Château Margaux: Wechselbad zwischen Hochgenuß und Enttäuschung

„Wer genießen kann, trinkt keinen Wein mehr, sondern kostet Geheimnisse!“
Salvador Felipe Jacinto Dali i Domènech, 1904-1989

Margaux Pontallier_CorinneMit jenem unbeschreiblichen Ausdruck von erwartungsvoller Spannung, der Mensch wie Tier gleichermaßen überzieht, wenn sie fette Beute wittern, strichen am Abend des 4. April 2017 zwei Dutzend Weinfreunde um die Batterie von Bouteillen mit dem Genuß verheißenden „Chateau Margaux – Premier Grand Cru Classé“ auf den Etiketten herum. Die 30 Flaschen mit Jahrgängen zwischen 1945 und 2003 waren soeben von Florian Richter, dem Sommelier des schönen Hotels Kronenschlößchen, mit angemessener Umsicht dekantiert worden. Hans B. „HB“ Ullrich, der Gentlemanhotelier, hatte diese wahrhaft große Weinoper im Rahmen seines „Rheingau Gourmet & Wein-Festivals“ zurecht als Weltraritäten-Gala inszeniert.

Von berühmten Schauspielern wie Gustav Gründgens hieß es, sie hätten vor Aufführungen die Order gegeben: Alles Licht auf mich! Das ist wohl das Recht des Stars. An diesem Abend waren die Spots freilich auf große Jahrgänge à la 1961, 1982, 1983, 1986, 1988, 1989, 1990, 1996 sowie 2000 und 2003 gerichtet – diese Weine boten den einmaligen, von Liebhabern so sehr geschätzten Duft und Geschmack von Margaux. Insbesondere 1961, 1983, 1990, 2000 und auch 2003 begeisterten als Archetypen der Region Margaux. Hingegen blieben andere Jahrgänge geschmacklich leider auf der Strecke wie 1945 (oxidiert), 1955 (gezehrt), 1959 (schlechte Flasche), 1982 (schlechte Flasche, Korkverdacht), 1992 (korkig). Mehr en detail steht in den Steckbriefen – hier fließen auch Notizen von Jahrgängen aus anderen Verkostungen zurück bis 1787 ein (die Kronenschlößchen–Gewächse sind mit KS gekennzeichnet).

Ja, die Zeit bleibt stehen, wenn man große Weine trinkt. Das habe ich wieder beim 1983er Château Margaux erlebt. Der Wein begleitete aufs Artigste eine von Simon Stirnal mit Bravour gebratene Brust von der Etouffé-Taube. Er schmuste sozusagen mit der geschmeidig gerührten Sauce, und daß es zu dieser genußvollen Harmonie zwischen Speise & Wein kam, liegt am Wesen des Margaux, in dem sich ein männliches und weibliches Gen auf unnachahmliche Weise verschmelzen. Der Wein flanierte wie in Samt und Seide über die Zunge, was leicht vergessen läßt, daß in seinem schönen Körper auch ein robustes Herz schlägt. Michael Broadbent, mein langjähriger Nachbar bei vielen Weinproben, hat solchen Typus mal bildhaft schön als „Eisenfaust in einem Samthandschuh“ beschrieben – wohl wahr!

Die Farbe: immer noch tiefdunkelrot ohne die Spur eines hellen Randes. Der Duft: die Nase vibrieren lassend. Das Bukett ist ein komplex gebündelter Strauß aus Holunder, Veilchen, Crème de Cassis, Himbeere, Maulbeere, feinem Leder, etwas Kaffee, Vanille, einem zarten Gewürzhauch wie Piment und ein bißchen Edelbitterschokolade. Der Körper: dicht, geschmeidig, mit Tiefe. Der Geschmack: reich, voll, tief geschichtete Aromatik, nachhaltig, den Gaumen mit Generosität und zarter Süße quasi tapezierend. Der Wein, ausgestattet mit feinsten Tanninen und übrigens noch nicht ganz auf seinem Höhepunkt angelangt, versetzt die Sinne gleichermaßen in Spannung wie er sie charmiert. Das ist Margaux in Vollendung, ein Fruchtbündel voll Kraft und mit Eleganz.

Margaux ChateaualaPalladio

Ich habe den 1983er Margaux oft und mit zunehmender Begeisterung getrunken. Schon als blutjunge Faßprobe auf dem Château war die Größe dieses Weins erkennbar – anfangs hatten Händler wie gleichermaßen auch viele Journalisten den generell in der Region Margaux besonders gut gelungenen Jahrgang 1983 über den 1982er gestellt, doch inzwischen gibt es Korrekturen, wird der 82er von einigen Weinfreunden etwas höher bewertet. Der mächtige, für Margaux etwas untypisch maskuline, ja herrisch wirkende, doch trotz aller Wucht auch samten, fruchtdicht und geschmeidig gebaute 1982er hat seine Talente in der Jugend wohl nicht en detail offenbart, sondern sich damit Zeit gelassen und erst in den letzten Jahren mehr und mehr gezeigt, welch große Klasse in ihm steckt. Freilich gleicht solche Punkte-Huberei bei zwei Weinen, die einander und bei aller stilistischen Unterschiedlichkeit in ihrer monumentalen Größe in nichts nachstehen, einer intellektuellen Attitüde, die für den Weltenlauf so entscheidend ist wie etwa das Lockendrehen auf einer Glatze.

