1988 Bordeaux: Die Blüte eines falsch eingeschätzten Jahrgangs

Der Durst ist eine Weltmacht und neben dem Hunger der getreueste Begleiter des Menschen. Im Gegensatz zum banalen Tagesdurst, der mit Wasser, Tee, Milch und dergleichen Harmlosigkeiten gelöscht wird, befriedigt der Feintrinker den heiligen Durst kultiviert mit Wein. Das ist die Hohe Schule des Trinkens nach dem klassischen Goethe-Motto „Freue dich Seele, jetzt kommt ein Platzregen.“ Dieses schöne Gefühl erlebten wir kürzlich im Restaurant Obauer im salzburgischen Werfen mit einigen fein aufgeblühten 1988ern aus dem Bordelais, darunter Chateaux à la Mouton, Margaux, Figeac sowie Yquem (Wir, das sind männlicherseits Dr. Peter Baumann, Dr. Josef Krenner, Rupert Heider, Hans Feiler). Und weil es der launige Zufall gut gefügt hat, daß in den vergangenen Wochen weitere 88er in meinen Gläsern glänzten, wage ich eine kleine Huldigung an diesen notorisch bis heute falsch einge- und unterschätzten Klassiker.

Baumann Portraet_am_TischDer 1988er ist ein Wein von klassischer Machart, was insbesondere für die Gewächse aus dem Médoc gilt sowie die Edelsüßen aus dem Sauternes, wo wahrhaft große Kreszenzen wuchsen. Die Weine sind nicht so mächtig wie 1982, nicht so würzig wie 1985, nicht so schmeichlerisch wie 1989, auch nicht so elegant wie 1986. Und sie verfügen in der Regel nicht über den von geschmeidiger Fülle, ja Wucht und Eleganz geprägten Reichtum der 1990er. Die anfänglich von ziemlich harten Tanninen umfangenen 1988er litten im Schatten der sofort als groß besprochenen Weine ihrer beiden Nachfolger; in der allgemeinen Meinung ist der muskulöse Jahrgang, der sich anfangs recht unzugänglich gab, völlig verkannt worden. Allerdings ist die Cabernet Sauvignon auf einigen Gütern aus Sorge vor Regen zu früh und somit unreif geerntet worden, was Weine mit grünen Gerbstoffen und ruppiger Art ergab.

Wer jedoch nicht Meinungen über Tatsachen, sondern den Tatsachen selbst traute, in Subskription einige der feinen Vertreter erwarb, sich in Geduld übte und die Weine lange liegen ließ, hatte Weine von großartiger Struktur und Eleganz gewonnen. Zu den Klassenbesten zählen beispielsweise: Mouton-Rothschild (88 D-Mark in der Subskription von 1989), Lafite-Rothschild (92 Mark), Pichon-Longueville Comtesse de Lalande (50 Mark), Margaux (87 Mark), Cos d’Estournel (44 Mark), Léoville-Las Cases (48 Mark), Lynch-Bages (35 Mark), Latour (84 Mark), Ausone (100 Mark), L’Eglise-Clinet (38 Mark), Pontet-Canet (25 Mark), Lafleur (150 Mark). Heute liegen die Preise weit darüber und der Weinfreund singt das altbekannte Lied in Moll: Hätte man damals nur mehr Geld gehabt und mehr gekauft.

1988 Château Montrose, 2ème Cru classé, St. Estephe: Immer noch von Gerbstoffen durchzogen und geprägt, die etwas adstringierend wirken. Die Lese ist wohl zu früh erfolgt, so daß die Cabernets nicht perfekt ausgereift sind, was dem Wein gewisse grüne Noten verlieh, ergänzt um Tabak und Leder. Es fehlt die Tiefe und die für Montrose ansonsten so typische wie herrliche, mit Ernsthaftigkeit gepaarte Aromen-Dichte - wie sie bei 1989 und vor allem 1990 in geradezu idealtypischer Weise begeistert.

