Korkenzieher: Kunstobjekt und der Schlüssel zum Weingenuß

„Eine gute Flasche Wein ist vor allem eine offene Flasche Wein“ – piemontesische Redensart.

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Gefragt, was ein Mann von Lebensart immer zur Hand haben müsse, antwortete der Gentle­man: „Einen Korkenzieher. Eine Flasche wird sich schon finden.“ Die Tiefe dieses Spruchs, dem übrigens auch mein Onkel, ein begnadeter Trinker, anhing, wird sich jedem erschließen, der in einem Landhotel zu später Nachtstunde versucht, mit dem Korkenzieher aus der Mini­bar ein besseres Châteaugewächs aus Bordeaux zu öffnen. Gegen dieses Martyrium ist Dantes Inferno eine Gutenachtgeschichte. Die Empfehlung, nie ohne Korkenzieher das Haus zu ver­lassen, bedarf also einer bedeutsamen Ergänzung: Es muss einer mit Seele sein.

Unter Seele versteht man jenes luftige Nichts, um das sich die Spirale windet. Fehlt das Nichts, hat man es mit einem Bohrer zu tun, der allenfalls Korken von einem Zentimeter Länge gewachsen ist, wie sie in Billigsdorfern stecken. Um jedoch bei Hochgewächsen mit Korken von fünf, sechs und mehr Zentimetern anständig die Barriere zum Genuss zu über­winden, bedarf es eben eines seelenvollen Geräts, das übrigens als solches ausgewiesen ist, wenn die Innenwindung so weit offen ist, dass mühelos ein Streichholz durchgeschoben wer­den kann.

Korkenzieher 1_tbAlles andere ist eine Frage des Geschmacks, auch der Gewöhnung und natürlich der persönli­chen Vorliebe. Für das eine Modell benötigt man mehr Kraft, für ein anderes eher Fingerspit­zengefühl. Manche ärgern einen zu Tode. Andere sind sogar gefährlich. Komische bis peinli­che Situationen ergeben sich mit Korkenziehern, die nur funktionieren, wenn man die Flasche zwischen die Schenkel presst. Es gibt dekorative, prächtige, originelle und schlichte Korken­zieher. Aber so reizvoll die Vielfalt für den Sammler ist, so sorgfältig soll das Werkzeug ge­wählt werden, will man mit Eleganz an den Wein kommen.

Als Klassiker gilt der Kellnerkorkenzieher, auch „Barman“ oder kurz „Kellnermesser“ ge­nannt. Markus del Monego, einer der besten deutschen Sommeliers, schwört auf dieses in unzähligen Varianten angebotene Modell, nur: „Aus schwerem Metall muss es sein.“ Und Erfahrung im Umgang ist vonnöten, denn der Korken lässt sich nur dann sauber heraushebeln, wenn er zuvor vom Gewinde ziemlich genau in seiner Mitte angebohrt worden ist, doch nicht durchgebohrt, weil sonst Krümel in den Wein fallen könnten. Zarten Armen ist der „Barman“ jedenfalls nicht anzuraten.

Erheblich weniger Kraftaufwand erfordern Flügelkorkenzieher, die so heißen, weil während des Hineindrehens der Spirale zwei Hebel flügelartig hochkommen, die dann hinunterge­drückt werden, wodurch automatisch der Stöpsel gehoben wird. Ähnlich einfach funktioniert das Entkorken mit dem selteneren ziehharmonikaähnlichen Gliederkorkenzieher, der soge­nannten „Spindel-Glocke“. „Butler’s Friend“ nennt man den Federkorkenzieher, bestehend aus zwei parallel an einem Handgriff befestigten Stahlfedern, die zwischen Flaschenhals und Korken gedrückt werden, bevor man den Griff dreht und somit den Stoppel praktisch aus der Flasche schneidet. Nebst Routine braucht man für dieses Gerät freilich den Optimismus, dass es auch funktioniert. Dann eignet es sich besonders gut für alte, leicht gebrechliche Korken (und Weinfälscher schätzen das Ding, um Korken auszutauschen).