Allerdings gibt einem der 1983er Rätsel auf: eine Flasche begeistert durch Hochgenuß, die andere enttäuscht und läßt schon die Nase erschrocken kräuseln. Tatsächlich weist der Jahrgang eine überdurchschnittlich hohe Fehlerquote auf. Liegt’s an kontaminierten Korken, wie vielfach vermutet? Eher nicht, die Ursache ist weniger eine Trichloranisol-Attacke durch verunreinigte Korken, sondern ein Problem mit dem Spritzmittel Orthen. Das erst später auftretende „Stinkerl“ in etlichen 83er-Gewächsen ist selbst von gewieften Kennern als Jahrgangston erklärt und damit verniedlicht worden. Untersuchungen haben dann Orthen für den zuweilen „käsigen“ bis stechenden Ton dingfest gemacht, der in etlichen Bordelaiser Weinen der Jahrgänge 1983 bis 1985 festzustellen war und ist. Jedenfalls steckt in jedem 1983er-Margaux ein Risiko.

Aufstieg, Fall und Renaissance

Die Weine von Château Margaux, das mit Lafite-Rothschild, Latour, Haut–Brion und Mouton-Rothschild (seit 1973) als Quintett die 1855 angelegte Hierarchie der Médoc-Weine anführt, waren seit jeher weltberühmt für ihre Klasse. Und es kann ohne übertriebene Kühnheit angemerkt werden, daß Margaux innerhalb dieser elitären Fünfergruppe – in Konkurrenz mit Lafite und dem ganz anders gearteten, muskulöser gebauten Latour sowie dem grazilen Haut-Brion und dem fruchtig-gewürzigen Mouton-Rothschild – sozusagen als Primus inter pares dasteht, jedenfalls bis 1961 und danach wieder ab 1978. Wenn Latour der König des Médoc ist, dann ist Margaux die Königin. In seinen besten Jahren verkörpert Margaux dank seiner Finesse und reinen Schönheit die Vollkommenheit eines Weins.

Château Margaux:

Das in einem weitläufigen Park gelegene Château wird gerne als das „Versailles im Médoc“ gerühmt. Zum Anwesen gehören 262 Hektar Land, wovon 80 Hektar mit Weinreben bepflanzt sind. In der Regel besteht die Cuvée des „Grand Vin“ aus 75 Prozent Cabernet Sauvignon, 20 Prozent Merlot, drei Prozent Cabernet Franc und zwei Prozent Petit Verdot. Im Schnitt gibt es pro Jahr zwischen 160 000 und 200 000 Flaschen. Auf zwölf Hektar wird Sauvignon blanc angebaut, „Pavillon blanc“ genannt; davon werden im Jahresschnitt um die 33 000 Flaschen gefüllt. Als roter Zweitwein werden im Jahresmittel 200 000 Flaschen „Pavillon Rouge du Château Margaux“ vermarktet. Dieser Zweitwein, in den die Säfte von jungen Rebstöcken fließen und vor allem jene Partien, die für den „Grand Vin“ nicht für gut genug befunden werden, ist bereits 1908 erstmals präsentiert, doch 1930 vom Markt genommen und 1979 erneut aufgenommen worden.


Jeder große Wein hat sein originäres Profil, seinen ureigenen Charakter. Bereits vor mehr als 200 Jahren hat Thomas Jefferson (1743-1826), der große Weinliebhaber und Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Margaux gerühmt: „Ich kann Ihnen mit gutem Gewissen versichern, daß es keine bessere Flasche Bordeauxwein gibt.“ Und im Cocks & Feret, der Bibel der Bordelaiser Weingüter, heißt es 1893 in altmodischem Deutsch: „Das Château Margaux ist sehr alten Ursprungs und von altem Ruf. Das Weinland des Château Margaux umfaßt 80 Hektar, bepflanzt mit den besten Traubensorten und mit ganz besonderer Sorgfalt kultiviert. Es ist unnütz, seine Weine zu loben, welche einen wohlverdienten Weltruf genießen.“

Margaux Keller_alte_Flaschen

Allerdings ist Margaux auch ein Paradebeispiel für die Verschluderung von Potential. Die Schwächephase begann in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre und verstärkte sich dramatisch in den 70ern, bis 1978 eine gloriose Renaissance einsetzte, ausgelöst durch André Mentzelopoulos, den Immobilienkrösus und Besitzer der Ladenkette „Félix Potin“, der 1977 das Gut für 72 Millionen Francs erwarb. Der griechischstämmige, höchst agile und erfolgreiche Unternehmer mit französischem Paß war auf der Suche nach einer Investition und hatte schon mit Schloß Fuschl im Salzkammergut geliebäugelt, als er im Flieger von London nach Paris in der Zeitung las, daß die französische Regierung den Verkauf von Margaux an einen US-Getränkekonzern untersagte, weil das im Palladio-Stil erbaute Kleinod als Sinnbild gallischer Elegance nationales Kulturgut sei.

Mentzelopoulos reagierte spontan, reiste mit Frau und seiner 24 Jahre jungen Tochter Corinne an und kaufte das im Besitz der Familie Ginestet befindliche Gut. Bernard Ginestet, ein hochgebildeter Bonvivant mit vielfachen musischen Talenten, der nach einem lustig verlaufenen Essen in der prunkvollen Eingangshalle des Schlosses schon mal mit dem Besitzer von Branaire-Ducru um eine Magnum 1961 Billard spielte, hatte sich im Weinhandel verspekuliert und Schulden über Schulden angehäuft. Hinzu kamen die Ölkrise, ein von einem bis dato geachteten Handelshaus verursachter Panscherskandal und in der Folge ein monströser Verfall der Preise. Man schlampte, die Weingärten verkamen, die Trauben wurden nicht mehr selektiert, es fehlte Geld für neue Fässer, kurzum: ein Mythos bröckelte.