1988 Château Pichon Longueville Comtesse, 2ème Cru classé, Pauillac: Ein Wein, geprägt von schwarzen Früchten und feinen Gerbstoffen, einer von seidig-zarter Struktur, mit Finesse. Lange hatte er sich auf einem aromatischen Hochplateau gehalten, nun beginnt ein langsamer Abstieg in tiefer liegende Ebenen, in denen die tertiären Stoffe dominieren von Tabak über Leder und getrockneten Kräutern bis hin zu Schokolade. Nach wie vor ein Charmeur.
Château Lynch-Bages, 5ème Cru classé, Pauillac: Der vor 29 Jahren äußerst kraftvoll ins Leben gestartete Wein bietet, gute Flaschenlagerung vorausgesetzt, immer noch Genuß. Außer Zedernholz und etwas Leder nebst einem Hauch von Minze haben sich fruchtige Noten wie Himbeere und schwarze Johannisbeere gehalten; das ursprünglich selbstbewußte Tannin hat sich fein geglättet.

1988 Château Mouton-Rothschild, 1er Cru classé, Pauillac: Ein Aromen-Athlet. Tiefdunkelrote Farbe ohne Schwächen. Schon der erste Nasenzug läßt Größe erahnen. Dicht gefügter, muskulöser Fruchtkörper mit Noten von Cassis, schwarzer Trüffel, Assam-Tee, etwas Edelbitterschokolade, Süßholz und den feinen, so typischen Hauch Minze. Der wuchtig zu nennende Wein hat eine attraktive balsamische Würze, im langen Nachklang schwingt ein bißchen Karamell mit. Er ist samtig gereift. Geschmacklich ist der Wein mit dem starken Rückgrat und der würzigen Opulenz auf einem Höhepunkt, auf dem er sich noch lange halten wird. Wer eine perfekte Flasche öffnet, sollte den Wein dekantieren und ihm wenigstens eine bis zwei Stunden an der Luft gönnen.

Der 1988er Mouton hat die Trinker über die Jahre hinweg erfreut und enttäuscht, verwirrt und gedemütigt und sie gelehrt, wie problematisch frühe Urteile über einen brandjungen Wein sein können. Nicht wenige Rezensenten verkannten nämlich im Schatten des als Jahrhundertwein gerühmten 1989ers die klassische Statur des 1988ers. Sie schrieben von dünnem Gerüst und prophezeiten ein frühes Austrocknen – selbst Robert M. Parker hat den Wein unterschätzt, dies jedoch später eingeräumt und, völlig zu recht, konstatiert, der 1988er Mouton sei dem 1989er und 1990er überlegen.

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Vor 22 Jahren habe ich über den 1988er geschrieben: „Dichter Körper, noch verschlossen. Im Glas wird der Wein nuancierter, gibt er Töne nach Zedernholz, Tabak, Gewürzen und der typischen Minze frei. Röstaromen spielen hinein. Geschmeidiges Tannin. Reich und lange im Abgang. Wein mit Kraft und Eleganz.“ Beim 1989er notierte ich, ebenfalls vor 22 Jahren: "Starke Röstaromen und einen verbrannt wirkenden Ton: lecker, aber nicht groß." Am 1990er vermißte ich „die dem Jahrgang angemessene Größe, wie sie Latour und Margaux so wunderbar besitzen“.
1988 Château Léoville-Las Cases, 2ème Cru classé, St. Julien: Von Anfang an ein sehr gelungener Wein, ja einer der Jahrgangsbesten. Verfügt noch über einen dicht gebauten Fruchtkörper mit Aromen nach Zedernholz, Cassis, Gewürzen. Eine ziselierte Süße umspielt den geschmeidig gereiften Wein.

