Wein in Großflaschen: animierend, wertsteigernd und sexy

Die Runde war erst irritiert, dann verblüfft und schließlich nachdenklich. Anlass dieses emotionalen Gemenges war eine Blindprobe mit vier Gläsern, in die der Gastgeber ebenso didaktisch wie listig den gleichen Wein undekantiert gefüllt hatte: 2009 Château Montrose aus unterschiedlichen Formaten von der Normalflasche über Magnum und Doppelmagnum bis zur Impériale. Das Ergebnis war nicht überraschend, in seiner Eindringlichkeit dennoch lehrbuchhaft, denn je größer das Gefäß, desto verschlossener, ja herrischer gab sich der Wein. Aus der Standardflasche (0,75 Liter) war der Grande aus St. Estephe bereits zugänglich mit ersten leisen Anzeichen von beginnender Reife, wohingegen Doppelmagnum (3 Liter) wie Impériale (6 Liter) aktuell noch keinen Genuss bescherten. Die Weine gaben sich tanninbetont, total verknospt, einfach sperrig in ihrer gespannten Muskulatur. Am besten unter den Großformaten gefiel der Wein aus der Magnum, doch dies erst nach dreistündigem Dekantieren. Dann verband sich jugendliche Kraft mit aufblühender Eleganz.

Ein geradezu demonstratives Prä für die Großflasche war eine privat arrangierte Verkostung mit exklusiven Formaten. 1966 Ducru-Beaucaillou Doppelmagnum: überreif, doch noch köstlich mit schokoladig angehauchten Rösttönen - in der Eintel bereits verblasst. 1966 Lafite-Rothschild Doppelmagnum: bäumte sich kurz auf und zeigte immerhin den traurigen Charme verwelkter Rosen - in der Eintel längst verblichen, ausgetrocknet, passé. Lafite befand sich damals mittendrin in seiner Schwächephase zwischen 1961 und 1975 (ausgenommen der immer noch und zumal in Großflaschen leckere 1962er). 1983 Château Margaux Doppelmagnum: dicht, komplex, reich, ein hochsinnlicher Wein, der sich im großen Format langsam zu räkeln beginnt. In der Normalflasche jetzt ein Hochgenuss, in der Doppelmagnum schon die künftige Pracht signalisierend, aber vom Höhepunkt noch einige Jahre entfernt. Der Wein aus der Eintel oder Magnum wäre perfekt gewesen.

Grossflaschen Bdx

Daß Wein in der Großflasche nicht nur langsamer reift, sondern sich feiner entwickelt, unterstrich auch eine 1961er Palmer Doppelmagnum mit ziselierter Aromatik nach schwarzem Trüffel, Leder, Pflaumen, Rosen nebst einer feinen Süße, wie sie nur perfekt gereiften großen Rotweinen zu eigen ist. In der Normalbouteille ist der Palmer schon des längeren überreif bis ausgeblutet, von wenigen Abfüllungen abgesehen. In der Dreiliterflasche – wie übrigens auch noch in der Magnum – zeigt der legendäre Wein mit seiner duftigen und geschmeidigen Grazie, dass er zu Recht den Status eines Kultweins hat.

Weingenuß direkt aus Krügen

Noch im Mittelalter, so berichtete Friedrich Bassermann-Jordan, der renommierte Historiker, waren Weinflaschen nahezu unbekannt. Man entbehrte sie nicht, weil der Wein direkt ohne Umstände im Keller aus dem Fass gezapft und in Kannen oder Krügen an den Tisch gebracht worden ist. So geschah es auch in Gegenden, wo keine Trauben gekeltert wurden, denn der Transport des Weins als sogenannter Wohlstandstrunk ließ sich im Fass unproblematischer bewerkstelligen als in Flaschen, die damals leicht zu Bruch gingen.

Ein Gewächs, das einen zum Melancholiker machen kann, ist der 1979er Romanée-Saint-Vivant der Domaine Romanée-Conti in der Jéroboam (steht in Burgund für drei Liter). Wie gehabt: in der Eintel hat sich der Wein schon weitgehend verabschiedet, im Großformat bezaubert er durch samtene Delikatesse. Anders zu beurteilen war bei der Probe der 1985er Le Montrachet von Ramonet in der Jéroboam: anfangs ging von dem Wein nur ein arrogantes Schweigen aus, aber selbst danach gab er sich wenig zugänglich, ließ er nur ahnen, wie viel Kraft in ihm schlummert – und das, obwohl man ihn dekantiert hatte. Mächtige Weißweine, ob Clos de la Coulée de Serrant (Loire), Contrieu (Rhone), burgundische Chardonnays, Grüner Veltliner Smaragd aus der Wachau oder charakterstarke Rieslinge, bedürfen bekanntlich dieser Sauerstoffdusche.

