Primeurs 2016: Pro und Contra Subskription

Im Bordelais herrscht Euphorie, also: Hereinspaziert, der Vorhang ist hochgezogen, die Bühne bereit für die rituelle Marathon-Verkostung des Jahrgangs 2016. Wie alljährlich im Frühling fällt auch diesmal eine erkenntnisdurstige Rotte von Journalisten und Händlern aus aller Welt ein, um den neuen Wein zu verkosten und darüber mehr oder weniger sachlich, mehr oder weniger blumig zu berichten. Diesmal ist, offiziös beginnend am 3. April, naturgemäß der 2016er das aktuelle Objekt der Begierde - ein Wein, dem bereits Lobeshymnen gesungen werden. „Mit dem, was wir heute in den Fässern haben, können wir von einem großen Jahrgang sprechen“, jubelt Olivier Bernard, Chef der Domaine de Chevalier. Und Bernard Magrez (Château Pape Clément) bewertet - wie übrigens auch sein Kollege von Château Angelus - den 2016er ähnlich hoch wie das Duo von 2009 und 2010; bei Angelus spricht man dank eines idealen Wetterverlaufs poetisch verklärt von einem "A-la-carte-Jahrgang der strahlenden Art".

Primeurs SortiertischZwar kursieren vereinzelt weniger beschwingte Meinungen; so mancher Kenner spricht nach ersten Probemustern quer durchs Bordelais von unregelmäßigen Qualitäten. Klar, ein Schlamper wird auch in einem sehr guten Jahr nur Mittelmaß keltern. Aber en gros überwiegen klar die positiven Kommentare bis hin zu einer Hochstimmung. „Die Lesebedingungen waren perfekt und ermöglichten eine optimale Reife“, urteilt Jean-René Matignon von Château Pichon Longueville Baron, aber er setzt auch gleich hinzu: „Es ist nicht einfach, ein Jahr zu charakterisieren, solange die Weine noch in der ersten Entwicklungsphase stecken.“

Wohl wahr, die Primeur-Verkostungen bescheren erste praktische Erkenntnisse über den Charakter eines Jahrgangs, aber auch nicht mehr, denn was über mehrere Tage hinweg tausendfach in den Gläsern schwabbt, das sind blutjunge, eigentlich unfertige Weine, die gerade mal ein knappes halbes Jahr im Faß liegen, teils oder überwiegend noch unter dem Einfluß der „Malo“ stehen, dem biologischen Säureabbau. Für einen erfahrenen Verkoster ist es zwar kein Problem, solche rohen Weine zu beurteilen, und gewiß erlauben die Degustationen richtungsweisende Urteile hinsichtlich des Grundcharakters eines Jahrgangs.

Aber abgesehen davon, daß bei den Hunderten von Faßproben, die tagtäglich im Ruckzuckverfahren verkostet werden, was Nase wie Gaumen spätestens nach dem dritten oder vierten Dutzend der jugendlichen Frucht- und Tanninbomben frikassiert, handelt es sich bei den Primeurs um Babyweine, also unfertige Natur im frühesten Stadium ihres Seins und späteren Werdens. Anders gesagt: Die Fehldiagnose ist vollautomatisch eingebaut. So mancher Schreiber hat sich - wie selbst der Weinpapst Robert M. Parker - hinterher korrigieren müssen, weil sich Weine nicht an die Vorhersage hielten und ihr eigenes Solo spielten. Hinzu kommt, dass die Güter logischerweise ihre besten Faßmuster für die Primeur-Verkostungen zusammen stellen, also hinterher nicht zwingend das genau Gleiche in der Flasche ist, was die Vorverkoster beurteilt hatten.

Das ist ein offenes Geheimnis, über das jedoch so gut wie nie gesprochen wird. Im kleinen Kreis und nach fortgeschrittenem Weinkonsum hat ein berühmter Produzent eines Premier-Guts aus dem St. Emilion bekannt, anstelle der späteren, sozusagen amtlichen Füllung ein Verkostungsmuster mit höherem Anteil an Merlot zu zeigen. Das verändert den Wein, macht in früher etwas fruchtiger und geschmeidiger, also auch genußfreudiger, wohingegen Reben wie Cabernet Franc und auch Cabernet Sauvignon deutlich mehr Zeit zur Reife benötigen. Eine Rolle für die Beurteilung der Weine spielt auch die Trinktemperatur. Der Kellermeister von Léoville-Las Cases drückte das einmal so aus, daß Médoc-Gewächse etwas wärmer serviert würden, damit deren Tannine nicht zu stark hervortreten, während die Kreszenzen von St. Emilion und Pomerol gerne etwas kühler angeboten würden, weil sonst deren höherer Alkoholgehalt dominiere.