1988 Château Palmer, 3ème Cru, Margaux: Dunkelrot fließt der Wein aus der Karaffe ins Glas. Es dauert keine zwei Sekunden und sein Duft, intensiv und zugleich vielschichtig, erobert die Nase mit einem Mix aus dunklen Früchten wie speziell Brombeere, eingelegte Pflaume, etwas Vanille, schwarzem Trüffel und Tabak. Die fruchtigen Primäraromen sind noch ziemlich stark ausgeprägt, der Wein befindet sich in einer Entwicklungsphase, die steil nach oben weist. Geschmacklich zeigt sich der 88er, wie es sich für diesen klassischen Médoc-Jahrgang gehört, anfangs zurückhaltend, doch im Glas öffnet er sich zunehmend, zeigt er Fülle, Kraft, Tiefe und Eleganz der strengeren Art – kein Schmeichler, ein Wein, der die Sinne fordert. Das von Parker vor einem Jahrzehnt noch als „grob“ bezeichnete Tannin beginnt sich nun zu glätten. Diesen beeindruckenden, noch sehr jugendlichen Wein habe ich im Oktober 2012 im Restaurant Obauer mit Dr. Peter Baumann getrunken.

Palmer wird gerne und zu recht für seine seidige Finesse gerühmt. Das stimmt, der Wein mit dem für ein Médoc-Château sehr hohen Merlot-Anteil von knapp 50 Prozent vermag durch seine raffinierte Duftigkeit und den samtenen Körper zu begeistern, aber es irrt, wer hinter der verführerischen Hülle nicht den ernsten Kern erkennt, nicht begreift, daß der Inhalt hält, was die Form verheißt. Erfahrene Trinker wissen, welchen Genuß ein 1961er Palmer bot – lange Jahre einer der Fürsten dieses legendären Jahrgangs. Auch der 1966er, 1970er haben Premier-Cru-Klasse, ebenso wie 1983, 1999 und 2000. Der 1900er, 1928er, 1945er und 1962 gehören gleichfalls zu den großen Weinen. Und selbst ein 1967er, fürwahr kein grandioses Jahr, vermag, auf subtile Weise von Reife geprägt, heute noch mit zarten trüffeligen, schokoladigen und leicht kräuterigen Aromen zu erfreuen.

Immerhin hatte das Troisième-Cru-Château, lange bevor man von „Super-Seconds“ sprach, solchen Ehren-Status erreicht. Zwischen 1962 und 1978, als Château Margaux sich in einer Schwächephase befand, war Palmer der unbestrittene Platzhirsch der Region; erst die Wiederauferstehung von Château Margaux stellte die alte Rangordnung wieder her, wenngleich Palmer in einigen Jahrgängen gut genug ist, um Margaux erfolgreich Paroli bieten zu können.

Das berühmte, unvergleichliche Margaux-Düfterl

Es war im Jahre 1988, als sich auf Château Lascombes rund 50 Weinexperten, darunter neben einigen Journalisten vor allem Gutsbesitzer, getroffen haben, um trinkend und diskutierend eine Antwort auf die Frage nach dem typischen Geschmacksbild der Weine aus der Region Margaux zu finden. Aus der Vielzahl der Begriffe kristallisierte sich folgender gemeinsamer Nenner heraus:
Farbe: dunkles Granat.
Bukett: Aromen, in denen schwarze Trüffel, Brombeeren und Maulbeeren dominieren, mit Anflügen von Vanille und Tabak. Zudem sind auch Gerüche von Harz, Veilchen und gedörrten Pflaumen vorhanden.
Geschmack: Die Weine zeigen sich konzentriert, sind in ihrer Intensität reich und großzügig. Sie haben eine komplexe, harmonische Struktur und weisen eine gewisse Öligkeit auf. Ihre Rasse und Persönlichkeit sind nicht zu übersehen, ein besonderes Merkmal ist der nachhaltige Abgang.

Naja, ob dieser Steckbrief wirklich hilfreich ist und von der unverwechselbaren Typizität eines Margaux-Weines kündet, darf in Frage gestellt werden. Die Beschreibung gilt wohl auch für andere Regionen des Médoc wie speziell Weine aus Pauillac und St. Julien. Richtig ist allerdings, daß die guten und zumal großen Gewächse aus Margaux über ein ganz eigenartiges, ja in manchen Jahren wahrhaft unvergleichliches Bukett verfügen, also das klassische Margaux-Düfterl.