MargauxKathedraledesWeinsBariquekellerAndré Mentzelopulos, der vom ersten Augenblick an in das Château verliebt war und an eine gute Zukunft glaubte, investierte in erheblichem Umfang; zu den 72 Millionen Francs, die er für das Gut hinlegte, kamen weitere 140 Millionen für die Sanierung. Der Erfolg stellte sich rasch ein, schon der 1978er als erster Jahrgang der neuen Epoche läutete das goldene Zeitalter ein. Als Mentzelopulos im Dezember 1980 starb, übernahm Corinne, seine Tochter, die Leitung, maßgeblich unterstützt vom Önologen Emile Peynaud, Gutschef Philip Barré und von Paul Pontallier, der, gerade mal 27 Jahre alt und studierter Önologe, 1983 als Gutsverwalter begann und ab 1990 als Generaldirektor (und Nachfolger von Barré) bis 2016 fungierte (vor einem Jahr, nämlich am 28. März 2016, ist der charismatische Mann mit dem gewinnenden Lächeln frühmorgens seinem Krebsleiden erlegen). Während Laura Mentzelopoulos, die elegante, inzwischen verstorbene Witwe, ein luxuriöses Leben in sonnigen Gestaden bevorzugte, engagierte sich Corinne mit Courage im Gut. Ihr Motto: „Das Beste - oder nichts!“

In der Herstellung ihrer Rotweine ging die neue, bestens beratene Chefin den klassischen Weg. Der Most gärt cirka drei Wochen auf der Maische, und zwar in den traditionell großen Eichenholzbottichen. Danach wird der junge Wein 18 bis 24 Monate, abhängig von der Struktur des Jahrgangs, in Barriques aus neuem Holz ausgebaut, Schönung mit frischem Hühnereiweiß inklusive. Eine spezielle, bislang kaum kolportierte Methode ist die parallele Erzeugung eines sogenannten Preßweins: Ein kleiner Teil des Mostes, ungefähr acht bis zehn Prozent, wird nach der alkoholischen Gärung separat, also ohne den üblichen biologischen Säureabbau, auch Malolaktische Fermentation geheißen, ausgebaut und, sofern gut geraten, später dem Hauptwein zugesetzt, um dem ein Quantum mehr an Robustheit für ein längeres Leben zu mitgeben.

Die junge, vor Energie nur so strotzende Dame, die Skilaufen im Tiefschnee liebt und nur eine knappe Viertelstunde benötigt, um sich nach einem Gang durch die Weingärten für ein festliches Abendessen umzuziehen, hatte sich auch um die umfangreichen Immobilien in besten Pariser Lagen zu kümmern sowie um Aktien (beispielsweise bei Perrier-Wasser). Sie konnte und wollte das alles nicht mehr alleine bewältigen und vergab 1993, inzwischen an Körpergewicht deutlich hinzugewonnen und an Statur der Baronin Philippine von Mouton-Rothschild ähnlich, die Mehrheits-Anteile von Margaux an Fiat-Chef Gianni Agnelli im Tausch gegen andere Aktien, doch zehn Jahre danach holte sie sich, wieder erschlankt und ausgelöst durch den Tod von Agnelli, die Anteile für runde 440 Millionen Dollar zurück und wurde wieder Alleinregentin. Sie wird es wohl lange sein und das grandiose Gut dann an ihre Kinder weiter geben, die bereits großes Interesse zeigen.

Streifzug durch 230 Jahre Château Margaux in Steckbriefen:

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2003 Château Margaux: Tiefdunkelrot mit Lila. Opulentes, deutlich von roten Früchten, Veilchen und Röstaromen geprägtes Bukett a la Mokka, Tabak. Reich auch im Geschmack, freilich noch jung und diesseits seines Höhepunktes; die Gerbstoffe sind fein geschliffen, sehr nachhaltig im gleichermaßen kraftvoll wirkenden wie ziseliert angelegten Abgang. KS

2001 Château Margaux: Dunkelrubin mit Granatschimmer. Dichtfruchtiges Bukett mit Noten von Kirsche, Cassis, ergänzt um schwarzen Assam-Tee, Tabak, Zedernholz, etwas Lakritze und sanften Röstaromen. Die deutlich von Cabernet Sauvignon geprägte Cuvée (82 Prozent plus 4 Prozent Cabernet franc und je 7 Prozent Merlot sowie Petit Verdot) ist mittelgewichtig, balanciert, bietet schon seit einigen Jahren feinen Trinkgenuß.