Alte Kellermeister stehen dem Jahrgangsspektakel denn auch mit einer Mischung aus Skepsis und Spott gegenüber. Jean-Claude Berrouet, der langjährige Kellermeister von Pétrus, nennt das Testen der Faßmuster zu diesem frühen Zeitpunkt „eine Tollheit und ein Unglück für den Wein“ – zumal dann, wenn daraus, wie es längst Brauch ist, finanzielle Spekulationen resultieren.

Hinzu kommt, daß die von den Damen und Herren Verkoster demnächst in diversen Blogs und Magazinen mit hohem sittlichen Ernst präsentierten Weinnotizen in aller Regel nicht sehr erhellend sind, bezogen auf die Aussagekraft der einzelnen Kreszenzen, denn die Beschreibungen ähneln einander wie eineiige Zwillinge bis zur totalen Kenntlichkeit. Dem Weinfreund ist mit solchen Verkostungsschablonen wenig gedient, wenn nahezu jeder Wein notorisch mit Bildern à la Edelholz, Vanille, Pflaume, Cassis, Brombeere, Gewürzen, Trüffel und mehr oder weniger Teer, Schokolade, Mokka oder Minze gezeichnet wird. Es drängeln sich Kirsche neben Leder, Tabak, Orangenzeste und dunklen Früchten um die Wette, tummeln sich Seide und Samt, reife oder grüne Tannine.

Das ist vinologisches Schamanentum, übertroffen nur noch von der Erkenntnis, daß der Wein noch nicht seine Harmonie gefunden habe sowie von Phrasen à la knackige Säure, frisches Tannin und Füllwörtern wie lecker, blumig, fruchtig und einem "Wow" für einen Pétrus oder anderen Granden.

Die Beschreibungen solcher Jungweine sollten daher eher wie langfristige Wetterberichte gelesen werden, doch egal, die Methode hat kommerzielle Tradition, die Einladungen für das Primeur-Marathon sind längst versandt, die Hotels ausgebucht, der Kies vor den Chateaux aufgefrischt und die Fässer vorbereitet. Und ab etwa Mitte April werden die Gutsbesitzer – nach wechselseitigen argwöhnischen Beobachtungen - erste Preise nennen, wird dann die Subskriptionsmaschinerie der Händler weltweit anlaufen, werden die Weine schmuckvoll beworben – und es stellen sich drei Fragen:

1. Was taugt der Jahrgang?
2. Wie werden sich die Preise entwickeln?
3. Lohnt eine Subskription?

Zur Frage eins: Pauschal lässt sich sagen, daß der Jahrgang 2016 gut bis sehr gut, teils vielleicht auch groß ausfallen wird - letzteres gilt für Güter, die eine intensive Weinbergspflege und rigorose Selektion der Trauben betrieben haben. Das können sich vor allem jene Châteaux leisten, deren Portemonnaies dank der seit Jahren explosiv gestiegenen Preise bestens gefüllt sind.

Frage zwei: Führende britische Weinhändler sowie auch deutsche Importeure haben die Chateaux und Négociants erneut und eindringlich vor einem weiteren starken Hochdrehen der Preisspirale gewarnt. Viele Kunden, Gastronomen wie private Weinfreunde, haben sich längst von den teuren Bordelaiser Gewächsen im Zorn verabschiedet und sich Alternativen aus anderen Regionen zugewandt. Gleichwohl erwarten Marktbeobachter angesichts der „überdurchschnittlichen Qualität des 2016ers“ steigende Preise, auch wenn die internationale Konjunktur für teure Bordeaux nicht besonders günstig ist und der asiatische Markt sich doch eher beruhigt hat. Ob und wie stark der Anstieg tatsächlich ausfallen wird, ist freilich völlig offen.

