Genußatelier: 2008 Cuvée Mo Brut Nature Schloßgut Diel, Nahe

Zu den großen Wahrheiten des Lebens zählt die Erkenntnis, daß die Lady wie der Gentleman ohne Ansehen von Tageszeit, Wetter und Stimmung eines immer trinken können: Champagner – oder Sekt, der in Duft wie Geschmack weit über das bei deutschen Schaumweinen übliche Niveau hinausragt, bildhaft zu vergleichen mit einer Palme und einer Petersilie. Letztere symbolisiert die millionenfach erzeugten Sekte, wohingegen die Cuvée Mo für die stolze Palme steht; sie ist der Prestige-Schäumer des Weinguts und eine Hommage an Monika, die Herzenswärme und Fröhlichkeit ausstrahlende Frau von Armin Diel und Mutter von Caroline, die inzwischen das Haus führt.

Diel Mo_2007Hellgelb fließt die Cuvée Mo ins Glas, wo sich sogleich ein feines Perlen ereignet und schon beim ersten Schluck das auslöst, was der Herr von Goethe, immerhin ein erhabener Genußmensch, als Platzregen für die Seele beschrieb. Auch die Nase ist entzückt; sie nimmt einen ebenso reich wie kultiviert gewundenen Strauß an Aromen aus floralen, fruchtigen und würzigen Noten wahr. Es finden sich Mandelblüten, Walderdbeere, gelbe Früchte à la Pflaume, Johannisbeere und getrocknete Aprikose nebst einem Hauch von Schokolade sowie etwas Honig und ein kleinwenig Brioche – alles fein miteinander verwoben. Der Geschmack ist deckungsgleich mit dem Bukett: beides ist klar und rein texturiert, bestens gerundet, vielschichtig, nachhaltig, Kraft paart sich mit Eleganz.

In der Hausmitteilung steht: „Als Aperitif fast zu schade.“ Gut, daß die Diels noch das fast eingebaut haben, denn ich meine, daß die Cuvée Mo durchaus ein vorzüglicher Apero ist – nicht zwingend nach einem Tennismatch, wenn der Körper nach Flüssigkeit giert, aber sonntags anstelle des Kirchgangs oder spätnachmittags, wenn es gilt, sich für kommende kulinarische Zärtlichkeiten einzuüben, ist die Cuvée Mo jederzeit als Stimulans geeignet. Unnütz ist es, den Sekt, wie es manche Journalisten taten, mit einem Champagner gleichzusetzen, gar einem „Krug oder Vintage-Abfüllungen von Bollinger“. Trotz gewisser Parallelen, was Rebsorten und Kellertechnik anbelangt, darf nicht übersehen werden, daß Sekt wie Champagner auf unterschiedlichem Terroir basieren, abgesehen davon, daß zumal Krug und etwa ein 2008er Bollinger ziemlich weinige Kaliber sind, wohingegen die Cuvée Mo gerade durch ihre ziselierte Finesse glänzt.

Anders gesagt: Mit der 2008er Cuvée Mo Brut Nature (steht übrigens für den Verzicht einer Zuckerdosage beim Degorgieren) haben die Diels einen Sekt von außergewöhnlicher Klasse geschaffen, was sich freilich auch beim Preis von knappen 50 Euro zeigt. (www.diel.eu)

Aber bitte: Sekt ist nun mal nicht gleich Sekt. Die Unterschiede in Stil, Qualität und Geschmack sind groß. Die Güte und der Charakter des jeweiligen Jahrgangs spielen ebenso eine Rolle wie die Klasse der Weinbergslage, die verwendeten Rebsorten, der Zeitpunkt der Ernte, die Selektion der Trauben, die Arbeit im Keller sowie die Zeit der Reife – bei der Cuvée Mo liegen die zehn Monate lang in gebrauchten Eichenholzfäßchen ausgebauten Grundweine im Rahmen des zweiten, in Flaschen stattfindenden Gärprozesses immerhin um die 80 Monate lang auf der Hefe. Jede Kellerei hat ihre Philosophie, und die zeigt sich insbesondere bei der Zusammensetzung der Cuvée: Der „weiß gekelterte“ Spätburgunder bringt die fruchtige Kraft ein, die Mitgift des Weißburgunders ist die Rasse nebst floraler sowie mineralischer Finesse.