2000 Château Margaux: Tiefdunkelrot mit Hauch von Purpur. Ungemein frisch in Duft und Geschmack, noch längst nicht ausgereift. Florale Töne (Veilchen) verbinden sich mit Cassis, Brombeeren, Mokka, Zedernholz, Vanille, etwas Nougat und Gewürzen zu einem Akkord von suggestiver Wirkung. Reich, kraftvoll, zugleich geschmeidig angelegter Körper von fruchtiger Dichte und struktureller Tiefe. Präzise geschliffene Aromen, hochelegant und lange prachtvoll nachhallend. Ein suggestiv wirkender Wein mit hohem Cabernet Sauvignon-Anteil von 90 Prozent (plus zehn Prozent Merlot). KS

1999 Château Margaux: Dunkles Rubin mit Purpurschimmer. Kraftvoll und zugleich elegant gewobenes Bukett mit Noten von dunklen Beeren (Holunder, Weichsel, Cassis), gefolgt von Bitterschokolade, Flieder, Gewürzen und feinen Röstaromen nebst leicht angetrockneten Südfrüchten und einer zarten Süße. Ein subtil balancierter Wein von klarer Tönung mit Finesse und viel Charme, stilistisch dem 1985er ähnelnd.

1998 Château Margaux: Dunkles Rubin mit Lilarand. Dichtfruchtig mit Noten à la Cassis, Brombeeren, Bitterschokolade, Kaffee, Leder, etwas Toast sowie einem zarten Hauch von Minze. Kräftiger und tanninreicher als der 1999er, auch strenger in der Stilistik, dabei ebenso elegant und nachhaltig im Geschmack.

1997 Château Margaux: Dunkelrot. Duftiges Mix aus Blüten, Beeren, Vanille, Tabak und toastigen Aromen wie Kaffee, gepaart mit Eichensüße und Karamell. Mittelgewichtig, nicht tief, doch geschmeidig, finessig, charmant, gehört zu den Besten dieses nicht gerade überschwänglich bedachten Jahrgangs. Auf seinem Höhepunkt, wird sich da noch gut halten. Ein gutes Beispiel für die Erkenntnis, daß nicht Tatsachen, sondern oft nur Meinungen über Tatsachen das Bewußtsein des Menschen prägen – oder kürzer gesagt: Der Margaux zeigt, daß der 97er-Jahrgang von Anfang an vielfach unterschätzt worden ist. KS

1996 Château Margaux: Tiefdunkelrot. Ein Wein, der Geduld einfordert. Ungemein dicht gewobenes Bukett, geradezu undurchdringlich, die Aromen sind teils noch versteckt. Wahrzunehmen sind in herrlicher Reinheit Töne wie Cassis, Brombeere, Veilchen, Vanille, Tabak und überaus feine Röstaromen nach Mokka. Lange anhaltender Nachgeschmack mit subtiler Süße. Der Wein ist reich, großzügig, nobel gebaut, noch nicht in seiner Vollkommenheit erblüht, doch ein Hochgenuß und läßt nur eines zu: Bewunderung. (Die Cuvée besteht aus 85 Prozent Cabernet Sauvignon, 10 Prozent Merlot, nebst etwas Cabernet franc und Petit Verdot) KS

1995 Château Margaux: Dunkles Rot mit Granatschimmer. Klares Cabernet-Bukett mit Noten von Cassis, Feige, Kirsche, Maulbeere, Tabak und schwarzem Tee. Kraftvoll auch im Geschmack, reich, elegant, fein gewoben und lange anhaltend. Das Tannin ist noch spürbar, aber fein poliert und von aufbauender Art. Ein Wein von suggestiver Wirkung – anders als der 1996er, doch keineswegs kleiner. KS

1994 Château Margaux: Dunkelrot mit Lilaschimmer. Füllig in Duft wie Geschmack mit Noten von schwarzen Früchten, Vanille, Veilchen, Tabak, etwas Minze und Gewürzen. Mittelgewichtig, hat sich gut entwickelt, die ursprünglich harten Tannine haben sich ins Geschmeidige gerundet. Gehört dank rigoroser Auslese zu den Besten des Jahrgangs. KS

1993 Château Margaux: Mittleres Rot mit Lilarand, leicht aufhellend. Der schwierig zu behandelnde Jahrgang hat sich gemausert. Der mittelgewichtige Körper verfügt über eine feste Textur und eine delikate, noch jugendlich wirkende Fruchtigkeit mit Noten von Cassis, Brombeergelee, Tabak, Kaffee, Vanille, Gewürzen. KS

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1992 Château Margaux: Dunkelrubin, riecht und schmeckt höchst unartig, fruchtlos, klar: korkkrank. KS
Bei einer anderen Verkostung präsentierte sich der 1992er als leichtgewichtiger Wein mit sanfter Frucht in Form von Cassis, eingelegten Pflaumen und ein wenig Minze nebst Lakritze, früh gereift und relativ kurzem Abgang mit subtiler Süße.

1991 Château Margaux: Dunkles Rubin. Erster Eindruck: Ein Mittelgewicht mit sanfter Frucht in hellen Dur-Tönen à la rote und schwarze Johannisbeere nebst Kirsche, vereint mit Tabak, Vanille und Gewürzen. Gut gereift, balanciert, macht Freude – ist so etwas wie der gehobene Lunchwein für die anspruchsvolle Lady. KS

1990 Château Margaux: Dunkelrot. Reich, kraftvoll und hochkonzentriert schwillt es aus dem Glas, im Nu füllt sich der Raum darüber mit einem wahrhaft erlesen gebündelten Duftstrauß aus Veilchen, Leder, dunklen Früchten à la Cassis, Brombeeren kandierten Veilchen, Mokka, Tabak und Gewürzen nebst etwas Minze. Ein Bündel an Kraft, Extrakt und Glycerin. Das Tannin ist noch präsent, doch geschmeidig geschliffen, seidig. Im ellenlangen Abgang schwingt etwas Schokolade mit, auch eine fein ziselierte Süße. Sanfte Röstaromen sind zu spüren. Ein enorm tief geschichteter, suggestiv wirkender Wein von komplexer Opulenz, der einem den Gaumen tapeziert und zumal in der Großflasche noch etwas Reife bis zur vollkommenen Finesse benötigt. Nichts ist vordergründig, nichts Raues stört. Ein Monolith, ein Naturwunder und zugleich ein Ausbund an Eleganz. KS