Das hat, immerhin, 1850 schon Charles Cocks gerühmt, der Engländer, der später mit Edouard Feret die Bordeaux-Bibel herausgab: „Diese Weine, sind sie zur Reife gelangt, haben viel Finesse, eine schöne Farbe, ein sehr anmutiges Bukett (!), das gar dem Mund schmeichelt; sie sind voller Kraft, ohne wuchtig zu sein; sie regen aufs Neue den Magen an, zugleich den Kopf schonend; sie halten den Atem rein und den Mund frisch.“



1988 Château Margaux, 1er Cru classé, Margaux:
Zwei aktuelle Verkostungen, zwei mal Genuß. Eine Flasche ist am vergangenen Samstag, 4. März 2017, im schönen Hotel Kronenschlößchen beim 21. Rheingauer Gourmet & Wein-Festival im Rahmen einer grandios inszenierten Verkostung von 30 Jahrgängen Château Margaux zwischen 1945 und 2003 entkorkt worden. Die zweite erfreute am 25. Februar dieses Jahres bei Obauer. Beide Weine bestachen durch muskulösen Körper und eine reiche Aromatik in Form von roten sowie schwarzen Früchten, gepaart mit Veilchen, schwarzer Trüffel, schwarzem Tee und ein wenig Edelbitterschokolade - im Nachklang schwang ein feines Karamell mit. Beide Weine bezauberten Nase sowie Gaumen durch verführerische Süße. Das Tannin zeigte noch Präsenz, doch war es bereits weitgehend geglättet und samtig gereift.

Die bei Obauer getrunkene Flasche aus dem Keller von Dr. Peter Baumann (Weinsammler aus Linz in Oberösterreich) war in besonders guter Verfassung: tiefdunkelrote Farbe, hochkonzentriert, lange anhaltend, sehr klassisch. Dazu hatte ich Paprikakutteln mit Saurüssel gegessen; das von Rudi Obauer meisterlich komponierte Gericht war der rechte würzige Gegenpol zum Wein, der bei aller margauxigen Finesse jahrgangsbedingt über eine stringente Ernsthaftigkeit verfügt. Der Wein beim Rheingau-Festival war um eine Spur weiter gereift und der ideale Partner zu einem von Küchenchef Simon Stirnal mit sehr feiner Hand zubereitetem Sot-l'y-laisse vom Hahn mit blauen Kartoffeln und Trüffeln (Sot-l'y-laisse, auch Pfaffenschnittchen genannt, sind kleine Fleischstückchen vom Geflügel, eingebettet in Skelettmulden beiderseits der Wirbelsäule am Rücken).

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1988 Château Le Tertre-Roteboeuf, Grand Cru, St. Emilion: Die Farbe glänzt noch in einem dunklen Rot. Der Wein besticht durch seine konzentrierte Kraft und geradlinige Art. Das Tannin war von Anfang an wohl prägnant, doch hat es sich längst ins Weiche gerundet. Der zu 80 Prozent aus Merlot und 20 Prozent aus Cabernet Franc zusammengesetzte und total in Barriques aus neuem Holz ausgebaute Wein glich in seiner Jugend einem Fruchtmonster, ein bißchen vordergründig gestylt. Neben fruchtigen Tönen sind heute Röstaromen prägend. Der Wein ist eine Rarität (es sind gerade mal an die 2 000 Kisten à 12 Bouteillen gefüllt worden).

Le Tertre Roteboeuf ist ein modern gemachter Wein, bei dem nicht an neuem Holz gespart wird. Körpertrinker sind fasziniert von der üppigen Aromatik, Eleganztrinker hingegen vermissen Nuancen und Finesse. Tatsächlich ähneln sich die Jahrgänge. Es ist fraglos ein Wein von suggestiver Wirkung, doch näher an der Eindimensionalität als der Individualität.

1988 Château Haut-Brion, 1er Cru classé, Graves: Die den 1988er über viele Jahre hinweg begleitende Robustheit hat sich ins Geschmeidige, ja Finessige gewandelt, ohne daß der Wein an Kraft eingebüßt hätte. Wohl verfügt er nicht über die Brillanz, den Reichtum und die unwiderstehliche Eleganz seines Nachfolgers, des legendären 1989ers. Der gehört wie1900, 1921, 1926, 1928, 1929, 1945, 1947, 1949, 1959, 1961, 1982, 1990, 2000, 2005, 2009 sowie 2010 zu den Exquisitessen im Bordelais und somit zu den besten Weinen weltweit. Aber auch der 1988er hat seine Talente – und dies nicht zu knapp, wie eine vorige Woche verkostete Flasche erwies.