Zwar liegen keine repräsentativen Tests mit allgemein verbindlichen Aussagen über die Entwicklung von Wein & Verwandtem in den diversen Flaschengrößen vor. Solche Studien müsste man über viele Jahre hinweg mit Tausenden von Weinsorten und Flaschenformaten anlegen. Als empirisch gesichert kann freilich gelten, dass die Größe der Flasche positiv prägenden Einfluss auf die Entwicklung und die Lagerfähigkeit des Weins hat. Eine Impériale (6 Liter), gefüllt mit erstklassigem Bordeaux, oder eine Methusalem (6 Liter) mit burgundischem Grand Cru bester Provenienz sind schon ein bisschen für die Ewigkeit gemacht, einwandfreie Bedingungen wie gesunder Korken und tadellose Lagerung natürlich vorausgesetzt. Angemerkt werden muß allerdings auch, daß eine korkkranke Impériale einer Katastrophe gleicht, wohingegen bei acht Normalflaschen das Risiko deutlich minimiert wäre.

Der Vorteil der Großflasche ab der Magnum basiert im Verhältnis zwischen Weinmenge und Korken beziehungsweise dem sich im Laufe der Jahre zunehmend entwickelnden Luftkissen. Größere Volumen verkraften den Luftkontakt besser, im großen Format verfügt der Wein über eine besonders kompakte Abwehrfläche gegenüber der Luft und somit der Oxydation. Das haben zahlreiche private Vergleiche ergeben, ob es ein 1985er Lynch-Bages war, ein 1947er Cheval-Blanc, 1986er Mouton-Rothschild, 1997er Riesling „Unendlich“ von F. X. Pichler, 1990er Grüner Veltliner Schütt Smaragd von Emmerich Knoll oder 1966er Dom Perignon. Die Magnum triumphierte jedes Mal über die Normalflasche. Einzig bei edelsüßen Weinen scheint die Bedeutung großer Flaschen weniger ausgeprägt zu sein.

Großflaschen sind auch Trophäen

Ein wesentliches Argument für die Großflasche ist laut Heiner Lobenberg („Gute Weine“ Bremen) natürlich die längere Haltbarkeit. Außerdem sind „Magnum und Impériale nicht nur wertstabil, sondern steigen in der Regel, gemessen an der gleichen Menge an Normalflaschen, auch überproportional im Wert“. Für Lobenberg („Wir verkaufen vor allem Bordeaux-Großformate gut“) eignen sich Impériales speziell auch vorsorglich als Jubiläumsgewächse. Händler betrachten Großflaschen außerdem unter dem Aspekt der Sortimentspflege, doch darüber hinaus, so hat es Klaus W. Schrauth, lange Jahre Chef von „Schlumberger“, einmal sinnlich definiert, „macht es Spass, sie zu besitzen“.

Knoll GV_92Mg_Vinothek 1992 Grüner Veltliner Vinothekfüllung Emmerich Knoll, Magnum
Goldgelb. Üppiger Körper, geprägt von getrockneter Aprikose, Brioche und kräuterigen Tönen wie Dill. Opulent, wuchtig und anhaltend am Gaumen, zeigt anfänglich eine Neigung zur Breite nebst einer leisen Bitterkeit, doch die Sauerstoffdusche im Glas bewirkt Wunder, der Wein wird feiner und gewinnt an Subtilität. Ein starker Grüner Veltliner

Voluminöse Formate, so sieht es Burkard Bovensiepen von „Alpina“, sind für den Sammler auch deshalb interessant, weil sie als Rarität „ein Mehrfaches an Wert derselben Menge Wein in Normalflaschen akkumulieren“. Da ist was dran. Eine Doppelmagnum kostet in der Subskription in der Regel nur unwesentlich mehr als vier Normalflaschen, doch spätestens nach der ersten Reifephase, also irgendwann zwischen sieben und zehn Jahren, wird der Preis für das Großformat steil ansteigen. Dann ist der Wein dank des großen Gefäßes bereits eine Rarität, jedenfalls etwas Besonderes, ob nun Pétrus, Lafite & Co auf dem Etikett steht oder der Name eines achtbaren Bürgergewächses.