1989 Château Margaux: Dunkelrot. Betörendes, beim ersten Hinschnuppern an den 1982er erinnerndes Bukett mit Noten von schwarzen Johannisbeeren, Kirsche, getrockneter Maulbeere, Veilchen, Zedernholz, Kaffee, etwas Leder sowie Minze. Ein Wein aus einem heißen Jahr, die Trauben sind mit hohen Zuckerwerten gelesen worden. Das sorgt für Opulenz und Fülligkeit. Der Wein hat Schmelz und Charme, auch Länge, er ist hochdelikat, doch verfügt er nicht über die Eleganz und die Tiefe des 1990ers; mir erscheint er jedoch komplexer als ihm von Kritikern wie auch Robert M. Parker zugestanden wird. KS

MargauxKathedraledesWeinsBariquekeller1988 Chateau Margaux: Zwei aktuelle Verkostungen, zweimal Genuß. Der bei der großen Margaux-Arie im Kronenschlößchen eingeschenkte Wein hatte eine kräftige dunkelrote Farbe, er war klar texturiert, körperreich, muskulös. Ein Mix aus dunklen Beeren, Veilchen, Zedernholz, eingelegten Pflaumen und Vanille mit sanfter karamelligen Note im langen Abgang. Noch ein wenig von Tannin umarmt, aber die Frucht drängt bereits ungestüm nach vorne. Ein ernsthafter Wein, typisch für den klassisch zu nennenden Jahrgang. KS

Die zweite Bouteille erfreute am 25. Februar 2017im Restaurant Obauer (Werfen in Salzburg). Auch dieser Wein bestach durch muskulösen Körper und eine reiche Aromatik in Form von roten sowie schwarzen Früchten, gepaart mit Veilchen, schwarzer Trüffel, schwarzem Tee, ein wenig Edelbitterschokolade und durch eine verführerische Süße - im Nachklang schwang ein feines Karamell mit. Das Tannin zeigte noch Präsenz, doch war es bereits weitgehend geglättet und samtig gereift.

Die bei Obauer getrunkene Flasche aus dem Keller von Dr. Peter Baumann (Weinsammler aus Linz in Oberösterreich) war in besonders guter Verfassung: tiefdunkelrote Farbe, hochkonzentriert, lange anhaltend, sehr klassisch. Dazu hatte ich Paprikakutteln mit Saurüssel gegessen; das von Rudi Obauer meisterlich komponierte Gericht war der rechte würzige Gegenpol zum Wein, der bei aller margauxigen Finesse jahrgangsbedingt über eine stringente Ernsthaftigkeit verfügt. Der Wein beim Rheingau-Festival war um eine Spur weiter gereift und der ideale Partner zu einem von Küchenchef Simon Stirnal mit sehr feiner Hand zubereitetem Sot-l'y-laisse vom Hahn mit blauen Kartoffeln und Trüffeln (Sot-l'y-laisse, auch Pfaffenschnittchen genannt, sind kleine Fleischstückchen vom Geflügel, eingebettet in Skelettmulden beiderseits der Wirbelsäule am Rücken).

1987 Chateau Margaux: Mittleres Rubin mit Granatschimmer, aufhellend. Leichtgewichtig mit Noten von dunklen Beeren, aber auch Unterholz, grünen Kräutern, etwas Schokolade. Ausgereift.

1986 Château Margaux: Tiefdunkelrot. Dichtes Fruchtbukett, zusammengesetzt aus Maulbeeren, Cassis und etwas Sauerkirsche, ergänzt um Veilchen, Zedernholz, Vanille sowie Kaffee und ein wenig Minze. Ein körperreicher, muskulös gebauter Wein mit reichlich reifem Tannin, enorm viel Extrakt und Potential. Der Wein war lange verschlossen und hat seine Talente nur zögerlich preisgegeben; nun hat er ein Hochplateau seiner Entwicklung erreicht. KS

1985 Chateau Margaux: Tiefdunkelrot mit Hauch Lila. Ein Kraftbündel mit Aromen à la Cassis, Kirsche, Pflaume, etwas Tabak, schwarzer Trüffel, Lakritze. Der Wein ist von festgefügter Struktur, dabei wunderbar samtig texturiert, mit charmierender Süße im langen Nachklang. Das Tannin ist geschmeidig geglättet. Sehr delikat. KS

1984 Chateau Margaux: Dunkles Rubin, leicht aufhellend. Das Bukett ist deutlich von Cassis geprägt plus etwas Kirsche, Zedernholz, Vanille, Tabak und Lakritze nebst einem Hauch von grünen Kräutern. Gilt als Katastrophenjahr, weil die Merlot wegen Frost nahezu völlig ausfiel und somit der Cabernet dominiert. Entsprechend eindimensional wirkt der schmal gebaute cabernetlastige Wein, doch dank der Klasse von Chateau Margaux ist er genau das, was der Rheinländer lecker nennt. KS

