Weine, die man nicht vergißt

1990 Château La Fleur de Gay:
Der Wein aus der drei Liter fassenden Doppelmagnum darf gefahrlos gelobt werden. Klaus Wagner hatte die Rarität anläßlich des Wachauer Gourmet-Festivals in seinem schönen „Landhaus Bacher“ in Mautern aus dem Keller geholt; dazu gab es eine von Lisl Wagner-Bacher und Thomas Dorfer kongenial zubereitete „Beiriedschnitte mit Holzkohlearomen“ nebst geschmorten Frühlingszwiebeln, Saubohnen und confierten Erdäpfeln – die „Holzkohlearomen“ waren natürlich so subtil angelegt, daß sie die ziselierte Fruchtsüße des Weins kontrapunktisch ergänzten und für entsprechende kulinarische Spannung sorgten.

La Fleur de Gay ist der Luxus-Merlot von Château La Croix de Gay. Dessen Besitzer hat 1982 die kleine, vier Hektar umfassende, idyllisch wie prominent zwischen den Granden Pétrus und Lafleur gelegene Parzelle mit recht alten Rebstöcken – um die 50 Jahre und älter – separiert, um daraus einen eigenständigen Wein zu keltern. Der pure Merlot fehlt zwar dem Croix de Gay, aber dafür entzückt Dr. Alain Raynaud die Weinfreunde mit einem Juwel.

Der 1990er in der Doppelmagnum betört mit glänzender purpurroter Farbe und einem verheißungsvollen Bukett nach getrockneten Pflaumen, schwarzen Johannisbeeren und weiteren dunklen Früchten à la Schwarzbeere, flankiert von etwas Tabak, ein bißchen Edelbitterschokolade und einem suggestiven, an Flieder sowie Veilchen erinnernden Duft. Das Tannin ist von mürber Samtigkeit, die Eichenholztöne sind angenehm in Form von sanften Röstaromen spürbar, von Überholzung, wie ein Schweizer Händler argwöhnte, kann keine Rede sein – immerhin wird der Wein zu 100 Prozent in neuen Barriques ausgebaut, aber der Weinkörper ist stark genug, um das Holz nur als zusätzliches Gewürz in sich aufzunehmen. Der Wein ist noch dicht gefaßt, reich an Aromen und von jener feinen Fruchtsüße, wie sie großen roten Gewächsen eigen ist, wenn die auf ihrem Höhepunkt angelangt sind. Ein Höhepunkt, auf dem sich der Wein aus der Großflasche noch lange souverän halten wird. Ein großer Rotwein ist ja einer, der altert, ohne alt zu werden, einer, bei dem sich das oft ungestüme Temperament der Jugend im Laufe der Zeit ins Vielschichtige vergeistigt.

Preislich sind jüngere Jahrgänge in der Standardflasche um die 150 Euro zu haben; die 1990er Doppelmagnum dürfte im Raritätenhandel bzw. bei Auktionen zwischen 750 und 1 000 Euro kosten – freilich ist der 90er selten, die Jahresproduktion liegt total bei ungefähr 15 000 Flaschen.

weine

1990 Riesling Vinothek, Weingut Nikolaihof:
Nach dem Auge, das sich an dem glänzenden hellen Goldgelb erfreut, entzückt der erste Nasenzug. Das Bukett ist ein suggestiver Strauß aus eingelegtem Weinbergspfirsich, Sultaninen, Lindenblütenhonig, getrockneten Weinbergsblüten und etwas Stachelbeere nebst einem sanften Hauch von kandierten Zitrusfrüchten sowie einer sehr zarten Gewürzigkeit. Der Körper ist eine Allianz aus Kraft und Eleganz. Weinige Fülle und kühle Frische, eine zarte Extrakt-Süße und die mineralische Herbe vereinen sich auf spannende Weise zu einem Riesling in Reinkultur.

Der Wein, der 14 Jahre lang im großen Holzfaß reifte (!), drückt so sensibel wie authentisch das Terroir aus. Jeder Schluck gleicht quasi einem Zitat von Erde und Kleinklima. Geschmacklich besticht die verführerisch köstliche, eher kühl und vertikal strukturierte als heiß und breit angelegte Frucht. Das nennt man nervige Brillanz! Hinzu kommt seine Langlebigkeit: 27 Jahre und keine Firne, also würdig gereift - allenfalls eine subtile schwermütige Note kündet vom Wandel der einst ungestümen Jugend ins Weise des Alters.