Bovensiepen erinnert gerne an eine Versteigerung bei „Christie’s“ im Jahre 1998, bei der eine Impériale 1947 Cheval-Blanc einen Erlös von umgerechnet 193 000 Mark erbrachte, wohingegen eine 12er-Kiste des gleichen Weins „schon für schlappe 62 000 Mark zu bekommen war“. Fazit von Bovensiepen: „Großflaschen, jung gekauft, machen für den Sammler allemal Sinn, zumal der Mehrpreis ja nicht so furchtbar hoch ist, wenn man bedenkt, dass die Großflaschen teuer sind und die Etiketten in kleiner Zahl extra gedruckt werden müssen.“ Das Füllen von Hand ist bei Hunderten von Großformaten zusätzlich eine Fleißarbeit. Jaques Thienpont vom Kultweingut Le Pin hat aus diesem Grund nach Meinung von Karl Dörfler, „Champa“ in Stolberg, von 1995 bis 1999 keine Impériales gefüllt, obwohl für jeden Jahrgang Vorbestellungen in Höhe von rund 200 Bouteillen dieses pompösen Formats eingegangen waren.

Mit Großflaschen läßt sich auch protzen

Mit Sondergrößen lässt sich protzen, gewiss, doch abseits eitler Zurschaustellung gilt, dass sich in den großen Formaten das Imposante mit dem Funktionalen vereint. Wein und Champagner reifen ab der Magnum deutlich gebremster als in der Standardflasche mit der 0,75-Liter-Norm. Bei kapitalen Größen wie etwa der Impériale in Bordeaux mit ihren sechs Litern oder der gleich großen Methusalem – zuweilen auch Mathusalem geschrieben – in der Champagne stellt sich naturgemäß freilich auch die Frage der Handlichkeit. Da ist Muskelkraft gefragt, im Sommer wohl auch ein Kühlhaus oder zumindest ein eiskalter Gebirgsbach. Außerdem bedarf es einer mehrköpfigen Gesellschaft, um einer Doppelmagnum (drei Liter) oder gar Jéroboam (fünf Liter) gerecht zu werden. Hingegen ist der Inhalt einer Magnum gerade recht für zwei erprobte Genießer.

Mit Kultweinen solchen Kalibers lässt sich natürlich über den Trinkwert hinaus trefflich spekulieren. So ist 1997 eine 1990er Impériale Le Pin bei „Christie’s“ für über 20 000 Mark versteigert worden; die gleiche Flasche hatte in der Subskription lediglich 3 000 Mark gekostet. Derartige Rendite, die jeden Börsenzocker blass werden lässt, ist selbstverständlich nicht die Regel, aber der wahre Liebhaber kauft sowieso nicht spekulativ. Wenn der Wert seiner Schätzchen steigt, umso besser, doch vor allem geht es ihm um den guten, den besseren Schluck. Der ist auch bei Gewächsen abseits der snobistisch angehauchten Luxusfront zu bekommen.

Die Großflasche als dramaturgischer Effekt

Fakt ist, daß Großflaschen in Mode gekommen sind, so dass sich Weingüter weltweit und insbesondere die Châteaux im Bordelais darauf eingestellt haben und heute deutlich mehr Wein in voluminöse Gebinde füllen als noch vor 30, 50 oder gar 100 Jahren. Anders als im aristokratisch strukturierten und schon früh global orientierten Bordelais sieht es freilich in Burgund aus, wo Großformate aus nicht näher erklärbaren Gründen eher die Ausnahme waren. Da sind Gefäße von der Magnum aufwärts Seltenheiten. So mancher Winzer füllte nur auf Wunsch seines Importeurs wenige Großflaschen in aufwendiger Handarbeit ab. Eine Jéroboam von Ramonet, eine Magnum Richebourg von Méo Camuzet oder La Tache von Romanée-Conti sowie eine Jéroboam Volnay Clos des Ducs von Marquis d’Angerville gehören zu den wahrhaftigen Raritäten.