1983 Chateau Margaux: Tiefdunkelrot, nahezu undurchdringlich. Kraftvoll, ungemein dicht gewoben, dabei vielschichtig und zugleich ziseliert Üppige Aromatik nach Holunder, Veilchen, Crème de Cassis, Himbeere, Maulbeere, feinem Leder, etwas Kaffee, Vanille, einem zarten Gewürzhauch wie Piment und ein bißchen Edelbitterschokolade. Ein Wein mit Tiefe, der sich lange zierte, bis er endlich, wenn auch noch zögerlich, seine Pracht preisgibt - siehe auch die Beschreibung weiter oben im Text. KS

Das berühmte, unvergleichliche Margaux-Düfterl

Es war im Jahre 1988, als sich auf Château Lascombes rund 50 Weinexperten, darunter neben einigen Journalisten vor allem Gutsbesitzer, getroffen haben, um trinkend und diskutierend eine Antwort auf die Frage nach dem typischen Geschmacksbild der Weine aus der Region Margaux zu finden. Aus der Vielzahl der Begriffe kristallisierte sich folgender gemeinsamer Nenner heraus:
Farbe: dunkles Granat.
Bukett: Aromen, in denen schwarze Trüffel, Brombeeren und Maulbeeren dominieren, mit Anflügen von Vanille und Tabak. Zudem sind auch Gerüche von Harz, Veilchen und gedörrten Pflaumen vorhanden.
Geschmack: Die Weine zeigen sich konzentriert, sind in ihrer Intensität reich und großzügig. Sie haben eine komplexe, harmonische Struktur und weisen eine gewisse Öligkeit auf. Ihre Rasse und Persönlichkeit sind nicht zu übersehen, ein besonderes Merkmal ist der nachhaltige Abgang.

Naja, ob dieser Steckbrief wirklich hilfreich ist und von der unverwechselbaren Typizität eines Margaux-Weines kündet, darf in Frage gestellt werden. Die Beschreibung gilt wohl auch für andere Regionen des Médoc wie speziell Weine aus Pauillac und St. Julien. Richtig ist allerdings, daß die guten und zumal großen Gewächse aus Margaux über ein ganz eigenartiges, ja in manchen Jahren wahrhaft unvergleichliches Bukett verfügen, also das klassische Margaux-Düfterl.

Das hat, immerhin, 1850 schon Charles Cocks gerühmt, der Engländer, der später mit Edouard Feret die Bordeaux-Bibel herausgab: „Diese Weine, sind sie zur Reife gelangt, haben viel Finesse, eine schöne Farbe, ein sehr anmutiges Bukett (!), das gar dem Mund schmeichelt; sie sind voller Kraft, ohne wuchtig zu sein; sie regen aufs Neue den Magen an, zugleich den Kopf schonend; sie halten den Atem rein und den Mund frisch.“


1982 Chateau Margaux: Mitteldunkles Rubin. Ein erster Nasenzug offenbart ein seltsam seicht angelegtes Bukett, das sogar etwas muffig düftelt. Auch geschmacklich ist der Wein weit von einem perfekten 1982er entfernt. Neben sanften Röstaromen ist allenfalls ein Anflug von hellen Früchten spürbar. Der Wein wirkt seltsam wie von einem Trauerschleier umgeben. Flaschenfehler? Gewiß, doch ist auch ein Korkfehler im Spiel. KS

Ein Jammer, ein idealtypischer 1982er bietet sich so dar: Dunkelrot mit Hauch Purpur. Herrlich reich und verführerisch in Duft wie Geschmack mit Noten von Cassis, reifen Maulbeeren, Vanille, schwarzer Trüffel, Schokolade, Röstaromen und etwas Minze. Verfügt über ein festes Gerüst, die Tannine sind inzwischen samtig gereift, der Abgang ist lang und flankiert von einer zarten Süße. Sehr stattlich und konzentriert

1981 Chateau Margaux: Dunkles Rubin. Sanftes Bukett mit Noten von Cassis, Vanille, gebrannten Mandeln. Der Wein erhebt naturgemäß keinen Anspruch auf Größe, doch verfügt er noch über eine leichte Fruchtigkeit; er hat sich sozusagen verschlankt. Im Glas bäumt er sich ein letztes Mal auf, das Spröde verliert sich, aber es bleibt jahrgangstypisch ein leichtes Gewächs, das seinen Höhepunkt hinter sich hat, aber beispielsweise in der Großflasche durchaus noch Freude bereiten kann. Jedenfalls gehört der 1981er-Margaux zu den Besten dieses gerne unterschätzten Jahrgangs. KS

1980 Chateau Margaux: Helles Rubin, hat sein jahrgangsbedingt kleines Potential längst aufgebraucht. In der Großflasche vermittelt der Wein noch einen gewissen Charme in Form einer kräuterwürzigen Cabernet-Stilistik; ansonsten ist er hostiendünn geworden und trocknet er aus. War ein gefälliger Wein für baldiges Trinken, dennoch: Respekt für die Leistung in diesem schwachen Jahrgang.

1979 Chateau Margaux: Mittleres Rubin, aufhellend. Fruchtig und würzig geprägtes Bukett mit malziger Süße. Der Jahrgang war von Anfang an seltsam angelegt, nicht Fleisch, nicht Fisch, irgendwie indifferent zwischen angenehm und nichtssagend. Hat seinen Höhepunkt hinter sich, in der Großflasche vermag der 1979er noch weichfruchtigen Charme zu bieten.