Diese immer wieder aufs Neue faszinierende Metamorphose vom Grünen ins Goldene erlebte ich übrigens auch bei einem 1977er Riesling Beerenauslese Eiswein, einem sogenannten Nikolauswein: nach 21 Jahre Faßlagerung ein sinnliches Erlebnis in Form von vielschichtig angelegter Edelsüße.

Das nach Demeter-Kriterien bio-dynamisch geführte Gut der in Mautern an der Donau ansässigen Familie Saahs ist unter Kennern bekannt und geschätzt für seine wahrhaftigen Weine, womit Gewächse gemeint sind, die im engen Sinne des Wortes „natürlich“ gekeltert werden. Nikolaus Saahs, der Winzer und Schöpfer des 90ers Riesling, ist ein stiller Mann und ein Gerechter des Weins – inzwischen führt bereits die nächste Generation das Gut. Und die charismatische Prophetin der Nikolai-Weine ist Christine Saahs: „Wir sind so altmodisch, daß wir schon fast wieder modern sind.“ (www.nikolaihof.at)

1963 Taylor’s Vintage Port:
Mittelrot. Intensives, reich nuanciertes Bukett, sehr frisch und kräftig. Tiefer Geschmack nach Kirsche und Kaffee. Konzentriert, unendlich langer Nachgeschmack. Die meisten 1963er sind inzwischen ausgereift, der von Taylor’s befindet sich gerade auf seinem Höhepunkt. Der 1963er, 1948er, 1955er sowie der 1966er von Taylor’s gehören zu den Favoriten im Buckingham Palace.

1966 Taylor’s Vintage Port:
Brillantes Rubin. Fein ziseliertes Bukett nach Kirsche, Zimt und Zedernholz. Reich im Geschmack, dabei feingliedrig, perfekt gereift, auf seinem Höhepunkt.

1985 Taylor’s Vintage Port:
Tiefrot mit Purpur. Reiches Bukett, kräftige Töne nach Beeren, roten Früchten (Kirsche), Vanille, etwas Minze. Hat Tiefe. Ist konzentriert im Geschmack, ein Fruchtpaket, das sich gerade zu öffnen beginnt.

1966 Haut-Brion in der Magnum:
Oft ist zu hören, Wein sei ein Mysterium. Das klingt nach Shakespeare im Glas und arg nach Religion, doch da ist was dran. Gestern habe ich mit Freunden einen 1966er Haut-Brion aus der Magnum entkorkt. Der Jahrgang gilt nicht gerade als Champion des Gutes, aber weil es auf Haut-Brion – etwa im Gegensatz zu Lafite, Margaux und anderen – nie eine ausgeprägte Schwächephase gab, war die Erwartung angemessen hoch. Das Rot war gebleicht, der Duft ein Mix aus gerösteten Kaffeebohnen, Lakritze, Tabak und etwas Waldboden. Der Wein gestattete sich noch einen Anflug von Köstlichkeit, doch sei er doch schon recht welk, lautete das Urteil.

Und siehe da, nach einer knappen Stunde blühte der 66er auf. Keine Spur mehr von Champignons im Bukett, wie weggeblasen jegliche Morbidität. Aus dem Glas strömte es delikat nach reifen schwarzen Früchten, nach Cassis, Leder, Tabak und ein bißchen Minze: Auch geschmacklich hatte der Wein enorm zugelegt – er gab sich auf einmal dicht und reich an Nuancen; selbst die Farbe, man mochte es kaum glauben, schien dunkler geworden zu sein. Es gibt eben Weine, die Rätsel aufgeben, uns immer wieder verblüffen.

Das Unberechenbare am Wein fasziniert. Es bewahrt vor Langeweile, ist sozusagen der Triumph der Seele über den Verstand, zugleich freilich auch eine Warnung vor dem Hochmut in Gestalt einer Eh-schon-alles-wissen-Attitüde. Keiner weiß alles über Wein. Deswegen braucht man sich dem Wein nicht demütig zu nähern. Dies wäre übertriebene Frömmelei. Respekt hingegen darf sein, auch Geduld – dem sauber gemachten Landwein gegenüber ebenso wie einer Rarität. Vor allem jedoch sollen uns Wein & Co eines vermitteln: unbeschwerten Genuß!

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