Unabhängig von der Preisentwicklung für die 2016er-Weine werden die Preise der Elite-Güter à la Pétrus, Ausone, Cheval Blanc, Latour, Margaux, Haut Brion, der Rothschilds, von Le Pin, Lafleur & Co immer noch in Sphären schweben, die für den normalen Weinfreund unerreichbar sind. Ein Château-Nabob hat es unverblümt so gesagt: „Wenn Europa die Preise nicht zahlen will, die Asiaten und Amerikaner tun es!“ Ein Trost: Das Gros der rund 15 000 Winzer im Bordelais muß sich mit deutlich niedrigeren Preisen begnügen, und darunter sind viele Güter mit achtbaren Qualitäten. Außerdem lohnt 2016 der Blick auf ausgewählte Cru bourgeois genannte Bürgergewächse sowie die Zweitweine, also jene Gewächse, die für den regulären Château-Wein als nicht gut genug eingestuft werden, aber in besonders gelungenen Jahren – wie eben 2016 – von beachtlicher Qualität sind.

Frage drei: Lohnt eine Subskription? Das gleicht der Gretchenfrage. Subskription, das ist laut Brockhaus die „Übernahme einer Verpflichtung zur Abnahme oder zum Kauf eines Buches, das erst erscheinen soll“. Was die Lexikographen so harmlos definieren, bekommt beim Wein einen Zug ins Spekulative. Die Subskription ist eine Art Geschäft auf Verdacht, basierend auf der Erwartung, daß die Weine, die man vorzeitig erwirbt und zwei Jahre später geliefert bekommt, erstens von hoher, zumindest guter Qualität sind und zweitens preislich günstiger als danach zu haben sein werden. Beides fällt unter das Prinzip Hoffnung, garantiert werden kann weder das eine noch das andere.

Ein anderes Kapitel im Rahmen der Subskription ist, dass der Käufer nicht mit Sicherheit weiß, was qualitativ im 2016er-Wein drinsteckt und – vor allem – wie sich der Wein entwickeln wird. Zwar kann man sich einigermaßen auf die Beschreibungen seriöser Händler verlassen, doch in den frühen Urteilen, wenn binnen weniger Tage Hunderte von Faßproben im Ruckzuckverfahren verkostet worden sind, ist die Fehldiagnose vollautomatisch eingebaut.

Ein Vorteil der Subskription ist, dass der Käufer die Lagerung sowie die Entwicklung des Jahrgangs in seinem Keller kontrollieren kann – und er kann sicher sein, den Wein seiner Wahl auch zu bekommen, vorausgesetzt, er sitzt nicht einem Schwindler auf, denn zumal im Internet ist es nicht selten zu Betrügereien der Art gekommen, daß Anbieter zwar Geld kassiert, doch hinterher keinen Wein geliefert haben. Und wer subskribieren will, sollte sich die Angebote genau ansehen, denn die Preisunterschiede für dasselbe Château differieren zwischen den Händlern teils erheblich.

Andererseits bindet die Subskription gehöriges Kapital, abgesehen davon, dass es keine Garantie gegen einen späteren Preisverfall gibt. Eine globale Wirtschaftskrise kann auf den Bordeaux-Markt ebenso dämpfend wirken wie ein Weinskandal oder die Übermüdung auf dem bislang so hektisch boomenden Asien-Markt. Sollte sich die Natur einen Scherz erlauben und zwei, drei, vier Jahrgänge ab der 2017er-Ernte durchgehend in bester Qualität reifen lassen, würde dies die Preise für den 2016er wohl drücken.

Wer auf ein Château fixiert ist, dessen Wein unbedingt im Keller haben möchte und zudem glaubt, dass die Preise in den Jahren danach noch steigen werden, wird subskribieren, also bereits jetzt für den Wein bezahlen, der zwei Jahre danach ausgeliefert werden wird. Dies gilt insbesondere für Kultweine jener Güter wie etwa Pétrus, Ausone, Le Pin, Lafleur, Valandraud, die jährlich nur geringe Mengen bis zu einigen Zehntausend Flaschen füllen. Angesichts der hohen Preise sollte man freilich bedenken, ob es nicht eher dem Genuß dient, statt in Subskription in ausgereifte und sofort trinkbare Weine aus den 80ern, 90ern und frühen 2000ern zu investieren.

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