Tiefdunkelrot floß der Wein ins Glas, wo er im Nu sein reiches Parfüm verströmte mit Noten von roten Früchten (wie speziell schwarzen Johannisbeeren, Holunder, dunklen Kirschen), akkompagniert von etwas Kaffee, Lakritze, getrockneten Kräutern, Leder und Tabak. Der Körper ist dicht gewoben, muskulös, das anfänglich harte Tannin hat sich geglättet. Der Wein mit der zarten Süße besticht durch nuancierte Aromatik, durch erdverbundene, mineralisch geprägte Töne, vor allem durch seine Grazie: neben der hohen Komplexität das klassische Merkmal eines Haut-Brion, der eben ganz anders riecht und schmeckt als ein Médoc oder gar Pomerol. Diese Grazie wird übrigens nicht selten als „leicht“ mißdeutet.

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Im Gegensatz zu einem Mouton-Rothschild, dessen würzige Fülle einem sogleich den Gaumen tapeziert, oder einem warmwürzigen Merlot-Riesen wie dem Pétrus drängt sich ein Haut-Brion nicht auf. Dem muß man entgegen kommen, will man seine subtil gefächerte Finesse bis ins letzte Tüpferl wahrnehmen und genießen. Über das Gut muß nicht langmächtig parliert werden, nur so viel sei angemerkt, daß der im Schnitt aus 45 Prozent Cabernet Sauvignon, 40 Prozent Merlot und 15 Prozent Cabernet franc komponierte Wein wie Latour seit über hundert Jahren für seine beständige Güte zurecht gerühmt wird, ausgenommen die Phase von 1967 bis 1974, als die Weine leichter ausfielen, sich auch spröder gaben als davor und danach. Der große Mann auf dem Château ab 1961 war Jean-Bernard Delmas, ein genialer Weinmacher, der Ende 2003 sein Amt an Jean-Philippe Delmas übergab, seinen Sohn.

1988 Château Figeac, 1er Grand Cru Classé B, St. Emilion: Der Wein fiel von jeher eher unangenehm durch ein seltsam dumpfes, vegetabil und von grünen Kräutern dominiertes Bukett auf. Auch geschmacklich gab sich der Wein von Jugend an störrisch, harsch, karg. Optimistische Figeac-Fans - und von denen gab und gibt es viele - frugen bange, ob der Wein jemals Schmelz, vielleicht gar Finesse bekäme? Die Antwort kann gegeben werden: Nein! Mittelrot ist die Farbe, umgeben von einem Wasserrand. Die Nase registriert Noten von Unterholz, Tabak, Röstaromen (Kaffee), Wacholder, Lakritze. Der Wein ist leichtgewichtig, er wirkt derb, oberflächlich, gewöhnlich und ist kurz im Abgang. Es fehlt jegliche Finesse.

Margaux KikokIm Jahre 1988 hatte Eric d'Aramon, der Schwiegersohn von Gutsherr Thierry Manoncourt, die Leitung übernommen und den Jahrgang zu verantworten. Es darf wohl angenommen werden, daß man im Herbst die Nerven verloren und aus Sorge vor Regen - wie 1987, als in den ersten Oktobertagen ein Gutteil der Cabernet-Ernte verwässert und ein möglicher Jahrhundertwein vermasselt worden ist - die Cabernet-Trauben zu früh und zu grün in den Keller geholt hatte (immerhin besteht die Cuvée im Normfall zu je 35 Prozent aus Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc, der Rest ist Merlot). Seine beste Phase hatte das Gut zwischen 1949 und 1970; danach gab es wohl noch grandiose Weine wie z. B. 1982 und 1990, aber die Unregelmäßigkeit war ein ständiger Begleiter. Über allen thront der 1949er, ein Gigant, der heute noch durch seine köstliche Süße und das delikate Mix aus Zedernholz, Pflaume, schwarzer Trüffel, Leder, kandierten Früchten und Bitterschokolade nebst einem aparten Hauch von Minze begeistert.