Generell lässt sich guter von schlechtem Sekt bereits an der Art des Mousseux erkennen. Je feiner die Perlen tänzeln, umso besser. Ein wesentliches Kriterium ist das Bukett. Feiner Sekt riecht nicht, er duftet. Je nach Typ wird die Nase zart nuancierte Aromen nach Blüten, Aprikosen, Apfel, Lindenblüte, Erdbeere, Haselnuss, Mandel, Zitrone, Vanille und Honig wahrnehmen. Auch Mineralien gehören zum Duftspektrum, ferner Töne, die sanft an frisches oder leicht getoastetes Weißbrot erinnern. Schlechter Sekt riecht unartig, streng, irgendwie chemisch, auch nach Geranien, Molke, altem Most, feuchtem Papier, Hefe, fauligem Brot und schimmeligen Keller. Gute Qualität erkennt man an der Harmonie der Aromen, schlechte schmeckt disharmonisch, oft süß-säuerlich.

In der Praxis kommt es häufig zu Missverständnissen. Zwei sind besonders bemerkenswert:

Irrtum Nummer eins: Sekt ist ausgereift, sobald er im Handelsregal steht. Das gilt für kleine Standard-Bruts ohne Jahrgang, nicht jedoch für hochwertige Vintage-Sekte wie speziell den Mo von Diel. Der ist wohl jetzt schon mit Genuß trinkbar, doch wird er durch zusätzliche Lagerung im Privatkeller an Finesse noch etwas gewinnen; er wird graziler, ohne an Temperament zu verlieren.

Irrtum Nummer zwei: Sekt paßt am besten zur feinen Küche. Das Gegenteil stimmt. Die Kohlensäure sprudelt gnadenlos jede Saucensubtilität hinweg. Ideale Partner für Schaumweine sind Speisen mit starkem Aroma à la Forelle Müllerin, Pot-au-feu, Rindsroulade, Würstchen mit Kraut, Salat, Frikadellen und lauwarmer Kartoffelsalat, Muscheln in Tomatensauce, Schlachtplatte, Sülze mit Bratkartoffeln, Eintopf, Spargel mit Hollandaise, gefüllte Kalbsbrust, Hummer l’armoricaine, Krebssülze.

Auch mit Sekt ist es wie beim Kaviar: nur beste Qualität bringt Genuss, bereits die zweite Wahl ist das Geld nicht wert. Ansonsten gibt es keine Vorschriften zum Genuss von Sekt wie geschmackstrockenen Schaumweinen generell. Das Glas sollte tulpenförmig sein, leicht bauchig und nicht streng zylindrisch, damit die Aromastoffe sich gut entfalten können. Prestige-Cuvées schmecken auch vorzüglich aus bauchigen Gläsern, wie sie ansonsten für Rotweine vom Cabernet-Typ geeignet sind. Abzulehnen sind schmale Flöten, darin können die Aromen nicht erblühen. Ein besonders negatives Beispiel sind die Sektkelche von Swarovski, an denen nur der Preis verblüfft: 298 Euro im Zweierset.

Egal, aus welcher Flasche der Korken hüpft, getrunken werden sollte Sekt und auch Champagner niemals schluckerlweise wie Wein. Das ist der halbe Genuss. Schaumweine müssen in Strömen fließen. Zwei, drei kleine Schlückchen in einem Zug sind der rechte Rhythmus, um die Sinne anzuregen und den Kreislauf zu animieren. Das stimuliert auch Emotionen, aber bitte, nichts ist angenehmer und macht die Menschen schöner sowie geistreicher als ein süßer kleiner Schwips. Das meinte wohl auch Catherine Deneuve mit ihrem poetischen Bekenntnis: „Der erste Schluck - und du sitzt auf einer rosa Wolke und beginnst zu schweben.“

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