Den meisten Komfort bieten die diversen „Screw Pulls“ vom handsamen Taschenmodell bis zum luxuriösen „Lever Model“ Gemeinsam ist den von einem texanischen Raumfahrtingenieur erfundenen „Screw Pulls“ die extrem lange und dünne Spirale aus festem, doch zugleich biegsamem teflonbeschichtetem Federstahl mit der nadelscharfen Spitze, der kein Korken zu widerstehen vermag. Der dünne Stahldraht lässt den Korken nicht bröseln, den er übrigens dank eines ebenso schlichten wie raffinierten Dreh-Tricks weich wie Butter aus der Flasche holt. Einzig bei außergewöhnlich festen Korken passiert es, dass dieses High-Tech-Besteck versagt, was dem Kellnermesser zu einem triumphalen Einsatz verhilft.

Hahnenmodell für Champagner

Gänzlich von der Bildfläche verschwunden ist ein ehemals erfolgreicher Zweig der Korkenziehertechnik: das Hahnenmodell für Schaumweine. Oben an der hohlen Schraubvorrichtung war ein kleiner Hahn angebracht, verbunden mit einem dünnen Gestänge, das sich durch den Korken bohren und solcherart das Abzapfen des edlen Getränks durch die weiterhin geschlossene Flasche ermöglichte. Das erlaubte den Genuß in kleineren Rationen ohne die Gefahr vorzeitiger Oxidation. Solche Modelle sind heute rar und gesucht.

Egal, ob man nun zieht, hebelt, drückt oder dreht: Der Korkenzieher ist seit circa 300 Jahren der Schlüssel zum Weingenuss. Wann sich ein Durstiger erstmals dieses Werkzeugs bediente - und wie es beschaffen war - ist nicht bekannt. Fest steht, dass 1681 zum ersten Mal „ein stählernes Gewinde zum Entfernen von Korken aus Flaschen“ in der Literatur erwähnt wird. Dabei hat es sich um ein schlichtes Ding aus Quergriff mit Gewinde gehandelt - ähnlich wohl dem Bohrer zum Entfernen von Kugeln aus Vorderladern. Im Prinzip hat sich an der Methode bis heute nichts geändert, sieht man von Luftdruckpumpen sowie elektrisch betriebenen Kor­kenziehern ab, die sich allerdings bei den überwiegend konservativ gesinnten Weinfreunden nicht durchgesetzt haben.

Korkenzieher 2_tbDas erste Patent für einen Korkenzieher wurde im trinkfreudigen England im Jahre 1795 aus­gestellt. Ein Pastor aus Oxford hatte es bekommen für seinen Heber aus Rundgewinde mit versilbertem Schaft und Griff aus Edelholz, an dem ein kleines Bürstchen aus weißem Dachs­haar befestig war, mit dem Flasche und Etikett gesäubert wurden. Solche alten Modelle sind begehrte Sammlerstücke, die bei Auktionen teuer unter den Hammer kommen. Fundgruben für alte Korkenzieher sind Trödlermärkte und Antiquitätengeschäfte, zumal in London, Paris und Brüssel.

Schnäppchen sind allerdings rar geworden. Attraktive Sammlerstücke befinden sich übrigens im Victoria und Albert Museum in London sowie im Historischen Museum in der Pfalz in Speyer, doch die schönsten Exemplare sind in privater Hand wie beispielsweise der eines Bremer Sammlers.

Nötig wurden Korkenzieher, seit Flaschen nicht mehr mit Hanf, Wolle, Leinen, Holz, Wachs, Harz und Öl, sondern zunehmend mit Stöpseln aus Korkeichenrinde verschlossen wurden. Das begann im 17. Jahrhundert als Folge des aufkommenden Wohlstandes und der sich ändernden Trinkgewohnheiten. Es wurde modern, Wein bei Tisch in Flaschen zu servieren, statt ihn offen aus Krügen auszuschenken. Heute ist der Korkenzieher ein selbstverständliches Gerät; um die 100 Millionen Stück werden in deutschen Haushalten vermutet.

Wie dürftig ein Leben ohne Korkenzieher sein kann, hat der amerikanische Schauspieler W. C. Fields erkannt. „Wir verloren unseren Korkenzieher und waren gezwungen, mehrere Tage lang nur von fester Nahrung und von Wasser zu leben.“ Der arme Fields, er wusste nicht, dass sich der Korken auch löst, wenn man mit einem schwerem Buch unermüdlich auf den Boden der Flasche schlägt.

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