1978 Chateau Margaux: Der erste Jahrgang unter der Ägide von Mentzelopulos. Mittleres Rubin, aufhellend. Im Bukett finden sich sanfte medizinale Noten, ergänzt um etwas Cassis, Tabak, Vanille und einem Hauch von Minze. Der Wein ist kompakter als der 1979er, aber kein Bilderbuch-Margaux im Sinne von seidiger Finesse, sondern eher rustikal gewoben. Das Tannin ist noch spürbar, im Abgang schwing eine sanfte Süße mit. Wie viele andere 1978er zeigt er einen Mangel an Frucht.

Zwischen 1977 und 1966 litten die Weine arg unter der schluderigen Führung und der finanziellen Not der Besitzer. Der 1977er präsentierte sich schon früh als fade, leer und mit Essigstich. 1976: Leicht, ja seicht, dünn und derb. 1975: Alte Farbe, unangenehm die Nase beleidigend mit dumpfen Tönen ähnlich einem gärenden Krauttopf, um das Bild von einem Misthaufen nur gnädig anzudeuten. KS. Der 1971 er war von Anfang an derart mißlungen, daß er auch dem Personal als Arbeitstrunk vorgesetzt worden ist. 1970: Mittleres Rubin, aufhellend. Weit gereift, hat aber noch eine lebendige Art. In Bukett sowie Geschmack finden sich Noten nach gedörrten Früchten, Tabak, Leder, Unterholz, getrockneten Kräutern nebst einem ganz leisen schokoladigen Einschlag. KS

1966 Château Margaux: Die Farbe glänzt in dunklem Rubin. Das Bukett gleicht einem Strauß aus roten Johannisbeeren, Veilchen, Tabak, Leder, etwas Kaffee, Teeblättern und einem aparten Hauch von Minze sowie Kokosnuß und Karamell. Geschmacklich ist der Wein noch fest gebaut, die zarte Tanninherbe wird von einem Rest an Frucht generös umfangen. Eine zarte Süße à la Crème de Cassis dringt aus dem Glas. Es paaren sich auf köstliche Weise eine für die Margaux-Region typische fabelhafte Duftigkeit mit Fülle und Finesse. Ein anfänglich leichter Anflug von Champignon verfliegt im Glas. KS

Tatsächlich hat es Füllungen von unterschiedlicher Qualität gegeben, denn es finden sich auch 1966er, die gezehrt sind, die nach Pferdestall, altem Leder, Teer; Jod, Fenchel und Moos düfteln. Der 66er war übrigens der Lieblingswein von Richard Nixon, dem moralisch zwar anfechtbaren, aber gastronomisch kundigen US-Präsidenten.

1964 Château Margaux: Dunkles Granat. Düftelt nach Kohl, Kraut und Liebstöckel. Auch geschmacklich ungustiös mit medizinalem Ton, dünn, derb, kurz im Abgang. KS

1962 Château Margaux: Helles Rubin, aufhellend. Etwas morbide in Duft wie Geschmack, es lassen sich Aromen ausmachen, die an Toast und ältliche Erdbeermarmelade erinnern. Im Glas erlebt der Wein noch einen Anflug von Frucht, sozusagen ein letztes Aufbäumen vor dem Exitus. Im kurzen Abgang schwingt eine Säure von abbauender Wirkung mit. Die zum Rinds-Carpaccio servierte rote Bete half dem 1962er aus seinem Fruchtloch; die Bete wirkte wie eine Blutauffrischung. KS

1961 Château Margaux: Dunkles Rubin mit leiser Aufhellung. Delikat, mit seidiger Struktur. Ziseliert angelegtes Bukett mit Noten von schwarzen und roten Johannisbeeren, Kirsche, schwarzer Trüffel, Leder, Zedernholz und feiner schokoladiger Süße im nachhaltigen Abgang. Fest gebauter Körper, alles fein gerundet, ein genußvoller Wein und doch nicht ganz die Größe, die eine perfekt gelagerte Flasche zu bieten hat. KS

Die wunderbare Eleganz eines ideal gereiften 1961er-Margaux habe ich vor einem knappen Jahr dank einer Magnumflasche erlebt und hingebungsvoll notiert: Ein verheißungsvolles Bukett nach dunklen Früchten (Pflaume, Maulbeere), Blumen (Veilchen, Rose), schwarzem Trüffel, Leder – fein ziseliert und das typische Margaux-Düfterl perfekt spiegelnd, eindringlich und anhaltend. Seidig gewobener Körper mit Tiefe und Länge. Hat Grazie und zeigt bilderbuchhaft, daß junge Weine über Frucht und Fülle verfügen, perfekt gereifte Gewächse hingegen durch Nachhaltigkeit und eine mit Worten nur unzulänglich zu beschreibende Finesse bezaubern. Schmeckt perfekt zu einer Taube, artig gefüllt mit Gänseleber und à la Financiére (nach Finanzmanns-Art) flankiert von Geflügelklößchen, Hahnenkämmen, Champignons und schwarzem Trüffel

Margaux 1948_Chriesties

1960 Château Margaux: Altfarben mit bräunlichem Rand. Alt auch in Duft wie Geschmack. Der sehr selten gewordene, zwischen Größen wie 1961 und 1959 verloren wirkende Wein verfügt noch über einen Restcharme, aber das, was ich die Todessäure nenne, nimmt bereits überhand. Im Glas düftelt es immer stärker nach Champignons, feuchtem Unterholz und altem Faß. Der Wein ist oxidiert. KS

1959 Château Margaux: Dunkelrubin. Eine laktische Note dominiert das Bukett. Geschmacklich ist der Wein etwas besser als im Duft, aber es fehlt die einem gut gereiften 1959er innewohnende Finesse. Der Wein ist kurz, Folge einer schlecht gefüllten oder/und unzulänglich gelagerten Flasche. KS – Auch wenn der 1959er Margaux nie die Klasse eines Lafite aus selbem Jahr hatte, so gibt es doch Flaschen, die heute noch ein deutliches Mehr an Genuß bieten.

