und dergleichen Harmlosigkeiten gelöscht wird, befriedigt man den hl. Durst in der Form einer Kür mit Wein & Verwandtem. Welchen Wein man wählt, das ist eine Sache des Augenblicks, der Stimmung, des Anlasses.

Entscheidend dabei ist nicht der Preis oder der Kultfaktor, sondern die Authentizität. Wenn mein Onkel Franz, ein erhabener Trinker, Gott hab‘ ihn selig, eine Flasche entkorkte, wusste er, was ihn weinmäßig erwartete: Echtheit, egal, ob es sich um einen ernsten Bordeaux, schwermütigen Barolo, sinnlichen Burgunder, rosenduftigen Traminer, edelsüßen Tokajer, opulenten Hermitage, ein heiteres Möselchen, fülligen Neuburger oder einen reifen Wachauer Riesling zum Gänsebraten gehandelt hat. Bei den Weinen von damals ließen sich regionale Charakterzüge, Jahrgangsmerkmale und der Stil des Winzers reliefartig erkennen und unterscheiden. In ihrer Jugend waren sie voller Kanten, sperrig, geradezu unbotmäßig verstockt, doch mit den Jahren kam die Finesse, wurden sie weise und elegant.

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Und heute? Heute haben wir: Bordeauxgewächse namhafter Herkunft, die als Jahrgang 2011 schon trinkreif sind und als 2005er ihren Höhepunkt bereits hinter sich haben; Chablis, der als Folge des modischen Ausbaus im neuen Eichenholz so schmeckt wie ein normaler Puligny-Montrachet; rote Burgunder, die als junge Weine vor Frucht platzen, doch nach wenigen Jahren kollaborieren; Chardonnays und Cabernets, die einander weltweit gleichen; Rieslinge, deren Herkunft nicht mehr auszumachen ist; Champagner, von denen einer schmeckt wie der andere. Was im Rahmen der Globalisierung in Flaschen gefüllt wird, ist zunehmend Wein von internationalem Geschmack, stromlinienförmig, glatt, austauschbar und somit eine Verleugnung der Individualität. Weniger barmherzig formuliert: solche Designerweine dienen nicht der Demokratisierung, sondern der Proletarisierung der Trinkkultur.

Ursache für diese fade Konformität des Geschmacks ist beispielsweise, dass häufig nicht mehr der Kellermeister, sondern die Marketingbürscherln über die Weinwerdung bestimmen. Mir graut vor den vielen Weinchen mit ihrer vordergründigen Suggestivität. Das sind, ungnädig gesagt, Hurenweine. Ich ertappe mich immer öfter bei der Freude über Weine, die gewisse Ecken haben, die nicht so glatt perfektioniert sind, sondern eben über das verfügen, was große von kleinen Weinen unterscheidet: Charakter, Unverwechselbarkeit. Größe hat freilich nichts mit Geld gemein. Ein ehrlicher Grüner Veltliner ist für mich, zur passenden Stimmung getrunken, genauso ein großer Wein wie ein Kultgewächs à la 1945 Mouton-Rothschild.

Im Gegensatz zum Anfänger oder dem neureichen Etikettentrinker, der nur bestellt, was als edel & teuer gilt, möglichst modisch noch abgesegnet ist, nutzt der Kulturtrinker das ganze Spektrum. Er wird die intellektuelle Eleganz eines Château-Gewächses aus dem Médoc schätzen, die unendlich tiefe und zugleich zarte Aromatik eines ausgereiften feinen Burgunders lieben, die würzige, von diskreter Strenge begleitete Fülle eines Rioja mögen und sich von der Opulenz eines kalifornischen Cabernets berauschen lassen. Dann wiederum sehnt er sich vielleicht nach einem schmeichlerischen Chianti, der fruchtigen Rustikalität eines burgenländischen Blaufränkischen, der erdverbundenen Naturgewalt eines Barolo, dem gewürzigen Feuer eines Syrah von der Rhone, dem zartfruchtigen herben Charme eines Muskatellers. Das ist praktizierende Trinkkultur.

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Der eine Wein schmeckt bestens zum Lammrücken, der andere zum Hasenbraten, zu Steaks, Käse, Ragouts oder einfach als Solist. Schön ist, was gefällt, sagt der Philosoph, und darüber wird nicht diskutiert. Zwar ist überhaupt nichts dagegen zu sagen, wenn zu einer Jause, zur Vesper, zur Brotzeit, zum Fünfuhrtee, zum zweiten Frühstück oder wie immer diese freundlichen Mahlzeiten genannt werden, ein großer Wein entkorkt wird. Ein Gulasch verlangt, sofern nicht sowieso gleich Bier dazu getrunken wird, einen kapitalen Roten als Begleitung, etwa einen opulenten Amarone aus Italien, einen mächtigen Syrah oder würzigen Spanier. Aber klassische Kapellenweine sind jene, die leicht sind (nicht seicht), feinwürzig (nicht parfümiert), herb (nicht sauer), schlank (nicht matronenfüllig). Kurzum, sie sollen einem nicht wie Panzer über die Zunge rollen, sondern heiter darüber tänzeln.

Das können Rieslinge sein, vor allem solche im Status eines Kabinetts. Ein rassiger Rosé wie insbesondere der herbfruchtige weststeirische Schilcher ist ebenso wie ein mineralischer Sauvignon blanc von der Loire stets willkommen. Auch ein Sylvaner aus Franken, ein Muscadet von der Loire, ein Grüner Veltliner aus Niederösterreich eignen sich ebenso vorzüglich als Solistenwein gegen den ersten Durst nach Geschäft, Tennis, Spaziergang oder der Liebe am Nachmittag wie zum kleinen Mahl, ob man das nun zu Hause genießt, im Bistro oder an einer Bar. Angemessen kühl serviert sind ein Roter aus der Provence, ein Bauernchianti aus der Toskana, ein Barbera oder Dolcetto aus dem Piemont oder Vernatsch aus Südtirol, wozu der Kalterer See Auslese und der St. Magdalener gehören, hübsche Weine zum kleinen Abendbrot, speziell, wenn es dazu Schinkenspeck, Würste und Hartkäse gibt.

Jeder gute Wein erschließt dem Genießer eine sinnliche Welt, die leise Zärtlichkeit ebenso umfasst wie gewaltige Leidenschaft. Und gut ist jeder Wein, der authentisch ist, also typisch für regionale Herkunft, Rebsorte und Jahrgang. Jeder Schluck ist dann eine beglückende Begegnung mit Farben, Düften und 1001 Aromen. Nach solchen Gewächsen – ob Kathedrale oder Kapelle – ist man als Weinfreund wie ein Don Juan ständig auf der Suche, wobei das Schöne ist, dass man im Unterschied zu Don Juan, dem Jäger und Gejagten der Liebe, im Wein auch seine genussvolle Erfüllung findet.

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