Genußatelier: die rhetorischen Pirouetten der Aromenfetischisten

Je weniger ein Sommelier, Journalist oder Sonntagstrinker den zu beschreibenden Wein begreift, umso metaphorischer gibt er sich in seinem Wortgeklimper; das gleicht dem Lockendrehen auf einer Glatze.

Man kann einen Wein mit vielen schönen Worten beschreiben, aber auch nur sagen: Er schmeckt! Es gibt Gewächse, bei denen das ausreicht, vielleicht sogar schon zu geschwätzig ist, jedenfalls wenn man es mit der Stufenleiter des Trappistenideals hält: reden, schreiben, schweigen. Andererseits ist das Weintrinken mehr als Durstlöschen. Das Gespräch gehört zum Wein und macht daraus ein wesentliches Stück Trinkkultur. Insofern soll über Weine auch gesprochen werden, wie über Literatur und Musik, der Wein verdient es!

Entscheidend dabei ist freilich das Wie, und das ist, lauscht man den rhetorischen Pirouetten der Duftprofessoren, immer wieder ein leidiges oder amüsantes Thema, je nach Temperament des Betrachters. Schwenken unsere Nasenbären das Glas linksherum, nehmen sie, ganz klar, Himbeere wahr, beim Rechtsschwenk hingegen, ganz klar, Erdbeere. Und dann die Konkurrenz: Sagt der eine „frisch gekochte Orangen“, konstatiert der andere „wilde Fleischnoten und Teer an Süßholz“. Riecht einer beim burgundischen 1969er Chambertin aus dem Hause Leroy „Himbeernote, ganz typisch“, entgegnet der andere Degustationspapst „eindeutig schwarzes Johannisbeergelee mit Leder und Kaffee“.

Dem Chambertin ist das natürlich wurscht, er verströmt aller weinseligen Definitionshuberei zum Trotz großzügig seine Hunderte von Aromen, deren Fülle kein Mensch und nicht einmal ein routinierter Parfumeur wahrzunehmen in der Lage ist. Daß es dennoch immer wieder versucht wird, gebiert weinlyrische Blüten, die eher dem Lockendrehen auf einer Glatze gleichen als nachvollziehbarer Information. Je weniger ein Sommelier, Journalist oder Sonntagstrinker den zu beschreibenden Wein begreift, umso metaphorischer gibt er sich in seinem Wortgeklimper.

Einige Phrasen aus aktuellen Verkostungsnotizen mögen diesen unseligen Trend belegen. Da wird von einem Bukett geschwärmt, das „über Kaffee, Mokka, Schokolade und Kräuter“ bis hin zu „einer Kaskade verschwenderisch reifer Brombeeren und einem Traum von neuem Eichenholz“ reicht. Ein anderer dichtet über „Klumpen von Glyzerin im Mund, die Konsistenz erinnert an Motoröl“. Über ein elegantes Hochgewächs aus dem Médoc schreibt ein weiterer Verkoster, dies sei “eine exotische, wirre Art von Wein, der nach Marmeladen-Himbeeren, Rauch, Nelken und Karamell schmeckt“. Austauschbar und somit desinformativ ist folgende Rezension eines Grünen Veltliners aus der Wachau: „Gekochter Pfirsich, Lavendelnoten, Rauchtöne, recht viel Druck, tolle Rasse im leicht kernigen Extrakt, peppig, dick und satt im blitzblanken Finale.“ Halleluja!

Man muß ja nicht gleich Doktorarbeiten mit oder ohne Fußnoten schreiben wie jene Duftakrobaten, die in einem Nasenzug gleich ganze Körbe von Früchten, Blumen und Gewürzen nebst Dutzenden weiterer Standarddüfte von Leder über Zedernholz, Tabak, Butter, Vanille, Kakao und Gras bis hin zu Gummi und Azeton erschnüffeln und darüber ausladend schwadronieren. Da gerät die Attitüde leicht zur Plattitüde. Das sind Aromenfetischisten, die mich an jenen Theoretiker erinnern, der 67 Liebespositionen kennt, aber keine einzige Frau.

Im Grunde reicht eine leidenschaftslose Beschreibung. Riecht und schmeckt der Wein klar, sauber, angenehm, vor allem typisch für Rebe, Region und Jahrgang? Ist er schwach oder ausdrucksstark, mager oder opulent, hart oder weich, noch verschlossen oder bereits offen? Nimmt die Nase frische Töne wahr, reife, morbide, tote? Dominiert die Traubenfrucht oder das Holz, ist die Säure fein oder grün, gar beißend? Nach der sachlichen Definition darf selbstverständlich auch in Bildern geschwelgt werden. Weine erinnern an Blumensträuße, an Herbstnebel, Knusperhäuschen und Rosen im Morgentau. Sie können düfteln wie ein parfümiertes Gigerl, entzücken wie eine Sommerwiese, einen narren wie ein Kobold.

Die Welt des Weins ist groß und es gibt darin keine Wahrheit im Werte der zehn Gebote, aber die Antwort auf die Frage, wann man einen großen Wein trinken möge, kommt dem Absoluten sehr nah: Sofort, denn wenn du stirbst, trinkt sie deine Frau mit ihrem Freund - und umgekehrt!

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