Roederer-CristalmagnumOb Weltrarität oder nicht: Es gibt die Faszination der Großflasche, man kann sogar sagen, dass eine Marie-Jeanne oder Jéroboam sexy ist. Privatsammler wie Gastronomen nutzen Großformate denn auch als dramaturgischen Effekt. Dabei sollte freilich nicht übersehen werden, dass voluminöse Flaschen nur bei hochklassigen Gewächsen sinnvoll sind. Dazu zählen substanzielle Rotweine, Jahrgangschampagner und mächtige Weißweine aus Rebsorten à la Chardonnay, Grüner Veltliner, Riesling, Chenin blanc etc. Eine weitere Erkenntnis ist, dass bei blutjungen Weinen die Unterschiede zwischen den Flaschengrößen eher marginal sind, dass sich der Einfluss des Formats auf den Werdegang des Weins erst ab einem Alter von etwa fünf Jahren zeigt, doch dann deutlich und kontinuierlich steigt.

Bündelt man die Talente, so ist die Magnum das Ideal: leicht zu lagern, unkompliziert zu kühlen, handlich beim Einschenken, schön anzuschauen, kurzum verheißungsvolle Animation in Glas, ja Inspiration, Verführung und je nach dem, was auf dem Etikett steht, auch Trophäe. Allerdings sollte man nicht Opfer des schönen Scheins werden, was praktisch heißt: Magnum und größer sind wirklich nur sinnvoll bei Gewächsen, ob Wein oder Champagner, die mehrjährige Lagerung nicht nur verkraften, sondern benötigen! Und bis dahin, bis der Wein in der Magnum voll erblüht, entkorkt, trinkt und prüft der Connaisseur das gleiche Gewächs aus der Normalflasche.

Trinkkultur ist schließlich die heiter gepflegte Kunst von der Vollkommenheit, also das Wissen oder wenigstens das Ahnen, wann der Château Latour, der Chambertin, der Comtes de Champagne, der prächtige Grüne Veltliner Schütt vom Wachauer Winzer Emmerich Knoll oder der nicht minder prachtvolle 2011 Riesling Gräfenberg vom Weingut Weil auf seinem Höhepunkt ist.



Flaschenformate:

Frankreich hat sich mit seinen Flaschengrößen international als Vorbild durchgesetzt. Dennoch lösen die Bezeichnungen leicht Irritationen aus, weil sie in den Regionen teils für unterschiedliche Größen genutzt werden. Eine Aufstellung der wesentlichen Formate und ihrer Bezeichnungen, bezogen auf Bordeaux, Burgund und die Champagne, wird deshalb zur Vermeidung von Missverständnissen dienlich sein:

Bordeaux:
Magnum 1,5 Liter
Doppelmagnum 3 Liter
Marie-Jeanne (veraltet) 2,25 Liter
Jéroboam 5 Liter (bis zum Jahrgang 1978 auch 4,5 Liter)
Impériale 6 Liter

Größen wie Salmanazar (9 Liter), Balthasar (12 Liter) sowie Nabuchodonozor (15 Liter) sind Ausnahmen und werden allenfalls auf Bestellung oder für caritative Zwecke gefüllt.

Burgund:
Magnum 1,5 Liter
Jéroboam 3 Liter
Réhoboam 4,5 Liter
Methusalem 6 Liter

Champagne:
Magnum 1,5 Liter
Jéroboam 3 Liter
Réhoboam 4,5 Liter
Methusalem 6 Liter
Salmanazar 9 Liter
Balthazar 12 Liter
Nebukadnezar 15 Liter

Weitere Größen, die nur noch historischen Wert haben:

Melchior (Goliath): 18 Liter; Sovereign: 26,25 Liter; Primat: 27 Liter; Melchisidech: 30 Liter; Demi-John: 45 Liter; Adelaide: 98,5 Liter.

Die übergroßen Formate werden in der Champagne in der Regel nicht handgerüttelt. Nur wenige Firmen machen sich die Mühe, dies bis zur Methusalem zu tun. Ab der Jéroboam pflegt man die Methode des Aufgießens. Man schüttet, banal gesagt, den Inhalt von Normalflaschen in eine Salmanazar oder Nebukadnezar: Monsterflaschen, die überwiegend sowieso nur nach Bestellung produziert werden.

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