Thierry Manoncourt, auch der Gentlemanwinzer von St. Emilion genannt und im Spätsommer 2010 im Alter von 93 Jahren gestorben, hatte auch seinen 1982er geliebt - wie den noblen 1998er, den eleganten 1990er, den brillanten 1970er, den exzellenten 1959er und die Feinen von 1964, 1961, 1955, 1953. Stolz war er zudem auf den 1974er, der exemplarisch zeigte, wie viel Gutes sich selbst aus einem so schwachen Jahr gewinnen läßt.

Eigentlich mochte der schlanke und hochgewachsene Mann, der 1943 als studierter Weinbauingenieur das Familiengut auf Drängen der Mutter übernahm, jeden seiner Weine. Mit offenen Lobpreisungen auf Figeac und dem notorischen Hinweis, daß eigentlich sein Wein der Beste aller St. Emilions sei, hat Manoncourt so manchen Besucher freilich etwas irritiert und auch genervt, etwa wenn er ihm eine Handvoll Kies unter die Nase gehalten und in schamanenhaftem Beschwörungston gesagt hatte, der Boden sei mindestens so gut wie der von Cheval Blanc, seinem Nachbarn. Thierry Manoncourt hat es nie verwunden, daß sein Wein unter den 18 Premiers Grands Crus Classés „nur“ in der zweiten B-Kategorie geführt wurde, also kein A-Premier war (wie Angélus, Ausone, Cheval Blanc, Pavie). Aber bitte, Manoncourt hat Figeac nicht nur geführt, sondern mit Hingabe auch gedient und geliebt; dem Wein hat er sein Leben gewidmet, er war sein Herzblut.

Figeac ist mit seinem hohem Anteil an Cabernet in guten Jahren ein Wein, der sozusagen Ernst mit Finesse verbindet. In weniger gelungenen Jahren, die es ebenfalls gibt und nicht zu knapp – speziell, wenn der Cabernet nicht ausreifte - , verstört der Wein mit betont vegetabilen und kräuterigen Akzenten. Einigen Jahrgängen mangelt es zudem an Konzentration. In den letzten Jahren hat die Qualität allerdings kontinuierlich zugenommen, was u.a. auch an einer verlängerten Maischezeit sowie späterer und selektiverer Lese liegt. Generell wirkt ein Figeac schon in jungen Jahren recht geschmeidig, doch das sollte nicht über die Lagerfähigkeit hinwegtäuschen.

Bdx 88_Haut_Brion_La_Mission1988 Château Lafleur Magnum, Grand Vin, Pomerol: Tiefdunkelrot, fast ins Schwärzliche weisende Farbe. Ein anfänglich fest geschnürtes, sich im Glas jedoch zunehmend öffnendes Duftpaket; so könnte es geduftet haben, als Scheherezade ihre Märchen aus Tausend und einer Nacht erzählt hat! Dicht, extraktreich und komplex geschichtet ist der Fruchtkörper mit Noten von Kirsche, Johannisbeere, Veilchen, Dörrobst, Leder, Edelbitterschokolade und Gewürzen. Ein hochkonzentrierter Wein, dessen Gerbstoffe sich ins Geschmeidige geglättet haben, ja man meint, darauf mit angenehmem Mundgefühl kauen zu können. Ein Wein mit weiterem großem Potential, einer der Jahrgangsbesten überhaupt. Toni Viehhauser, der kundige Weinhändler, hat über diesen Lafleur gesagt: "Zurücklehnen und genießen. In solchen Momenten bin ich mit dem Leben sehr zufrieden."

Der im Regelfall halbehalbe aus Merlot und Cabernet franc komponierte Lafleur verfügt über eine besondere Distinktion; er ist niemals vordergründig, eher streng in seiner Stilistik, in diesem Sinne ein bisschen an einen Barolo erinnernd, mitunter sogar herrisch und meist komplex strukturiert. Freilich muß man bei Lafleur zwischen der Epoche vor 1985 und danach unterscheiden. Es war Jacques Guinaudeau, der 1985 das Gut von seiner Großtante gepachtet und es Ende 2001 von ihr geerbt hatte, der 1987 den Zweitwein und ab 1988 die seither strikt durchgeführte Selektion bei den Trauben eingeführt hat (1987 wie 1991 ist kein Lafleur gefüllt worden).