1955 Château Margaux: Hellfarben mit braunem Rand. Unangenehm düftelndes Bukett nach Stall, altem Faß, gärenden Kräutern. Dumpf auch im Geschmack, gezehrt, kurz, passé. KS

1953 Château Margaux: Ein subtil gereifter Wein aus einem finessigen Jahrgang – in Stil und Duft dem grandiosen Lafite-Rothschild desselben Jahres verwandt. In der Normalflasche schon weit gereift, man erlebt den Charme der Morbidezza, in Großflaschen ab der Magnum ein Vergnügen mit Aromen nach Veilchen, Cassis und etwas Minze.

Margaux 1945_blass1948 Château Margaux: Granatfarben. Süßlicher Duft, ein kurioses, gleichwohl angenehmes Mix aus eingelegten Kirschen, altem Beerengelee, Champignon, Leder und Minze nebst ein wenig Karamell. Der Wein hat noch einen stabilen Körper, ist redlich gealtert, aber letztlich doch nur für den Historiker von Interesse. KS

1947 Château Margaux: Mittleres Rubingranat. Sanftes und fein gereiftes Bukett mit Noten von Cassis, Kirsche, Tabak, schwarzem Tee, etwas gewürzig unterlegt. Der Wein ist von festgefügter Textur, gewiß kein Cheval Blanc, aber delikat mit zarter Süße. Auch der 1947er fällt von Haus aus sehr unterschiedlich aus; zumal in manchen belgischen Van-der-Meulen-Abfüllungen findet sich eine bemerkenswerte süße Note, als habe man doch einen Schuß Portwein hinzugefügt – was andererseits angesichts des heißen und trockenen Jahrgangs, in dem die Trauben überreif und mit hohen Zuckergraden gepflückt worden sind, unwahrscheinlich ist. Hat man Glück, öffnet sich einem noch eine Flasche mit feinem Duft, zarter Süße und geschmeidiger Finesse. KS

1945 Château Margaux: Leider ist der Wein mit aufgewirbeltem Depot serviert worden. Aber auch ohne diese „nebelige“ Zutat irritierte der Wein durch flüchtige Säure; er düftelte abgestanden wie mit Maggi versetztes Blumenwasser. Geschmacklich gab sich dieser 45er hantig, oxidiert, die einstige Finesse war nur erahnbar, das stinkige Element wurde immer lauter. Fraglos gibt es Flaschen mit besserem Inhalt, auch bezogen auf die Standardgröße. Das größere Kuriosum, das den meisten Teilnehmern der Probe im Kronenschlößchen allerdings verborgen blieb, war eine 1945er-Bouteille, deren Inhalt farblich einem weit gereiften Weißwein glich (siehe das Foto); lediglich im unteren Teil der Fasche war ein etwa zwei, drei Zentimeter hohes Rot zu sehen. Was war passiert, Fälschung, Mißgeschick bei der Füllung? KS

Margaux 17711928 Château Margaux: Ein maskuliner Typ in der Jugend, doch inzwischen weit gereift. Die Nase registriert bereits einen subversiven Duft nach Laub und Unterholz, aber auch nach der Süße welker Rosen. Die ehedem besonders harten Gerbstoffe haben immer noch eine leicht adstringierende Wirkung. Geschmacklich bietet der Wein noch eine Festigkeit, flankiert von Schokolade, ein wenig Kaffee und Kräutern. Sanftsüßlicher Nachklang.

1900 Château Margaux: Gesunde Farbe zwischen Granat und Rubin. Reifes, nach wie vor verheißungsvolles Bukett mit Noten von schwarzen Johannisbeeren, Karamell, Leder, Rosen und röstigen Tönen nebst etwas Minze, geschmeidig, gehaltvoll und finessig. Die Geschmacksintensität fasziniert noch nach 114 Jahren. Die fruchtige Fülle mit nussigen, tabakigen sowie kräuterigen und würzigen Aromen verbindet sich mit den seidigen Tanninen in feiner Harmonie. Das ist ein Monument ohne Runzeln, zwar reif, klar, aber noch voller Feuer und Leben.

1787 Château Margaux: Auf der mundgeblasenen Flasche dieses angeblich aus der Thomas Jefferson-Sammlung stammenden Weins ist „Margau“ eingraviert. Ich habe den Wein 1987 mit Hardy Rodenstock getrunken und notiert: „Farbe wie Rost. Nach zehn Minuten entfaltet sich ein Duft von zarter Art, karamellig und ein bißchen an Apfelrübenkraut erinnernd. Der Wein hat keine Unebenheiten, er tänzelt mit sanfter Süße und leichtem Prickeln über die Zunge. Es ist ein Wein mit festem Charakter. Hinterher probierte ich einen Schluck vom feinkörnigen Depot, das wie ein Konzentrat dieses großartigen Weines schmeckt.“

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