Bis dahin hatten Marie-Geneviève und ihre 1984 verstorbene Schwester Thérèse Robin - beide unverheiratet und Originale, auch etwas skurill – seit 1945 das vom Vater übernommene Gut auf archaische Weise geführt, beispielsweise in einer Mischung aus Gottvertrauen und Geiz jede Traube für Lafleur bestimmt, auch weitgehend auf neues Holz verzichtet. Aber bitte, das ergab solche Weingiganten wie den 1945er (damals noch unter „1er Grand cru Pomerol“ etikettiert, ab 1951 nur noch schlicht als „Grand cru“), 1947er, 1949er, 1950er. Auch 1948, 1952, 1955, 1961, 1962, 1970, 1971 und vor allem 1975 haben große Klasse.

Der im Regelfall kraftvolle bis wuchtige Körper von Lafleur ist zum einen die Mitgift des Terroirs in Kombination mit traditionell später Lese – wobei letzteres allerdings die gewisse Überreife in manchen Jahrgängen erklärt; auch das Durchschnittsalter der Rebstöcke von 30 Jahren spielt eine Rolle; etliche Stöcke sind älter als 50 Jahre, auf Lafleur ist man vom Jahrhundertfrost des Jahres 1956 weitgehend verschont geblieben. Zum anderen ist es der für Pomerol hohe Anteil an Cabernet franc, der dem Wein seine Vielschichtigkeit und die für Lafleur so typische Ernsthaftigkeit wie Langlebigkeit und Andersartigkeit gegenüber den Pomerol-Genossen gibt.

1988 Yquem, 1er Cru Supérieur, Sauternes: Ein großer und kapitaler Edelsüßer mit Aromen wie Honig, Orangenzesten, Bienenwachs und getrockneten Südfrüchten à la Ananas nebst einer zarten karamelligen Süße, gefolgt von Kokos und Haselnuß. Die mächtige Botrytis des Jahrgangs sorgt für eine subtile edelbittere Note inmitten der wuchtigen, dabei klar intonierten Süße. Ein Naturwunder im Jugendstadium mit herrischer Süße, raffiniert, klassisch. Und dazu paßte kongenial der köstlich gebackene Blunz'nstrudel (auf deutsch: Blutwurststrudel), der traditionell zu jedem Treffen des von Dr. Peter Baumann seit vielen Jahren geführten Obauer-Weincercle aufgetischt wird (apropos: In einer der nächsten Feinschmeckereyen werde ich speziell über diese delikate Speise in Verbindung mit einem ganz besonderen edelsüßen Gewächs berichten - ein privates Weltereignis, so viel sei kühn angedeutet).

Weitere prächtige Yquem-Jahrgänge jüngeren Datums sind beispielsweise: 2009 (unendliche Tiefe und Finesse), 2005 (monumental, Tiefe und Eleganz), 2003 (mächtig, konzentrierte Süße), 2001 (kraftvoll, opulent mit klar akzentuierter Aromatik, ein perfekter Yquem), 2000 (dank rigoroser Selektion entstand ein kräftiger Wein mit großzügigem Gefüge und delikater Süße), 1998 (ein sämig fließender Wein, füllig, ja opulent), 1997 (groß, körperreich, vielschichtig mit schwelgerischen Aromen, verführerische Süße), 1996 (kraftvoll, aber nicht füllig, ein ernster Wein mit viel Potential), 1990 (mächtig, ausgewogen mit Liebreiz, enorm starker Fruchtkörper, ausgestattet mit einem Lebenswechsel für die nächsten 100 Jahre), 1989 (prachtvoll, viel Honigsüße, konzentriert), 1986 (kräftig, elegant, brillante Fruchtnoten, ausgewogen), 1983 (intensiv, grazil, raffiniert), 1980 (ölig, reich, komplex geschichtet, facettenreich).

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